28.07.2004
- 09:00
Sozialamt droht mit Heimeinweisung.
Von kobinet-Korrespondent Ralph Büsing
Goslar (kobinet) In der niedersächsischen Landeshauptstadt wird im Landtag über ein Antidiskriminierungsgesetz verhandelt, welches auch behinderte Menschen mit einschließt. Doch die provinziale Basis in Person der Stadt Goslar nutzt den bislang noch ungeschützten Raum behinderter Menschen und zeigt uns, wie Diskriminierung richtig funktioniert.
Thomas Schlichting ist 27 Jahre alt und sitzt wegen einer fortschreitenden Muskelerkrankung im Rollstuhl. Im August letzten Jahres verlässt er sein Elternhaus und will sich einen Lebenstraum erfüllen. Ein selbstbestimmtes Leben in einer eigenen Wohnung. Der zuständige Sozialhilfeträger lässt dieses Ansinnen zum Albtraum werden.
Obwohl dem Sozialhilfeträger die Situation von Thomas Schlichting durchaus bekannt war, schließlich hatte der durch seinen Hausarzt ein Attest vorgelegt, bewilligte er zunächst die Kostenübernahme für Assistenzkosten für 40 Minuten pro Tag. Nach Widerspruch gegen diesen Bescheid revidierte der Kostenträger selbigen und bewilligte 300 Minuten pro Tag. Auch gegen diesen Bescheid legte Thomas Schlichting Widerspruch ein, nicht zuletzt mit dem Verweis, dass ein vergleichbar Betroffener im gleichen Landkreis fast 24 Stunden Assistenz bewilligt bekam.
Dieser mehr als sieben Monate andauernde Kampf zerrt sehr an den Kräften des jungen Mannes. Der Hausarzt indizierte jetzt eine nächtliche Sauerstoffgabe und attestierte die Notwendigkeit einer 24-Stunden-Assistenz.
Dem begegnet der Kostenträger mit einem Angebot von 12 Stunden pro Tag und führt dazu aus: «Der Vorrang der häuslichen Pflege gilt nicht mehr, wenn diese mit unverhältnismäßigen Mehrkosten verbunden ist und eine geeignete stationäre Hilfe zumutbar ist.» Bei dieser Gelegenheit teilte man Thomas Schlichting auch gleich mit, dass bereits drei in Frage kommenden Heime gefunden sind.
Gekrönt wird dies schließlich noch mit der ultimativen Aufforderung, sich bis zum 6. August entscheiden zu müssen. Der Gesundheitszustand von Thomas Schlichting wird durch diese menschenunwürdige Behandlung zunehmend gefährdet. Er braucht dringend unser aller Hilfe. Und: Heute ist es Thomas, morgen … sch
Leserbriefe zu diesem Artikel:.
Manfred Keitel schrieb am 30.07.2004, 18:50
Anstalten? Nein!
Ich finde es skandalös mit welcher Selbstverständlichkeit Würde und Unversehrtheit eines Menschen, speziell dieses behinderten Bürgers in Goslar, verletzt wird. «Der Vorrang der häuslichen Pflege gilt nicht mehr, wenn diese mit unverhältnismäßigen Mehrkosten verbunden ist und eine geeignete stationäre Hilfe zumutbar ist.» Zumutbar ist also das gnadenlose Zerstören eines langsam intakteren Lebens, denn "Heim"strukturen erschweren persönliche Entwicklungen und verhindern zugunsten von der Einrichtung ganz alltägliche Entscheidungen, die jeder Mensch in seinem Leben trifft. Haltet uns auf den Laufenden und gebt uns bescheid, wann und wenn wir aktiv werden können! Behinderte Menschen wissen aus Erfahrung, daß Heime für sie nicht zumutbar sind. Weg mit den Mauern!
Grüße
Manfred
Anke Merkel schrieb am 29.07.2004, 13:29
Thomas Schlichting
wir, ich und meine Mutter haben Thomas im vergangenem Jahr kennen gelernt. Er wohnte zu diesem Zeitpunkt noch bei seinen Eltern und war ein unselbständiger und schüchterner junger Mann. Nach seinem Umzug nach Goslar haben wir ihn besucht und haben eine riesigen Schritt zu seiner Persönlichkeitsentwicklung erlebt. Auch bei jedem weiteren Treffen haben wir nur Positives feststellen können. Es war für uns jedesmal eine neue Überraschung wie selbständig er in seinen entscheidungen gewurden ist. Wir können nicht verstehen, daß ein junger Mensch der sich so positiv entwickelt hat erneut in die Unselbständigkeit und Abhängingkeit gebracht werden soll. Es ist auf keinen Fall gut für ihn.
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