Kobinet Logo
Druckversion
kobinet-nachrichten 03.08.2004 - 09:23
URL:
http://www.kobinet-nachrichten.org

Die Zahlen sprechen für sich

.

Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul Kassel (kobinet) Ein Sprichwort sagt zwar, dass man nur der Statistik trauen soll, die man selbst gefälscht hat, doch sprechen die Zahlen, die Martin Seidler aus den Blättern der Wohlfahrtspflege gefischt hat, schon für sich Bände. Während sich Länder wie Schweden oder die USA schon seit vielen Jahren mit dem Abbau und der Auflösung von Behinderteneinrichtungen beschäftigen und die Rahmenbedingungen für ein Leben in der Gemeinde für behinderte Menschen stetig verbessern, schnellen in Deutschland die Zahlen der stationären Unterbringung behinderter Menschen weiterhin in die Höhe. Ein Wachstum von fast 55 % innerhalb von zehn Jahren von 103.519 behinderten Menschen, die im Jahre 1991 in einer stationären Einrichtung lebten auf 160.346 im Jahre 2001 sollte uns schwer zu denken geben. Diese Entwicklung zeigt nicht nur, dass der Betrieb von stationären Einrichtungen angesichts solcher Wachstumszahlen nach wie vor ein boomender Markt sein muss, sondern ist auch ein gutes Spiegelbild dafür, wie es um die Behindertenpolitik in diesem Land wirklich steht. Auf der einen Seite gehören toll klingende Slogans wie Selbstbestimmung, Gleichstellung und Mitbestimmung mittlerweile zum Sprachgebrauch der PolitikerInnen und «WohltäterInnen» und finden sich sogar in immer mehr Gesetzen. Auf der anderen Seite wird im Stillen mit viel Schulterklopfen für die «WohltäterInnen» ein Aussonderungssystem ausgebaut und perfektioniert, von dem kaum jemand Kenntnis nimmt. Damit werden totale Systeme geschaffen und ausgebaut, die viele Freiheiten der Betroffenen einschränken und sie in institutionelle Zwänge drücken, die meist nur noch wenig mit ihren individuellen Bedürfnissen, Träumen und Zielen zu tun haben. Noch schwerwiegender ist dabei jedoch, dass damit Entwicklungen für viele Jahre festgeschrieben werden, denn diese Einrichtungen werden nicht mehr so schnell abgerissen. Das heißt, es gibt wenig Zukunft für ein möglichst normales Leben innerhalb der Gemeinde für über 160.000 Menschen in diesem Lande. Das von der rheinland-pfälzischen Sozialministerin Malu Dreyer verkündete Moratorium zum Ausbau von Einrichtungen und Einrichtungsplätzen ist demgegenüber ein Lichtblick, den es zu unterstützen gilt. Denn ihr sitzen die VertreterInnen der Einrichtungen und Wohlfahrtsverbände bereits im Nacken, um diesem neuen Trend entgegen zu wirken und jegliche Weiterentwicklung der Behindertenpolitik hin zu einem selbstbestimmteren Wohnen zu verzögern und zu blockieren. Wenn wir der Kasernierung all derjenigen, die in unserer Gesellschaft mehr Hilfe brauchen oder nicht ins Bild passen entgegen wirken wollen, ist es höchste Zeit, dass sich die Behindertenbewegung und die ihr verbundenen Personen schnellstmöglich mit den bestehenden Behinderteneinrichtungen befassen und diese zu Reformen und Auflösungen zwingen. Denn, wenn unsere soziale Marktwirtschaft eines bewiesen hat, ist es das: Wo ein Markt ist, werden auch Angebote geschaffen. Wenn die Weichen endlich wirklich auf ambulant vor stationär gestellt würden, ließen die Alternativen zum boomenden Markt Behinderteneinrichtungen im ambulanten Sektor sicherlich nicht lange auf sich warten. Für viele Beschäftigte in diesem Bereich wäre dies sicherlich auch eine würdigere und zufriedenstellendere Betätigung. omp 

  Follow @kobinetev
Empfehlen Sie diese Seite Ihren Freunden bei Facebook
nächste Nachricht >>
Leserbrief schreiben
Artikel versenden

© Kooperation Behinderter im Internet e.V.
Alle Rechte vorbehalten

Seite drucken
Zur Online Version