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kobinet-nachrichten 27.11.2004 - 15:37
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Chef auf Rädern

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Berlin (kobinet) Die Gewerkschaftszeitung «ver.di PUBLIK» berichtet in der Reportage ihrer Dezemberausgabe über ambulante dienste (ad) in Berlin, «einen Verein, der versucht, Behinderung mit Würde zu begegnen». Nach der Bundessozialhilfereform von 1996 gehörte Vernaldi zu denen, die für den Fortbestand des Vereins kämpften. Damals setzte sich der heute 45-Jährige, von Geburt an muskelkrank, an seinen Computer und schrieb einen in der taz abgedruckten offenen Brief («Stellen Sie sich vor, Ihr Alltag wäre bis ins Intimste reglementiert. Sie könnten nicht darüber verfügen, was Sie essen und wann. Ihnen würde vorgegeben, zu welcher Zeit Sie aufstehen und zu Bett gehen. Es läge nicht in Ihrer Hand, wie oft Sie baden und welche Frisur Sie tragen»). Der Brief sollte wachrütteln: Keine andere Reform in der Geschichte der Bundesrepublik habe zu so dramatischen Verschlechterungen für pflegeabhängige Menschen geführt, wie die Einführung der Pflegeversicherung und die Sozialhilfereform, schrieb Vernaldi. In seinem Brief stellte er der Pflege im Akkord die Ideale des Vereins gegenüber, der 1981 von Behinderten in Berlin gegründet wurde und der das «Recht auf Selbstverfügung über die eigene Person» in seinen Statuten zum «zentralen Prinzip aller Aktivitäten» erklärt hat. Ohne diesen Verein, sagt Vernaldi, wäre er heute längst in einem Heim untergebracht worden, wohlmöglich schon gestorben. Denn selten seien es Medikamente, die am Leben erhalten. Wichtiger sei oft der schlichte Lebenswille. Und der wachse nicht gerade in einer «Satt-Sauber-Still»-Versorgung. «Natürlich ist der Name Ambulante Dienste aus heutiger Sicht unglücklich gewählt, sagt Uta Wehde, die Geschäftsführerin des Vereins. Niemand habe bei der Gründung vor 23 Jahren wissen können, dass der Name Ambulante Dienste mal ein Sammelbegriff für die Angebote aller möglichen Sozialstationen werden würde. Doch schließlich käme es auf Inhalte an», schreibt Lotta Wieden weiter in ihrer Reportage, der sie den Titel «Chef auf Rädern» gab. Zur Zeit sind etwa 250 Assistenten bei ad beschäftigt. In Schichtsystemen arbeiten sie bei 96 Menschen mit Behinderungen. Von Experten ihrer eigenen Bedürfnisse lernen die Assistenten, was sie wann und wie zu tun haben. Deshalb braucht, wer bei ad als Assistent arbeiten will, keinerlei Vorkenntnisse. Anfänger müssen lediglich einen Elf-Tage-Kurs absolvieren. Themen des Kurses: Wie kriegt man einen Rollstuhl die Treppen hoch? Wie lassen sich Druckgeschwüre vermeiden? Was mache ich, wenn ein Querschnittsgelähmter Porno-Filme gucken will? Was, wenn eine blinde Frau die dritte Flasche Wein öffnen möchte? Wie schaffe ich es verantwortungsvoll zu handeln, ohne zu bevormunden? Die Ausbildung leiten examinierte Pflegekräfte, die auch in Krankheits- oder Notfällen abrufbar sind. Von den rund 500 Mitarbeitern bei ad sind nur etwa 50 Prozent sozialversicherungspflichtig beschäftigt. «Eine Katastrophe», schimpft Michael Musall, ver.di-Gewerkschaftssekretär in Berlin. So lobenswert der Einsatz des Vereins auch sei, die Beschäftigungspolitik von ad gefährde Arbeitsplätze und sei zudem unprofessionell. Zu einem Pflegedienst gehörten nun mal Fachkräfte, erklärt Musall. Wie sonst ließe sich Qualität sichern? Anbieter wie ad nutzen die wirtschaftlich prekäre Lage vieler Studenten aus, um das Lohnniveau in der Branche auszuhöhlen. Und spätestens ab Januar, wenn wie geplant bundesweit etwa 15.000 Ein-Euro-Stellen im Pflegebereich entstehen, seien auch die Studentenjobs in Gefahr. Solche Zukunftsszenarien bringen Alexandra Jörchel, deren Assistentenjob in der Reportage beschrieben wurde, nicht aus der Ruhe. Solange die Assistenz-Nehmer bei ad sich ihre Assistenten selbst aussuchen können, macht sie sich keine Sorgen. Und ihr Chef im Rollstuhl gibt ihr recht: Ein Langzeitarbeitsloser, der in die Pflege gezwungen wird, weil ihm sonst seine Bezüge gekürzt werden, sei wohl kaum geeignet, auf die Bedürfnisse Behinderter einzugehen. sch Vollständige Reportage und Informationen über Assistenzgenossenchaften auf www.verdi-publik.de 

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