![]()
Druckversion
kobinet-nachrichten
29.09.2004 - 06:30
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Kassel (kobinet) Das Netzwerk People First Deutschland, der Verein zur Förderung der Gedenkstätte Hadamar e.V. und der IB-Behindertenhilfe Hessen führten am Wochenende unter dem Motto «Wir entdecken unsere Geschichte» eine Tagung über die Tötung von Menschen mit Behinderungen von 1941 bis 1945 in Hadamar für Menschen mit Lernschwierigkeiten durch. Für Stefan Göthling, dem Geschäftsführer des Netzwerk People First Deutschland war dies eine anstrengende, aber sehr wichtige Tagung. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit Stefan Göthling über seine Eindrücke und Schlussfolgerungen: kobinet-nachrichten: Es ist ja noch eher eine Seltenheit, dass mit Menschen mit Lernschwierigkeiten selbst über die Tötung behinderter Menschen unter den Nazis gesprochen wird. Wie war der Rahmen dieser Tagung? Stefan Göthling: Eine solche Tagung muss man in einer kleinen Gruppe organisieren, so dass auch genügend Zeit zum Reden und zum Austausch ist. Daher hatten wir die Teilnehmerzahl auf 15 begrenzt. Das war auch gar kein Problem diese Plätze voll zu bekommen. Wir haben nämlich gemerkt, dass es gerade bei Menschen mit Lernschwierigkeiten einen großen Bedarf gibt, über die Verbrechen der Nazis an behinderten Menschen zu reden. kobinet-nachrichten: Was ist bei der Organisation einer solchen Tagung wichtig? Stefan Göthling: Mir ist es dabei besonders wichtig, dass eine einfache Sprache benutzt wird. Denn gerade dieses Thema muss leicht verständlich gemacht werden. Es ist auch wichtig, dass man die richtigen Wörter benutzt. Wir wollen zum Beispiel nicht mehr als «die Geistigbehinderten» bezeichnet werden, sondern haben es lieber wenn von «Menschen mit Lernschwierigkeiten» gesprochen wird. kobinet-nachrichten: Wie waren Ihre persönlichen Eindrücke von der Tagung und dem damit verbundenen Thema? Stefan Göthling: Für alle Menschen mit Lernschwierigkeiten war es ein hartes und anstrengendes Thema. Aber die Gruppe war der Meinung, so ein wichtiges Thema, da muss unbedingt drüber geredet werden. Denn wenn man sieht, was in der Welt im Moment los ist, dann sieht man wie aktuell es ist. Politische Unruhen, Krieg, politische Unzufriedenheit und eine schlechte Wirtschaftslage waren damals die Basis um über «Sparmaßnahmen» nachzudenken. Müssen behinderte Menschen davor heute auch Angst haben? Aus diesem Grund waren die Tagungsteilnehmer und Tagungsteilnehmerinnen der Meinung, es muss unbedingt mehr Aufklärungsarbeit für alle geschehen, was damals passiert ist. Aus diesem Grund sind wir froh, dass der Förderverein Geldgeber zur Erstellung eines Kataloges in einfacher Sprache gefunden hat, denn alle Menschen, auch Menschen mit Lernschwierigkeiten, sollen gut verstehen können, was damals passiert ist. Auf der Tagung haben wir uns mit der Ausstellung, den Kellerräumen und dem Friedhof beschäftigt, um die Gedenkstätte Hadamar näher kennen zu lernen. Dann haben wir entschieden, welche Texte, Beschreibungen und Bilder unbedingt in einem Katalog in leichter Sprache sein müssen. kobinet-nachrichten: Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen? Stefan Göthling: Wir würden uns wünschen, dass wir 2005 wieder eine Tagung machen können, um noch mehr Menschen mit Lernschwierigkeiten ihre Geschichte näher bringen zu können. (Das Interview führte kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul)
© Kooperation Behinderter im Internet e.V.
Alle Rechte vorbehalten