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28.02.2003 - 12:57

«Ich kann auch nicht frühstücken wann ich will».

Würzburg (kobinet) In der vergangenen Woche machten sich fast tausend behinderte und nichtbehinderte Menschen auf den Weg nach Magdeburg, um an der offiziellen Eröffnungsveranstaltung des Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderungen teilzunehmen. Im Rahmen dieses Kongresses wurde deutlich, welche Fortschritte die Politik in den vergangenen Jahren getan hat, aber auch, wo es noch Mankos in der Gesetzgebung gibt. Klare Forderungen und Notwendigkeiten wurden formuliert.

Wie weit Anspruch und Realität auseinander klaffen, musste zur gleichen Zeit Uli Lorey erfahren. Der Würzburger Rollstuhlfahrer streitet in einem mittlerweile dreijährigen Verfahren gegen die Stadt Würzburg (kobinet-nachrichten vom 14.02.2003), die die Assistenzkosten nicht im erforderlichen Umfang erstatten will. Während sich also Hunderte auf den Weg nach Magdeburg machten, führte Uli Lorey's Weg in den Verhandlungssaal des Verwaltungsgerichtes Würzburg. Ein mit gut dreißig ZuhörerInnen zum Bersten vollbesetzter Saal bewies das rege Interesse an diesem Prozess.

So viel vorweg: Ein Urteil wurde an diesem Tag noch nicht gefällt, da Lorey's Anwalt ein wichtiges Schreiben nicht rechtzeitig vorlag. Berichtenswert sind dennoch einige Aussagen und die Verhaltensweise des Würzburger Sozialreferenten Dr. Peter Motsch, der in dem Verfahren die Stadt vertritt.

So meinte dieser unter anderem, es ginge nicht mehr, dass Behinderte rund um die Uhr selbst über ihren Tagesablauf bestimmen könnten, wenn sie dazu auf Hilfe angewiesen seien. Er könne schließlich auch nicht frühstücken, wann er wolle. Die Gesellschaft könne sich die hohen Kosten nicht mehr leisten. Man solle nur auf die Straße gehen und die Passanten fragen. 99 Prozent würden seine Meinung teilen. Natürlich müsse die Behörde neben der notwendigen grundpflegerischen Versorgung ein Minimum an Eingliederungshilfe bewilligen. Was angemessen sei, liege jedoch im Ermessen der Kommune und nicht der Betroffenen.

Besonders peinlich verhielt er sich in einer Verhandlungspause gegenüber Uli Lorey und anderen anwesenden behinderten Menschen. So sagte er, es sei gefährlich, was diese trieben. Was er genau damit meinte, tat er nicht kund. Möglicherweise war damit der Umstand gemeint, dass Lorey ein Urteil will und mit einem Vergleich nicht einverstanden sein kann. Außerdem möge man doch Verständnis mit ihm haben und akzeptieren, dass sich Behinderte angesichts der leeren Kassen nun einschränken müssten. Da könne man sich Selbstbestimmung nun mal nicht mehr leisten ...

Das Urteil wird in den kommenden Wochen erwartet. Beide Parteien verzichteten auf eine weitere mündliche Verhandlung. Wir werden berichten. elba

Porträtfoto: Uli Lorey

 

 
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Leserbriefe zu diesem Artikel:.

Kerstin G Frank schrieb am 01.02.2012, 13:59

Ich kann auch nicht frühstücken wann ich will

Ich bestädige als Betreuerin eines an Multiple Sklerose erkrankten Menschen Herrn Motsch's diskriminierenden, geschmacklosen und rücksichtlosen Äußerungen, die allerdings von der Stadt Würzburg toleriert werden. Er ging seinerzeit sogar soweit, Schwarzarbeit von polnischen Frauen in der Betreuung und Pflege zu empfehlen, damit die Kosten der Stadt gespart werden. Es ist absurd, was im Hirn dieses Menschen vorgeht, abgesehen davon, dass er sicher ein guter Jurist ist. Aber mit dieser Berufsgruppe hat ja auch unser Staat an anderer Stelle so manche Probleme. Das heißt: Zum Moralapostel kann Herr Motsch in der heiligen Stadt Würzburg nicht mehr ernannt werden. Er geht einen anderen Weg und der ist absolut abwegig, auch für die Integration und Gleichberechtigung der Menschen mit Behinderung.

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