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kobinet-nachrichten 10.12.2004 - 10:00
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Freak am Computer und mit der Kamera

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Von kobinet-Korrespondent Franz Schmahl Berlin (kobinet) Bei der Gala am Brandenburger Tor in Berlin war kaum Zeit zum Gespräch. Hier wurde am 3. Dezember der Preis für die besten barrierefreien Webseiten im deutschsprachigen Raum verliehen. Als der BIENE-Award ein Jahr zuvor erstmals von der Aktion Mensch und der Stiftung Digitale Chancen vergeben wurde, konnte Markus Ladstätter für BIZEPS INFO den Preis in der Kategorie Medien in Empfang nehmen. Mit der BIENE, die für «Barrierefreies Internet eröffnet neue Einsichten» steht, wurde der aktuelle Informationsdienst des Wiener Zentrums für Selbstbestimmtes Leben geehrt. Neben seinem Studium arbeitet Markus Ladstätter als Programmierer für BIZEPS INFO. So wie er im Rollstuhl mit baulichen Barrieren fertig werden muss, hat er am Computer beharrlich daran getüftelt, mit barrierefreien Webseiten den Zugang allen Interessenten zu ermöglichen. Für sein Studium der Medieninformatik hatte sich der heute 22-Jährige entschieden, «um die theoretischen Hintergründe von Visualisierung am PC zu verstehen und anwenden zu können». Bei den BIZEPS-Seiten ging es dann Tage und Nächte lang um ganz praktische Fragen. Heute gehört der Informationsdienst zu den wichtigsten barrierefreien Medienangeboten im deutschsprachigen Raum. Und da Barrierefreiheit im weltweiten Web ein dynamischer Prozess und bei weitem noch nicht abgeschlossen ist, bleibt für den Computerfreak noch viel zu tun. Seit 2001 studiert Ladstätter an der Technischen Universität Wien. «An Vorlesungen und Seminaren teilzunehmen, stellt zum Glück eher ein kleines Problem dar (es gibt nur noch sehr wenige Räume, die nicht mit dem Rollstuhl erreichbar sind), behindertengerechte Toiletten gibt es auch einige, ich bin also mit dem Studienort sehr zufrieden», sagte er. Barrierefreies Webdesign wird hier allerdings nur sehr am Rande behandelt. Das ist bei der Ausbildung des akademischen Nachwuchses in Österreich sicherlich ebenso wie an deutschen Hochschulen ein Manko in den Lehrplänen. Der Internetpreis für BIZEPS war für den Studenten «eine Bestätigung der bisherigen Leistung und Ansporn, in Zukunft unser Angebot noch weiter zu verbessern». Dazu wird er über das Studium hinaus in einschlägigen Mailinglisten und Diskussionsforen sich weiterbilden müssen. Universitäten und Hochschulen sind noch nicht so weit, die für alle Nutzer interessanten Möglichkeiten eines barrierefreien Internet umzusetzen. Wenn es ein Hobby neben dem Computer für Ladstätter gibt, dann die Umwelt als Fotograf zu belauschen. An dem gemeinsamen Abend in Berlin war er mehr mit seiner digitalen Nikon unterwegs, als dass er am Tisch Fragen des Reporters beantworten konnte. Von seinen Reisen in die USA und andere Länder hat er inzwischen viele Fotos, die auf weitere Bearbeitung warten und irgendwann bestimmt für eine Ausstellung gut wären. Reisen mit dem Rollstuhl sind für ihn ein Abenteuer. «Das kann man durchaus so bezeichnen, da immer ein nicht zu unterschätzender Organisationsaufwand damit verbunden ist. Fluglinien haben sehr strenge Richtlinien im Bezug auf Batteriebetriebene Fahrzeuge (Batteriesäure kann ein ganzes Flugzeug fluguntüchtig machen). Auch bei der Wahl der Unterkunft muss man immer beachten, ob sie ohne Stufen erreichbar ist und den eigenen Anforderungen im sanitären Bereich entspricht. Dann kann natürlich auch die Elektronik des Rollstuhls versagen», fasst der Rollstuhlreisende seine Erfahrungen zusammen. Barrierefreiheit in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln wird seit vielen Jahren in Österreich nicht nur von Rollstuhlbenutzern gefordert. Auch Seh- und Hörbehinderte wie Menschen mit Lernschwierigkeiten wollen, dass europäische Richtlinien umgesetzt und alltäglicher Diskriminierung Einhalt geboten wird. Der dem Ministerrat in Wien vorliegende Entwurf für ein Behindertengleichstellungsgesetz wird europäischen Standards bisher in keiner Weise gerecht. Ein Aktionsbündnis «Österreich für Behindertenrechte» forderte weitere Verhandlungen mit den Bundesministerien und Bundesländern, damit ein Gesetzestext erarbeitet wird, der auch im Alltag behinderter Menschen wirklich Verbesserungen bringt. «Gleichstellung für Menschen mit Behinderung darf kein Lippenbekenntnis sein, sondern muss gelebte Realität werden. Bauordnungen müssen geändert werden und es dürfen nur mehr barrierefreie Verkehrsmittel angeschafft werden. All dies passiert nicht. Wir lehnen daher den vorliegenden Gesetzesentwurf vehement ab», so Martin Ladstätter, Redakteur bei BIZEPS und der ältere Bruder von Markus. Er befürchtet, dass der jetzige Entwurf unverändert verabschiedet wird. Das hieße, sich von der Gleichstellung behinderter Menschen für die nächsten Jahre zu verabschieden. Markus, von Geburt an von Muskeldystrophie betroffen («die Muskeln kontrahieren zu stark»), bekam seinen ersten Rollstuhl mit nicht einmal 6 Jahren. Seitdem ist er mehr oder weniger mobil. Dass Mobilitätsschranken überwunden werden, erwartet er von einem modernen Behindertengleichstellungsgesetz. Ob es in der nächsten Woche dazu kommt, ist höchst fraglich. Dabei weiß er, Gleichstellung würde nicht nur Menschen mit Behinderung nutzen. Von den Auswirkungen eines umfassenden Gleichstellungsgesetzes würden Menschen mit und ohne Behinderung profitieren. Das Beispiel mit den Kinderwagen, deren erwachsene «Schieber» ebenerdigen Zugang oder Rampen gern haben, ist lange bekannt (meine beiden Enkelkinder sind der Grund für einen zugegebenermaßen sehr individuellen Boykott mehrere Geschäfte in Leipzig). Barrierefreiheit könnte allen das Leben auch im Alter erleichtern und ganz allgemein erheblich die Unfallgefahr verringern. Als Qualitätsmerkmal der Zukunft wird sie noch von zu wenigen politischen Entscheidungsträgern erkannt. Markus Ladstätter scheint entschlossen, in der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung weiter aktiv gegen Diskriminierungen anzugehen.  

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Leserbriefe zu diesem Artikel:.

Max Mütze schrieb am 11.12.2004, 10:21

Bedauerliches Manko

So wie in der Architektenausbildung das Fach Barrierefreiheit unterbelichtet ist, bleibt ein Manko in der Lehre über barrierefreies Webdesign an den Hochschulen. Zum Glück gibt es junge Leute wie den Wiener Freak, die sich gern im Neuland tummeln.

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