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13.07.2004 - 08:21

Sommerzeit - Zeit der schönen Reden.

Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul Kassel (kobinet) So widersprüchlich wie die Tatsache, dass derzeit Sommerfest bei fast winterlichen Temperaturen gefeiert werden, sind auch die schönen Reden, die zur Zeit landauf landab anlässlich dieser Feste in so manchen Einrichtungen gehalten werden. Viele schöne Worte von Wohltätern, die sich meist nur selbst auf die Schultern klopfen und feiern vertuschen die Kälte und Ausgrenzung, die das Jahr über in vielen Einrichtungen herrscht. Das bewußte Weglassen von Gebärdendolmetschern bei den Reden und der Theateraufführung in einer Schule für Gehörlose und Schwerhörige bei einem dieser unsäglichen Sommerfeste ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Diese macht aber deutlich, wo wir in Deutschland stehen und auf welchem Bewusstseinsniveau sich der vielgepriesene Paradigmenwechsel dort bewegt, wo behinderte Menschen noch leben und lernen müssen. Wir haben uns ja mittlerweile an vieles gewöhnt, an das man sich eigentlich gar nicht gewöhnen dürfte: Die nichtbehinderten EinrichtungsleiterInnen sind diejenigen, die das Wort führen und die in der Presse verkünden, wie toll die Einrichtungen sind und wie gut es die behinderten Menschen dort haben. Je mehr behinderte Menschen in einer Einrichtung kaserniert werden oder in einer Werkstatt arbeiten müssen, umso lauter wird meist auch die Beschwörung der Integration und des Dazugehörens. Große Einrichtungskomplexe werden zum festen Bestandteil der Nachbarschaft, wenn ein paar der Anwohner zum Fest kommen. Von den geringen Löhnen, die behinderte Menschen in den Werkstätten für behinderte Menschen erhalten und von den geringen Chancen auf einen Arbeitsplatz mit der entsprechenden Unterstützung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ist dabei meist nicht die Rede. Auch von der zum Teil lebenslänglichen Unterbringung vieler behinderter Menschen in Doppelzimmern oder zum Teil sogar noch in Dreibettzimmern in den Einrichtungen will bei dem Trallala der Sommerfest auch niemand reden. Wenn dieses Leben in einer normalen Nachbarschaft denn so geschätzt wird, wenn die Qualität des Wohnens behinderter Menschen so hoch geschätzt wird, wenn integrierte Arbeitsplätze wirklich gewollt werden, wo sind dann die Aktivitäten, die sicher stellen, dass die bestehenden Einrichtungen nicht noch größer und sich dieses System nicht noch krakenhafter ausweitet? Wo ist die vielbeschworene Zivilcourage oder die Hingabe der vielen HelferInnen für die Betroffenen, wenn es darum ginge, sich für deren Rechte und für ein menschenwürdiges Leben einzusetzen? Doch das scheint noch nicht schick zu sein. Zum Glück gibt es ein paar positive Beispiele, an denen man sich festhalten und Hoffnung schöpfen kann. Diese kann man aber fast noch an einer Hand abzählen - das reicht uns aber nicht! Deshalb tun gerade in der Zeit der schönen Sommerfeste und der einlullenden Klänge einer scheinheiligen Integrationsoperette der Wohltäter kräftige Mißtöne Not. Wenn das Wetter schon so schlecht ist, muss das grausige Schön-Reden der Aussonderung nicht auch noch widerspruchslos hingenommen werden. Reisst die Mauern nieder - ambulant vor stationär - muss die Losung der Zukunft heißen. Mehr Sonnenschein für alle! omp 

 
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Leserbriefe zu diesem Artikel:.

Martina Marion schrieb am 17.07.2004, 12:15

Zeit der schönen Reden

Ich kann mich den Worten von Manfred anschließen.Ich habe selber 3 Jahre in einer spogenannten Berufsbildungseinrichtung für berufl.Rehabilitation leben müssen.(Internat)Wehe dem der sich nicht verbal wehren konnte.Wär sich nicht zu der christl.Weltanschauhung bekehren lies hatte es schwer.Ich konnte mir die Rehaeinrichtung nicht selber aussuchen.Sonst wäre ich in eine staatliche gegangen.

Manfred Keitel schrieb am 15.07.2004, 15:07

.

Hallo,

für die Betroffenen, die in Anstalten leben mussten oder müssen, ist es schwer, über die dort erlebten Diskriminierungen und die Auswirkungen auf Psyche, Physis und Alltag zu reden. Alleine Formulierungen zu finden ist eine Herausforderung, denn das Leben in solchen Einrichtungen kommt allzuoft einer Gehirnwäsche gleich! Vielen, vielen Dank für Eure Aktivitäten!

Manfred

Uwe Heineker schrieb am 13.07.2004, 12:04

Passend hierzu ...

... ist das folgende Gedicht von Rolf Krenzer:

Am Tag der offenen Tür

Am Tag der offenen Tür lässt man sich Waffen und Orden zeigen und darf einmal in den Panzer steigen. Erlesene Technik. Moderne Truppe. Und gratis ein Teller Erbsensuppe. Am Tag der offenen Tür.

Am Tag der offenen Tür kann man die Äffchen im Zoo besuchen und füttern mit Nüssen und süßem Kuchen. Es jammern die Äffchen an solchen Tagen oft Über ihren verdorbenen Magen. Am Tag der offenen Tür.

Am Tag der offenen Tür kann man sehn, wie Behinderte leben und Spenden und Sammlungen übergeben, kann einmal behinderte Kinder anfassen. Wer was auf sich hält, muss sich sehen lassen! Am Tag der offenen Tür.


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