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12.12.2004 - 04:48

Blindengeld um jeden Preis?.

Ein Kommentar von kobinet-Redakteurin Christiane Link

Hamburg (kobinet) Seit Monaten kämpfen die Blindenverbände gegen die Kürzung oder gar Abschaffung des Blindengeldes. In Niedersachsen soll das Blindengeld so gut wie ganz abgeschafft werden, nur blinde Menschen bis 27 erhalten noch 300 Euro monatlich. Auch in Hamburg wurde eine massive Kürzung des Blindengeldes beschlossen.

Dabei ist das Blindengeld ein Nachteilsausgleich. Leider haben die Verbände nicht geschafft, das auch der Öffentlichkeit zu vermitteln. Stattdessen setzte man auf Stereotype, Vorurteile und Mitleid. Zudem argumentierten einige auf Kosten anderer Menschen mit Behinderungen. Kurzum: Die Blindenverbände haben sich in der Diskussion um das Blindengeld nicht mit Ruhm bekleckert und sollten dringend ihr Selbstbild überdenken.

Um es vorweg zu sagen: Ich bin gegen die Kürzungen des Blindengeldes. Im Gegenteil, jeder behinderte Mensch sollte einen angemessenen Nachteilsausgleich erhalten. Das trifft keineswegs nur auf blinde Menschen zu. Wer weiß, was ein Gebärdensprachdolmetscher kostet, kann sich vorstellen, mit welchen Kosten gehörlose Menschen im Alltag konfrontiert sind. Und auch die Pflegeversicherung deckt längst nicht alle Kosten, die körperbehinderte Menschen haben.

Doch die Blindenverbände haben teilweise abenteuerliche Argumente vorgetragen, um das Blindengeld zu erhalten: Der Blindenverband Niedersachsen hat auf seiner Internetseite Beispiele aufgelistet, weswegen das Blindengeld für blinde Menschen wichtig ist. Dabei bedient sich der Verband sämtlicher Vorurteile, die es über blinde Menschen gibt: «Es gibt keine Alternative zum Blindengeld, denn für blinde Menschen ist es nicht möglich, studentische Jobs anzunehmen», ist da zum Beispiel über einen blinden Studenten zu lesen.

Mir sind an der Universität einige blinde studentische Hilfskräfte begegnet. Das hat zudem mit der Diskussion um das Blindengeld nichts zu tun. Es geht um den Nachteilsausgleich, nicht um Lohnausfall.

Blinde Menschen brauchen das Blindengeld, um beispielsweise die Einkaufshilfe zu bezahlen, Bücher in eine für sie wahrnehmbare Form umsetzen zu lassen oder auch mal ein Taxi zu bezahlen. Warum können das die Verbände nicht ohne Mitleidshascherei vermitteln? Stattdessen muss ich auf der gleichen Seite lesen: «Leben ohne sehen zu können ist schon an sich ein schweres Schicksal.» Ich kenne viele blinde Menschen, die das nicht bestätigen können. Da kämpft die Behindertenbewegung seit Jahren darum, dass sich ein soziales Modell von Behinderung durchsetzt (kobinet 9.7.2004). Kaum geht es ums Geld, vergessen einige Verbände, die jahrelange Politik und setzen auf Mitleid.

Politiker wurden aufgefordert, nur wenige Stunden «ohne Augenlicht zu leben». «Versuchen Sie zum Beispiel morgens sich anzuziehen, bereiten Sie ihr Frühstück zu, essen Sie es, gehen Sie einkaufen und anschließend zur Arbeit. Als Resultat dieses Selbstversuches werden Sie eine unpassende Kleidungskombination tragen. An ihrer Kleidung werden Spuren des Frühstücks zu sehen sein. Zum Mittagessen werden Sie sich schlimmsten Falles die Dose Hundefutter statt der geplanten Dose Eintopf öffnen. Die Arbeit am heutigen Tag werden Sie mit großer Verspätung erreichen, weil Sie die verlegte Bushaltestelle nicht finden konnten», schreibt der Blindenverband Niedersachsen in einer Pressemitteilung.

Merkt dieser Verband gar nicht, dass er die eigenen Mitglieder diskriminiert? Kein Blinder isst Dosenfutter. Und es soll ja blinde Menschen geben, die durchaus zivilisiert essen können und sich auch gut kleiden.

Unter den blinden Menschen war auch die «Woche für Blinde» hoch umstritten. Da sammelte der Blindenverband Niedersachsen unter der Schirmherrschaft der Sozialministerin, die maßgeblich für die Kürzung des Blindengeld verantwortlich ist, Geld an den Haustüren der Niedersachsen: «Deshalb unsere große Bitte an Sie und alle unsere Sammler, lassen Sie blinde Menschen gerade jetzt nicht allein und im Stich. Sammeln Sie so engagiert und solidarisch für blinde Menschen wie bisher. Wir danken Ihnen von Herzen!», hieß es bei dem Spendenaufruf.

Dass eine Haus- und Straßensammlung genau das Bild blinder Menschen bestätigt, das in vielen Köpfen vorherrscht, scheint die Verantwortlichen nicht zu stören. Allein der Titel der Aktion manifestiert einen Fürsorgegedanken, der nichts mit gleichberechtigter Teilhabe zu tun hat.

Der Blindenverband Hamburg hat mit seiner Argumentation allerdings dem ganzen die Krone aufgesetzt: Die Zahl der Blindengeldempfänger nehme zukünftig ab, wird da argumentiert. Deshalb brauche man das Blindengeld nur moderat kürzen. «Langjährige Blindengeldbezieher haben nur noch eine begrenzte Lebenszeit», freut sich der Verband. Denn viele seien über 80 Jahre alt. Zudem würden die Therapieverfahren immer besser. Zusammengefasst: Der Blinde ist eine aussterbende Spezies. Dann könne man doch den letzten verbleibenden Dinosauriern noch ein schönes Leben bereiten und ihnen das Blindengeld lassen.

Reicht es nicht, dass die Medien fast wöchentlich voll sind mit irgendwelchen Jubelmeldungen, dass Blindheit bald heilbar ist und Lahme bald wieder gehen? Müssen diese Heilsversprechen forschungsgeldabhängiger Professoren jetzt auch noch von den Behindertenverbänden vorgetragen werden? Und was ist, wenn die Blinden doch nicht so schnell wieder sehen können?

Eines der Argumente der Politiker gegen das Blindengeld war, dass andere behinderte Menschen keine Leistungen wie das Blindengeld erhalten. Doch anstatt diese Gelegenheit zu nutzen, um auch einen Nachteilsausgleich für andere Menschen mit Behinderungen zu fordern und dieses Argument gleichzeitig auszuhebeln, setzte man auf der Internetseite der Kampagne «Blindengeld muss bleiben» die Leistungen der Pflegeversicherung mit denen des Blindengelds gleich und verbreitet auch noch Dinge, die schlicht nicht stimmen: «Beispielsweise erhalten Körperbehinderte wie Rollstuhlfahrer Leistungen aus der Pflegeversicherung - einkommens- und vermögensunabhängig.»

Einige behinderte Menschen erhalten Leistungen aus der Pflegeversicherung - längst nicht alle und mit dem Status «Rollstuhlfahrer» hat das nichts zu tun. Ich bin auch Rollstuhlfahrerin und bekomme keine Leistungen. Die Pflegeversicherung deckt, gerade bei jungen Menschen, bei weitem nicht alle Kosten. Wer zu viel Assistenz braucht, muss draufzahlen. Das führt dazu, dass Familien mit gutem Einkommen bis auf Sozialhilfeniveau für die Pflege der Angehörigen aufkommen müssen. Es ist infam, diese Tatsache zu verschweigen!

«Die Kosten für geistig behinderte Menschen in Heimen werden unabhängig vom Vermögen des geistig Behinderten und seiner Angehörigen voll getragen», heißt es weiter. Warum kenne ich nur so viele Familien mit Angehörigen mit Lernschwierigkeiten, die ihre Angehörigen sehr wohl finanziell unterstützen müssen? Warum glauben die Blindenverbände, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten per se im Heim leben. Es werden also nicht nur Vorurteile gegenüber blinden Menschen, sondern auch noch anderer Behindertengruppen manifestiert.

Mit diesen und anderen Argumenten haben die Blindenverbände nicht nur die Politiker nicht überzeugt. Sie haben sich auch noch selbst geschadet. Der Erfolg der amerikanischen Behindertenbewegung ist nicht zuletzt auf die behinderungsübergreifende Solidarität zurückzuführen und das konsequente Predigen des sozialen Modells von Behinderung. Mitleid, Stereotype und Vorurteile sind tabu. Wenn die Blindenverbände bei kommenden Diskussionen um Leistungen, Barrierefreiheit und anderen Dingen erfolgreicher sein wollen, sollten sie auf gleicher Augenhöhe mit den Politikern diskutieren, anstatt sich in eine Opferrolle zu begeben. cl
 

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Leserbriefe zu diesem Artikel:.

Hermann Bender schrieb am 02.01.2005, 18:47

Antwort auf Frau Links Artikel

Frau Link schreibt zu Beginn des 3. Absatzes ihres Artikels: "Um es vorweg zu sagen: Ich bin gegen die Kürzungen des Blindengeldes."

Wirklich? Die nachfolgenden Ausführungen scheinen eher das Gegenteil nahezulegen.

Frau Link stellt eine Reihe von Forderungen auf, deren Verwirklichung notwendig und richtig ist; aber wie soll das geschehen, wenn man bei der Verteidigung bestehender Sozialleistungen nicht fähig ist, an einem Strang zu ziehen, sondern im Gegenteil auf die Strategie der Politiker hereinfällt und sich gegenseitig vorrechnet, wer wie viel bekommt und ob derjenige dieses ggf. überhaupt verdient?

Überdies scheint Frau Link die Stoßrichtung gegenwärtiger "Sparpolitik" nicht verstanden zu haben: Hier geht es eben nicht, wie behauptet, um den Umbau und die Verbesserung bestehender Leistungssysteme, sondern um ihre Zerschlagung. Der Kampf um die Erhaltung des Blindengeldes reicht weit über diese Leistung hinaus, und er dient nicht nur den Blinden.

Bekommt ein Rollstuhlfahrer oder ein Gehörloser dadurch auch nur einen Cent mehr Leistungen, dass man uns das Blindengeld streicht? Es geht und ging bei solchen Aktionen niemals um Verteilungsgerechtigkeit; aus dem gestrichenen Blindengeld wird niemals ein bundeseinheitliches Behindertengeld. Wer das nicht versteht, hat die politischen und sozialen Entwicklungen, die man heute euphemistisch als "Reform" bezeichnet, nicht begriffen.
Was den Vorwurf der Effekthascherei angeht, so darf ich daran erinnern, dass nicht nur die Blindenverbände sich gelegentlich solcher durchaus umstrittenen Methoden bedienen.

Zu Beginn der achziger Jahre sollte in Bremen der Fahrtkostenzuschuss für Rollstuhlfahrer gekürzt werden; der damalige Sozialsenator Henning Scherf verwies u. A. auf einige Fälle von Leistungsmissbrauch. Die Aktionsgruppen der Bremer Behinderten legten darauf hin nicht nur für einige Zeit den Straßenbahnverkehr am Hauptverkehrsknotenpunkt lahm, sondern sie forderten Herrn Scherf auch auf, sich nur für einenTag in einen Rollstuhl zu setzen.

War das kein Drücken auf die Tränendrüse? Und wie schaut es mit den Schriften des Herrn Klee aus? Ist das nicht Skandalisieren um jeden Preis? Übrigens solidarisierten sich alle Behindertengruppen in Bremen mit den Rollstuhlfahrern, und niemand fragte: "Fahrtkostenerstattung um jeden Preis"? Niemand forderte die Rollstuhlfahrer auf, die Miss-Stände in den eigenen Reihen zu beseitigen. Warum fällt es Frau Link und einigen begeisterten Leserbriefschreibern so schwer, sich ebenso zu verhalten?

Und was die Blinden Hilfskräfte an der Uni angeht: Ich selbst habe studiert, und es wäre mir kaum möglich gewesen, etwa einen Hilfsjob in der Uni-Bibliothek anzunehmen. Mir kommt Frau Links Bemerkung so vor, wie die Mär vom Merzedes fahrenden Bettler.

Was Frau Link allerdings gegen den Hamburger Blindenverband anführt, kann ich nur als Diffamierung bezeichnen. Der Hamburger Senat begründet seine Kürzung mit explodierenden Kosten fürs Blindengeld. Der Hamburger Blindenverband hat als Antwort lediglich einige demographische Tatsachen benannt. Ob es Frau Link glaubt oder nicht, aber auch bei den Blinden zeichnet sich dieselbe demographische Entwicklung ab, wie in der übrigen Gesellschaft: Das Durchschnittsalter steigt, und damit sinkt die Zeitdauer des Blindengeldbezugs.

Nicht mehr und nicht weniger hat der Hamburger Verband gesagt. Daraus zu folgern, Blinde seien nach Ansicht ihrer Verbände eine aussterbende Spezies, die getrost Artenschutz genießen könne, ist genau jene Infamie, die Frau Link dem Hamburger Blindenverband vorwirft.

Noch ein Wort zu den Vorurteilen: Ich denke, dass hier Jeder an sich selbst arbeiten muss; das gilt auch für Frau Link und jene Behindertengruppen, die sie vertritt. Ich selbst habe von Seiten anderer Behindertengruppen massive Vorurteile erfahren, und ich denke, dass Frau Links Artikel die Barrieren eher erhöht.
massiver Bevormundung. Sie scheint offenbar zu je...

Ralph Raule schrieb am 14.12.2004, 22:21

Solidarität durch konstruktive Zusammenarbeit

Vielen Dank für diesen interessanten und auch mutigen Artikel, der mir voll aus dem Herzen spricht! Mutig auch deshalb, weil es sich hier sehr wohl auch um ein Tabu-Thema handelt. Wie oft habe ich schon andere Menschen auf die aus meiner Sicht klare Ungleichbehandlung behinderter Menschen hingewiesen. Eine Milchmädchen-Rechnung sagt mir, dass ein blinder Mensch demnach seit 1963 mehr als 250.000 Euro bezogen hat, während anderen dieser Betrag nicht zur Verfügung stand. Die Aussage, damit müssen Nachteile ausgeglichen werden, wie so häufig argumentiert wird, kann ich nur bedingt nachvollziehen. Denn dem gegenüber würde doch auch stehen, dass blinden Menschen ansonsten keine weitere Leistungen geboten werden. Mit anderen Worten: Sie leisten sich demnach bspw. den Screenreader genau aus diesen Mitteln. Und das ist nach meinen Kenntnissen nicht der Fall. Sie erhalten diese Mittel wiederum aus anderen Töpfen erstattet. Es bleibt die Frage: Warum ist das so? Die Schwere der Behinderung kann es nicht sein. Oder will man erklären, dass Blindheit gravierender als Taubheit ist? Hat jemand einmal gefragt, wer die Gebärdensprach-Dolmetscher/in bezahlt und wie die abgeleistet werden? Wie also kommen bspw. Gehörlose täglich durch den Wirrwarr der Kommunikationshindernissen, denen sie ausgesetzt sind? Ich greife bewusst diese Gruppe heraus, weil ich für diese als Betroffener sprechen kann. Ich bin mir auch sicher, dass es in anderen Gruppen ähnliche Argumente gelten können. Um nicht falsch verstanden zu werden: Es geht nicht darum, Gruppen gegeneinander auszuspielen oder Neid zu schüren. Im Gegenteil, wir sind gerade dabei einen Paradigmenwechsel einzuläuten und auch die Solidarität unter behinderten Menschen zu entdecken und stärken. Auch ich war anfänglich unsicher und wusste mich nicht gegenüber anderen behinderten Menschen recht zu verhalten. Heute bin ich froh über diese neue Erfahrungen mit Menschen, die anders sind. Die Aktionen, die die Blindenverbänden derzeit aber unter dem Deckmantel der Effekthascherei ‚Mitleid’ starten, treibt ein Keil in die seit einigen Jahren zusammenwachsenden Arbeit behinderter Menschen. Und erweist Politikern einen Bärendienst. Denn so wird es ein Leichtes, die unterschiedlichen Gruppen behinderter Menschen gegeneinander auf zu hetzen. Kann man das verantworten? Darf man, um kurzfristige eigene monetäre Ziele zu erreichen, die große Idee aller behinderten Menschen in Frage stellen? Wie kann ich einem Politiker das selbstbestimmte Bild eines behinderten Menschen und dessen Ideale erläutern, wenn ich parallel dazu aber meine Behinderung als Faustpfand des Mitleides nutze, um ihn zu erweichen?

Gerd Frank schrieb am 13.12.2004, 17:40

Lob an Christiane Link

ihr Artikel ist ein fachfach Klasse.Mitleid ist der falsche Weg einen um einen Nachteilseilsausgleich zu kämpfen. Argumente sind genau die hier Christiane Link aufzeigte. Diese stichhaltigen Aussage sollten sich die Blindenverbände zu Herzen nehmen und nicht weiter auf Mitleid bauen.Den Politikern muß klar werden das sich hier um einen Nachteilsausgleich handelt den blinde Menschen benötigen um ein weitgehend selbständiges Leben zu führen.
Gerd Frank

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