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kobinet-nachrichten
06.09.2010 - 06:40
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Mainz (kobinet) Der blinde Journalist Hans-Peter Terno macht sich angesichts des Jubels über den Aufschwung und die Realität vieler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Arbeitsuchender in einem Kommentar für die kobinet-Nachrichten seine Gedanken. cm
Kommentar von Hans-Peter Terno
Was ist das doch für ein Aufschwung!
Sie kann sich nicht einkriegen, unsere Bundesregierung und unsere Arbeitsministerin. Rückgang der Arbeitslosenzahlen selbst im August 2010. Das ist doch toll. 25 Prozent dieser Arbeitsplätze sind "nicht regulär". Das heißt: entweder müssen die Arbeitnehmer zusätzlich ALG II beantragen, sind in schlecht bezahlter Kurzarbeit oder haben nur Zeitverträge. Das stimuliert die Konsumlust der Verbraucher. Flohmärkte, Aldi, Lidl und Konsorten können ein Lied davon singen. Auch in diesem Herbst wandern frohe Menschen mit geringem Einkommen durch die Felder und sammeln Fallobst ein, klauben liegen gebliebene kleine Kartoffeln auf. Schöne, neue Welt. Hamstern wie in Nachkriegszeiten.
Schwerbehinderte haben da aber ein Nachsehen. Finden Sie mal als blinder Mensch heruntergefallenes Fallobst. Eher fallen Sie auch auf dem holprigen Feld. Oder versuchen Sie mal mit Ihrem Rollstuhl in Felder zu fahren, die ein Kartoffelvollernter durchpflügt hat, um kleine Restkartoffeln aufzusammeln. Der Rollstuhl erleidet Achsenbruch und Sie müssen warten, bis Sie fittere Arbeitslose oder Niedriglohnempfänger aus den Furchen klauben.
Sie meinen, das könne nicht passieren, Schwerbehinderten ginge es doch gut? Da haben Sie die Politik der neuen Bundesregierung nicht einkalkuliert. Massive Einsparungen bei der Eingliederungshilfe, klamme Integrationsämter und Unternehmen, die nur junge, fitte Fachkräfte suchen, sind die Merkmale der neuen Aufschwungzeit. Allein im August 2010 stieg die Zahl arbeitsloser Schwerbehinderter um 1,3 Prozent an. Im Vergleich zum Vorjahr waren es über 8 Prozent mehr. Das ist die neue soziale Politik unserer Bundesregierung. Und: die richtig massiven Einschnitte in der Arbeitsmarktförderung kommen erst 2011.
Wenn eines sicher ist: die Zahl arbeitsloser Schwerbehinderter steigt weiter. Obwohl Job-Center, wie das Mainzer alles versuchen, das zu verhindern. So boten sie einem schwerbehinderten, arbeitslosen Diplom Bauingenieur einen Putzjob an. Fachkräftemangel? Ja, aber da nimmt man doch nicht gleich Schwerbehinderte. Jung und fit müssen sie sein, die neuen Arbeitnehmer, damit sie bis zu ihrer Rente mit 67 durchhalten. Wehe dem, den vorher eine Schwerbehinderung ereilt.
Zum Schluß noch ein Apell an unsere lieben, christlichen Sozialpolitiker: "Was Du dem Geringsten antust, tust Du mir an" (Jesus). Ist so gesehen die aktuelle Sozial- und Arbeitsmarktpolitik noch christlich?
Anmerkung:
Wer satirische Kommentare liebt, findet diese von Hans-Peter Terno jeden Sonntag unter www.landeszeitung-rlp.de
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