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kobinet-nachrichten
29.11.2004 - 07:57
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Hollenbach (kobinet) Die vom Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen (ForseA) initiierte, von der Aktion Mensch geförderte und etlichen Organisationen unterstützte Kampagne ruft vielfältige Reaktionen hervor. kobinet-Redakteur Harald Reutershahn sprach mit der ForseA-Vorsitzenden Elke Bartz darüber, wie diese aussehen. kobinet-nachrichten: Elke Bartz, die Kampagne wurde Ende September mit dem Berlin-Marathon gestartet und dauert nun zwei Monate. Kann ForseA schon eine kleine Zwischenbilanz ziehen? Elke Bartz: Ja, es ist fantastisch. Wo wir auftauchen, ernten wir zum allergrößten Teil Zustimmung. Behinderte Menschen und deren Angehörige hoffen, dass durch die Kampagne bewirkt wird, dass künftig immer weniger Menschen in Heimen leben werden. kobinet-nachrichten: Wie sieht es auf politischer Ebene aus? Elke Bartz: Der bundespolitische Trend geht eindeutig in Richtung ambulanter Versorgung statt stationärer. In den Ländern und Kommunen wird die ambulante Versorgung immer dann unterstützt und befürwortet, wenn sie nicht kostenintensiver ist als die stationäre. Rheinland-Pfalz ist hier in einer positiven Vorreiterrolle. Hier hat man erkannt, dass die Kosten für einzelne durchaus auch höher sein können als in einer Einrichtung. Und nur durch diese Betrachtungsweise haben schwerstbehinderte Menschen eine Chance aus Heimen ausziehen zu können oder gar nicht erst in Heime einziehen zu müssen. kobinet-nachrichten: Zum allergrößten Teil Zustimmung heißt nicht ausschließlich. Wo gibt es Ablehnung oder gar Gegner? Elke Bartz: Nun, es war uns von Anfang an klar, dass wir nicht nur auf Befürworter stoßen werden. Sonst wäre ja die Kampagne überflüssig und der Prozess der Deinstitutionalisierung schon viel weiter fortgeschritten. Es gibt unterschiedliche Beweggründe gegen den «Marsch» zu sein. Manche Mitarbeiter der Einrichtungen fürchten um ihre Arbeitsplätze. Andere - vor allem Heimbetreiber oder Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen - meinen, Heime müsste es immer geben, weil es immer Menschen geben wird, die nicht «draußen» leben können? kobinet-nachrichten: Sind diese Sorgen nicht berechtigt? Elke Bartz: Momentan teilweise schon. Es wäre eine Katastrophe, wenn ab 1. Januar 2005 alle stationären Einrichtungen schließen und ihre Bewohnerinnen und Bewohner auf die Straße setzen würden. Darum ist es ja so notwendig, Gelder in den Aufbau ambulanter Hilfestrukturen und Beratungsangebote zu investieren. Pauschal zu behaupten, es würde immer Menschen geben, die auf eine stationäre Versorgung angewiesen sind, ist meiner Meinung nach schlichtweg falsch. In Schweden, wo es so gut wie keine Heimplätze mehr gibt, geht es doch auch. Und da ist niemand unterversorgt und vereinsamt zurückgeblieben. Oder sind bei uns die Körperbehinderten etwa körperbehinderter, die «Geistigbehinderten» geistig behinderter oder die Sinnesbehinderten sinnesbehinderter? kobinet-nachrichten: Also daher kürzlich der Aufruf, genau zu überlegen, wohin die Weihnachtsspenden fließen sollen? Elke Bartz: Richtig, wobei wir da ganz schön heftige Reaktionen hervorgerufen haben. kobinet-nachrichten: Die da waren? Elke Bartz: Einmal gab es zahlreiche positive Resonanz wie zum Beispiel von Stefan Göthling. Der hatte die tolle Idee personenbezogen zu spenden. Oder Waltraud David, die auf einem Handzettel darstellt, warum ambulante Hilfen gefördert werden sollen. Gegen den Appell war ein kobinet-Leser, der glaubt Heime seien notwendig, weil es nicht genügend ambulante Hilfen gäbe. Gerade um diese zu schaffen, führen wir ja die Kampagne durch. Und dann gab es noch einen Behindertenverband, der aus der Meldung herausgelesen hat, dass angeblich nicht mehr für Behindertenorganisationen gespendet werden soll. Das haben wir natürlich weder geschrieben noch gefordert; schließlich sind wir ja auch eine Behindertenorganisation. Außerdem würden wir die Selbstbestimmung derjenigen beschneiden, die freiwillig in Einrichtungen leben. - Dabei wird jedoch nie hinterfragt, ob diese Freiwilligkeit tatsächlich besteht, oder ob diese Menschen die Einrichtungen nur wählen, weil sie nicht die richtige Unterstützung haben, um in einer ambulanten Wohnform zu leben und sie deshalb Unterversorgung und Isolation zwangsläufig fürchten. kobinet-nachrichten: Es ist also ganz schön was los? Elke Bartz: Allerdings, toll ist auch, dass wir zunehmend Unterstützung aus den Reihen derer bekommen, die wir als größte Widersacher angenommen hatten, nämlich von etlichen so genannten Professionellen, die in der Behindertenarbeit tätig sind. Da gibt es also durchaus Leute, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und ihre Angebote künftig so gestalten wollen, dass sie auch einer «modernen Behindertenarbeit» gerecht werden. Die holen sich von uns die entsprechenden Beratungen und Schulungen. kobinet-nachrichten: Das heißt der Marsch geht weiter? Elke Bartz: Natürlich, daran bestehen keinerlei Zweifel. Es ist richtig spannend, wie viel Bewegung es schon in der kurzen Zeit gegeben hat. Wäre schön, wenn es uns gelingen würde, auch die größten Skeptiker zu überzeugen. kobinet-nachrichten: Elke Bartz, danke für das Gespräch.
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