
Von kobinet-Korrespondent Franz Schmahl Berlin (kobinet) Mit dem BIENE-Award für barrierefreie Internet-Gestaltung werden die Aktion Mensch und die Stiftung Digitale Chancen am 3. Dezember wieder die besten deutschsprachigen Webseiten prämieren. Mehr als 1500 Verbände, Unternehmen und Behörden haben die Wettbewerbsunterlagen vor der am 1. August abgelaufenen Bewerbungsfrist abgerufen. Das sind weit mehr als im vergangenen Jahr, so Jutta Croll von der Stiftung Digitale Chancen in Berlin. Andererseits zeichnen sich Tendenzen ab, die Kriterien für ein barrierefreies Internet aufzuweichen oder mit fragwürdigen Prüfsiegeln und Gefälligkeitsgutachten zu hausieren. BIENE («Barrierefreies Internet eröffnet neue Einsichten») ist nun mit der Sichtung der eingereichten Beiträge gehalten, wiederum Maßstäbe zu setzen. Mit dem Wettbewerb soll gezeigt werde, dass es möglich ist, Webseiten für alle verständlich und zugänglich zu gestalten, sagt Iris Cornelssen von der Aktion Mensch. Dass dies noch keine Selbstverständlichkeit ist, erleben Internet-Nutzer fast täglich. «Wer beispielsweise mit dem Handy im Internet surft, stößt immer wieder auf Webseiten, die nicht zugänglich sind. Schuld daran trägt jedoch nicht das Mobiltelefon, sondern die jeweilige Webseite. Sie ist nicht barrierefrei programmiert und kann daher nicht von allen Ausgabegeräten bedient werden. Gerade Menschen mit Behinderungen, die auf spezielle Techniken zur Internetnutzung am Computer angewiesen sind, schließt das von vielen Web-Angeboten aus. Auch eine komplizierte Sprache oder unzureichende Link-Beschriftungen können jede noch so liebevoll und aufwändig gestaltete Webseite für bestimmte Benutzergruppen unbrauchbar machen», ist auf www.biene-award.de zu lesen. Es nutzt also das modernste Gerät nicht, wenn der Webgestalter hinter den Erfordernissen der Zeit zurück geblieben ist. Die Zeichen der Zeit haben offenbar auch Kommunalpolitiker wie Dr. Bernd Jürgen Schneider aus Nordrhein-Westfalen noch nicht begriffen. Schnell angelesenes Halbwissen in seiner Pressemitteilung (kobinet 31.7.04), wurde kritisiert. Aus dieser Richtung werden von den Profis in der Szene weitere Versuche erwartet, die Kriterien für ein barrierefreies Internet aufzuweichen. Ebenso wenig hilfreich sind Gefälligkeitsgutachten von behinderten Nutzern für prominente Internet-Anbieter oder die Zertifizierungsbemühungen von DIN Certco aus Berlin in Sachen Barrierefreiheit aufgenommen worden. Für viel Geld will www.din-certco.de nun sein Prüfsiegel vergeben. Noch vor dem gegenwärtig laufenden Pilotverfahren wurde die Gebührenordnung vom 1. April 2004 als PDF-Datei angeboten. Abgesehen davon, dass es noch keine DIN (Deutsche Industrienorm) für ein barrierefreies Internet gibt, kochen die Konformitätsprüfer in Berlin auch nur mit Wasser und nutzen mehr oder weniger wie alle anderen, was derzeit an Prüfkriterien angesagt ist. Neu bei DIN Certco ist für die Szene nur, dass die einzelnen Prüfschritte mit «Gebühreneinheiten» abgerechnet werden. TÜV als Traum von DIN-Leuten, witzelte ein Kritiker. Der Vorteil beim BIENE-Award wurde von bisherigen Teilnehmern als gute zusätzliche Möglichkeit ausgemacht, die eigenen Angebote auf ihre Nutzbarkeit hin zu überprüfen. Selbst wer nicht bei der Preisverleihung berücksichtigt wurde, konnte bisher kostenlos einen Prüfbericht nutzen. Alle Wettbewerbsbeiträge müssen nicht nur die Prüfverfahren auf Grundlage der Barrierefreien Informations-Technik-Verordnung (BITV) sowie anderer relevanter Zugänglichkeitskriterien bestehen, sondern auch Praxistests mit betroffenen Nutzern. Für die Teilnehmer hat das strenge Auswahlverfahren viele Vorteile, was Preisträger wie Teilnehmer im vergangenen Jahr bestätigten.