Kopf-Werbung und Navigation überspringen
Kopf-Werbung überspringen

Werbung
Werbebanner zu Barrierefreie Reiseziele
Werbebanner zu Hier könnte Ihr Werbebanner sein
Werbebanner zu Barrierefreie Reiseziele
Werbebanner zu Hier könnte Ihr Werbebanner sein
Link zur Startseite Link zur Inhaltsübersicht Link zu Informationen Link zur Kontaktseite
Druckversion
06.08.2004 - 08:11

Wozu noch Sonderschulen?.

Ein Kommentar von kobinet-Redakteurin Christiane Link

Hamburg (kobinet) Dass die Theateraufführung beim Sommerfest einer Hörgeschädigtenschule für Hörende konzipiert ist und man deshalb auf Gebärdensprachdolmetscher und Untertitel verzichtete, findet das zuständige Kultusministerium offensichtlich ganz normal. Und so recht wundert es einen gar nicht, kennt man die Zustände, die an deutschen Sonderschulen vielfach herrschen - toleriert von den zuständigen Aufsichtsbehörden.

Viele Lehrer an Gehörlosenschulen können die Gebärdensprache nicht. Warum? Weil an deutschen Gehörlosenschulen vielfach lautsprachlich unterrichtet wird. Gehörlose sollen Lippen lesen und sich lautsprachlich artikulieren. Dass man aber nur einen Bruchteil der deutschen Sprache von den Lippen ablesen kann, wird einfach ignoriert. Der Preis für diese Ignoranz ist hoch: Viele Gehörlose haben einen schlechten Bildungsstand.

Lehrer an Blindenschulen beherrschen längst nicht alle die Blindenschrift. Warum? In einigen Bundesländern wird das am Ende einer Ausbildung zum Blindenpädagogen gar nicht überprüft.

Das Hauptargument für die Beibehaltung dieser Sondereinrichtungen ist die besondere Förderung, die die behinderten Schüler erhalten sollen. Was aber, wenn Gehörlosen ein adäquates Kommunikationsmittel, die Gebärdensprache, verweigert wird? Was aber, wenn blinde Jugendliche von Sonderschulen auch mit 14 immernoch nicht in der Lage sind, mit dem Langstock selbstständig zu gehen? Was aber, wenn in diesen Einrichtungen vielfach die Therapie und nicht die Bildung im Vordergrund steht? Haben diese Einrichtungen ihre Legitimation nicht längst verwirkt?

Hinzu kommen die offensichtlichen Nachteile, die Schülern später im Erwachsenenleben nachhängen: Erklären Sie mal ihrem potenziellen Arbeitgeber, warum sie 15 statt 13 Jahre bis zum Abitur gebraucht haben ohne sitzenzubleiben. Haben Eltern behinderter Kinder nicht auch das Recht, ihre Kinder zu Hause zu haben, anstatt sie ins hunderte Kilometer entfernte Behinderteninternat zu schicken? Muss nicht die Qualifikation eines Kindes und nicht seine Behinderung bei der Schulwahl im Vordergrund stehen?

Es konnte mir bis heute niemand erklären, zu welchem Zweck sich dieses Land eigentlich Körperbehindertenschulen leistet - außer zur Ausgrenzung. Wären die Schulen vor Ort endlich barrierefrei und die Assistenz gesichert, müsste kein körperbehindertes Kind mehr zur Sonderschule gehen.

Mit der modernen Computertechnik und guter Assistenz ist es heutzutage auch möglich, blinde Kinder in Regelschulen zu schicken. Dennoch leistet sich Deutschland ein Blindenschulwesen im größeren Stil.

Und solange es Gehörlosenschulen nicht mal beim Sommerfest schaffen, ihren Schülern eine gleichberechtigte Kommunikation zu ermöglichen und immernoch Gehörlose die Schulen verlassen, die massive Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben, habe ich Mühe, den Sinn von Gehörlosenschulen nachzuvollziehen. Als ich in den USA eine Schule besichtigte, waren in einer Klasse zwei gehörlose Schüler. Der Unterricht war zweisprachig (englisch und Gebärdensprache). Die gesamte Klasse beherrschte die Gebärdensprache zumindest so gut, dass sie mit den beiden Schülern kommunizieren konnten. Wo ein Wille ist, ist auch meistens ein Weg.

Andere Länder haben es uns vorgemacht: Viele Sonderschulen sind überflüssig oder hängen einem falschen Konzept nach.

Viele behinderte Schüler haben Angst vor der Diskriminierung durch nicht behinderte Mitschüler. Wenn ich allerdings die Geschichten aus so mancher Sonderschule höre, ist man auch dort vor Diskriminierung nicht sicher. Meist sind es dort weniger Einzelpersonen sondern ein ganzes System, das diskriminiert. Wären mehr behinderte Schüler an Regelschulen, wäre auch die Diskriminierungsgefahr geringer. Und eines darf man nicht vergessen: Auf diskriminierende Menschen trifft man früher oder später immer. Aber vielleicht ist es gar nicht schlecht, wenn man früh lernt, damit umzugehen. cl
 

Leserbrief schreiben
Artikel versenden

Leserbriefe zu diesem Artikel:.

Martina Bindel schrieb am 07.08.2004, 09:43

Wozu noch Sonderschulen?

Die Frage, "wozu noch Sonderschulen" ist mehr als berechtigt. Jedoch entsteht bei mir immer wieder im Gespräch mit Eltern der Eindruck, das eben die Eltern eine vor der Umwelt beschützte Schule für ihre Kinder suchen und davon ausgehen, dass sie dort für ihren Nachwuchs die bestmögliche Förderung und Bildung vorfinden. Tatsächlich ist der Weg der Integration in Regelgrundschulen schwerer:
1. Die Möglichkeit der Therapieangebote während der Schulzeit ist meist in der Regelgrundschule nicht möglich und bedeutet dann nach der Schulzeit noch ein "Nachmittagsengagement" der Eltern.
2. Der Bund strebt die Ganztagsbetreuung an den Regel-Grundschulen an. Hierbei wird aber nicht der personelle Mehrbedarf von Integrationsschülern berücksichtigt.
Somit sind für berufstätige Eltern von Kindern mit "special needs" diese Umweltbehinderungen oft der Grund die Kinder in "Sonderschulen" zu geben, da dort Therapie und Betreuungsumfang besser geregelt ist.
Solange die Bundesrepublik Deutschland nicht an allen Regelgrundschulen "gleiches Recht auf Bildung" für Jedermann einräumt, werden die Sonderschulen weiterhin in der deutschen Bildungslandschaft nicht nur vorhanden sein, sondern auch noch ausgebaut werden.
Die Eltern müssten mehr kämpfen, jedoch ist dieser Kampf jeweils abhängig von den Schulgesetzen des in dem Bundesland herrschenden Schulgesetzes...und die meisten Eltern sind "kampfmüde" von den vielen Anträgen, Ablehnungen und Reaktionen der Umwelt auf ihr "behindertes" Kind, denen sie von Geburt an begegnen.
Auf lange Sicht werden aber nur die Kinder die "Welt" verändern, d.h. das Gedankengut in den Köpfen der Bevölkerung, die durch den Kampf der Eltern bewirkt den Weg der Integration gehen.

Martina Bindel, Mutter einer Tochter mit "special needs" (Down Syndrom), die am 14.8.04 in einer Integrationsgrundschule eingeschult wird .

Druckversion
Seitenanfang
Startseite

an den Anfang springen
Impressum

Validiert nach
Valid HTML 4.01
Mediadaten

© 2002-2012 kobinet-nachrichten

Dieser Internetauftritt wurde mit dem Content Management System @it
der dimedis GmbH, Köln erstellt.