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21.10.2003 - 10:16

OPEN DOORS für Gender Mainstreaming.

Barbara Stötzer-Manderscheid von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL e.V.)
Barbara Stötzer-Manderscheid

Jena (kobinet) Der Begriff des Gender Mainstreaming ist nicht nur ein neues Wort für die Geschlechtergleichstellung, sondern wird zunehmend zu einem wichtigen Standard für Förderprogramme. So wie sich Verwaltungen zunehmend mit diesem Ansatz auseinander setzen müssen, beschäftigt dies auch die MitarbeiterInnen des von der EU und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit geförderten EQUAL-Projektes «OPEN DOORS». kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit der langjährigen Streiterin für die Rechte behinderter Frauen, Barbara Stötzer-Manderscheid von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL e.V.), die die Aktivitäten zum Gender Mainstreaming im Rahmen dieses Projektes voran treibt.

kobinet-nachrichten:Der Begriff des Gender-Mainstreamings ist mittlerweile schon fast zu einem Modebegriff geworden, was verbirgt sich dahinter eigentlich genau?

Barbara Stötzer-Manderscheid: Gender beschreibt - im Gegensatz zum biologischen (sex) - das soziale Geschlecht. Gender Mainstreaming versteht sich als ein Handlungsansatz, der auf die Beseitigung von geschlechtsspezifischen Ungleichheiten in allen politischen und gesellschaftlichen Bereichen hinwirkt und die Gleichstellung von Männern und Frauen fördert. Die Grundlage dafür stellt ein Beschluss der Europäischen Kommission von 1996 dar, der die Integration der Chancengleichheit von Frauen und Männern in alle Politikbereiche und politischen Aktivitäten im Sinne des Gender Mainstreaming Prinzips fordert. Eine weitere Grundlage ist der Amsterdamer Vertrag von 1999. Daraufhin hat sich dann auch die Bundesregierung im gleichen Jahr in ihrem Regierungsprogramm verpflichtet, die Gleichstellung von Frauen und Männern als durchgängiges Leitprinzip bei allen politischen, normgebundenen und verwaltenden Maßnahmen der Bundesministerien zu fördern.

In der Praxis sollen sich also zuerst die Führungskräfte mit geschlechterdemokratischen Fragen, zum Beispiel der Vereinbarkeit von beruflicher und familiärer Tätigkeit oder dem Zugang zu Qualifizierungsangeboten befassen. Dann soll sich dieses Prinzip auf alle anderen Ebenen ausweiten. Es wird auch verstärkt Wert darauf gelegt, dass Frauen und Männer in Schrift und Sprache vorkommen und die geschlechtsneutralen oder ausschließlich männlichen Bezeichnungen nicht mehr verwendet werden. Da immer noch ein erhebliches Ungleichgewicht von Männern und Frauen in Führungspositionen besteht, ist eine spezielle Frauenförderung natürlich noch aktuell. Gender Mainstreaming ist ein fortlaufender Prozeß, also der Weg, um das Ziel zu erreichen.

kobinet-nachrichten: Für die Behindertenarbeit und -politik ist dieses Konzept ja nicht uninteressant. Wie könnte diese Idee hier genutzt werden?

Barbara Stötzer-Manderscheid: Ich sehe hier auf jeden Fall Möglichkeiten, den Bedürfnissen von Frauen und Männern unter Beachtung ihrer Behinderung gerechter zu werden. Danach sollte es zum Beispiel selbstverständlich sein, dass eine entsprechend qualifizierte Bewerberin oder ein Bewerber mit Behinderung eine für 30 Std./Woche ausgeschrieben Stelle auch dann bekommt, wenn sie oder er nach eigener Einschätzung nur 25 Std./Woche arbeiten kann oder will, damit noch genügend Zeit für Familie, Freizeitaktivitäten, Therapien u.a. bleibt und nicht Überlastungen vorprogrammiert sind, weil sich die Bewerberin oder der Bewerber der Stellenausschreibung anpassen muss. Ähnlich sieht es mit Aus- und Fortbildungen oder der Arbeit in den Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) aus. Hier gibt es zwar inzwischen auch gesetzlich fixierte Teilzeitmöglichkeiten, aber in der Praxis wird davon noch viel zu wenig Gebrauch gemacht. Auch hält sich die Bereitschaft zum Umdenken und individuell bedarfsgerechtem Handeln bei Verwaltungen und Institutionen noch sehr in Grenzen.

Stellen wir uns nur einmal vor, ein Teil der MitarbeiterInnen einer Werkstatt für behinderte Menschen würde 20 Std., ein anderer 25 Std, ein weiterer 30 und 32 Std./Woche arbeiten. Die einen wollen die Arbeit um 8 Uhr, die anderen um 9 Uhr beginnen und wieder andere fordern für sich eine längere mittägliche Ruhepause. Damit würde zwar den persönlichen Bedürfnissen entsprochen, aber das recht unflexible Organisationssystem einschließlich des Fahrdienstes der Werkstatt völlig zusammenbrechen. Im Sinne von Gender Mainstreaming wäre es auch, wenn in einem Zentrum für selbstbestimmtes Leben, in dem sichtbar mehr Männer in Führungspositionen arbeiten, ein spezielles Frauenförderprogramm für Mitarbeiterinnen erarbeitet und umgesetzt wird, mit dem Ziel, eine paritätisch besetzte Leitungsebene zu haben.

Die Politik ist vor allem gefordert, gesetzliche Grundlagen zu schaffen, die die Geschlechterdemokratie fördern. Das Behindertengleichstellungsgesetz sowie das SGB IX sind gute Anfänge, ebenso einige Landesgleichstellungsgesetze.

kobinet-nachrichten: Im EQUAL Projekt OPEN DOORS, das von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland koordiniert wird, ist das Gender Mainstreaming ja eine feste Größe. Was treiben Sie dort genau voran?

Barbara Stötzer-Manderscheid: Es ist richtig, dass Gender Mainstreaming auch in unseren eigenen Reihen und Projekten mit einem gewissen «Vorantreiben» verbunden ist. Das heißt, eine geschlechterdemokratische Denkweise und entsprechendes Handeln sind durchaus nicht selbstverständlich und recht unterschiedlich bei ProjektleiterInnen und MitarbeiterInnen ausgeprägt. Da wir uns jedoch als EQUAL-Entwicklungspartnerschaft den Förderrichtlinien des Europäischen Sozialfonds verpflichtet fühlen, ist der Grundsatz der Chancengleichheit von Frauen und Männern ein grundlegendes und obligatorisches Prinzip für alle Teilprojekte. Um eine Sensibilisierung bei ProjektleiterInnen und MitarbeiterInnen zu erreichen, haben wir beispielsweise mit Gendertrainings begonnen. Dabei haben wir jedoch auch die Erfahrung gemacht, dass wir gewissermaßen Pionierarbeit leisten müssen, um den Aspekt der Behinderung Bestandteil dieser Trainings werden zu lassen. Obwohl es im Bereich des Gender Mainstreamings inzwischen einen regen Austausch von Erfahrungen und Ergebnissen auf europäischer Ebene gibt, ist über Frauen und Männer mit Behinderungen sehr wenig zu hören und zu lesen. Als Nationale Koordinierungsstelle stellen wir den Teilprojekten Materialien zur Analyse der Projekte zur Verfügung und fungieren als Anlaufstelle, wenn es Fragen bei der Umsetzung gibt.

Die Umsetzung in den Teilprojekten erfolgt zum Beispiel durch die Überarbeitung der Projektbeschreibungen oder Fragebögen, durch gezielte Förderungen von Mitarbeiterinnen, der geschlechtsspezifischen Hinterfragung des Verhaltens von KundInnen u.a. Auch in der Präsentation von Projekten und Produkten kommen zunehmend Frauen und Männer mit Behinderungen oder behinderte Schülerinnen und Schüler statt «der Behinderten» vor. Statistiken werden geschlechtsspezifisch geführt. Wir achten auch darauf, dass bei der Evaluation der Geschlechteraspekt beachtet wird und die Ergebnisse auf Frauen und Männer mit Behinderungen bezogen ausgewiesen werden.

kobinet-nachrichten: Was würden Sie sich für die Behindertenarbeit und -politik im Zusammenhang mit dem Gender-Mainstreaming wünschen?

Barbara Stötzer-Manderscheid: Für die Arbeit mit behinderten Menschen und natürlich auch in der Politik sollte Gender Mainstreaming wirklich eine Chance und eine Herausforderung sein, den Blick auf Unterrepräsentation und Benachteiligung von Frauen und Männern mit Behinderung zu richten und diese mit dem Ziel der Herstellung von Chancengleichheit hinterfragen, analysieren und Änderungen durchsetzen. Widerspiegeln muss sich diese Chancengleichheit in alltäglichen Entscheidungen von Behörden, in der Teilhabe und im Einkommen von behinderten Frauen und Männern, in Statistiken und in gesetzlichen Regelungen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene.

(Das Interview führte kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul)
 

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