Hollenbach (kobinet) Das Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen fordert das Deutsch-Amerikanische Institut (dai) auf, dem so genannten Bioethiker Peter Singer keine Plattform für seine menschenverachtenden Thesen zu bieten. hjr
Nachfolgend der Text der E-Mail an den Direktor des dai:
Sehr geehrter Herr Direktor Köllhofer,
das Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen, ForseA e.V., vertritt die Interessen behinderter Menschen, die auf Hilfe/Assistenz angewiesen sind und deren Angehörige. Darunter sind schwerstbehinderte Menschen, die ohne Beatmungsgeräte nicht leben könnten, Menschen die mittels Sonden ernährt werden und Komapatienten. Sie alle unterstützen wir dabei, ein selbstbestimmtes, zufriedenes Leben mit hoher Lebensqualität führen zu können.
Mit großem Unverständnis, Besorgnis und Empörung erfuhren wir nun, dass der so genannte Bioethiker Peter Singer zu Ihrer Veranstaltung am 11. Dezember nach Heidelberg eingeladen worden ist. In einer Demokratie ist die Meinungsfreiheit ein sehr hohes Gut, jedoch nicht eines, das über der Würde des Menschen steht. Entwicklungen - weder in positive noch negative Richtungen - entstehen selten im Konsens, sondern eher im konstruktiven Austausch verschiedener Meinungen. Doch wie überall gibt es Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Die Thesen Peter Singers überschreiten die Grenzen von Moral und Ethik bei Weitem, da sie die Lebensrechte von Menschen beschneiden. Selbst bei wohlwollenstem Umgang mit Singers Thesen ist es uns nicht gelungen, unsere Meinung diesbezüglich zu ändern oder auch nur zu relativieren. Mit dieser Betrachtungsweise teilen wir die Meinung zigtausender behinderter und nicht behinderter Menschen.
Sie wollen «die Nachdenklichen hörbar machen». Welche Nachdenklichen meinen Sie? Etwas diejenigen, die fürchten alte, kranke und behinderte Menschen würden als «Schmarotzer der Gesellschaft» deren Leistungen über Gebühr beanspruchen? Deren Anzahl deshalb minimiert werden muss? Ist das vielleicht die künftige «Wirtschaftsethik»?
Oder sind die Nachdenklichen diejenigen gemeint, die Menschen als höchstes Gut definieren, gleichgültig ob behindert oder nicht? Angesichts der Zusammensetzung des Podiums, müsste man viel Phantasie besitzen um Letzteres zu glauben.
Wo sind auf dem Podium diejenigen, deren Lebensrechte ein Peter Singer seit Jahrzehnten zur Disposition stellt? Ihnen wird keine Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Ist das Ihre viel bemühte Demokratie und das Recht auf freie Meinungsäußerung, wenn diejenigen, die es am meisten betrifft, keine Gelegenheit bekommen, sich gleichberechtigt zu äußern? Oder fürchtet ein Peter Singer die direkte Konfrontation mit behinderten Menschen?
In Ihrem Antwortschreiben an die Interessenvertretung selbstbestimmt Leben, das uns vorliegt, fragen Sie: «ob (Singer) am Ende Ihrer Kronzeuge wird oder Sie in ihm einen Anwalt fänden, wäre das nicht besser als jegliche Stigmatisierung?» Selbst bei neutralst möglicher Betrachtungsweise müssen wir diese Frage als Verhöhnung empfinden.
Diese Veranstaltung verdient Ihrer Meinung nach «die Mindesttoleranz jenes 'in dubio pro'». Diese Meinung können wir durchaus teilen. Die Thesen des Peter Singer sind jedoch so eindeutig, dass hier wohl nicht von «in dubio» gesprochen werden kann. Hätte sich Singer in der Vergangenheit unverstanden und missgedeutet gefühlt, hätte er Zeit und Gelegenheit genug zur Darstellung gehabt. Dies können wir jedoch nicht feststellen.
Da wir unsere Lebensrechte nicht (weiter) zur Disposition gestellt sehen wollen, fordern wir Sie auf, dem Extremisten Peter Singer die dargebotene Plattform zu entziehen.
Mit freundlichem Gruß
Elke Bartz
Vorsitzende