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15.12.2004 - 19:15

Mitleid und Moneten.

Ein Kommentar von kobinet-Redakteurin Christiane Link

Hamburg (kobinet) Der Morgen hätte so schön sein können. Ich war einigermaßen ausgeschlafen, wollte gerade zur Arbeit gehen. Da klingelete das Faxgerät. Meine Mutter faxte mir einen Kommentar zum Blindengeld aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Heute war der Kommentar bei kobinet zu lesen.

Ich sah, dass der Kommentar von Keyvan Dahesch geschrieben war und erwartete eine schlüssige Argumentation, die dem geneigten FAZ-Leser erklärt, warum das Blindengeld wichtig ist.

Es sollte anders kommen: Je weiter ich las, desto grauer wurde der Morgen. Da waren sie wieder die drei Zutaten, die die Diskussion um das Blindengeld immer weiter vergiften: Mitleid, Desinformation und ein Bild blinder Menschen, das nicht der Realität entspricht.

«Fehlendes Augenlicht ist eine der schwersten Behinderungen» musste ich da lesen. Und das von einem Mann, der wissen müsste, dass man auch mit Blindheit ganz gut leben kann. Da «erleiden» blinde Menschen «ein Schicksal», benötigen angeblich bei jedem Handgriff Hilfe, die die Angehörigen auf Dauer überfordere. Komisch, mir sind diese blinden Menschen nur selten begegnet. Viele blinde Menschen leben selbständig und gerade dafür benötigen sie das Blindengeld. Nicht weil sie die Angehörigen sonst überfordern, sondern weil es nicht prinzipiell Aufgabe der Angehörigen ist, Assistenz für blinde Familienmitglieder zu leisten. Ehepartner sind erst einmal Partner und nicht Assistenzkräfte, um nur ein Beispiel zu nennen.

Dann führt Dahesch Beispiele für die Verwendung von Blindengeld an, die teilweise von anderen Kostenträgern übernommen werden. Die Kosten für ein Vorlesegerät übernimmt die Krankenkasse, im Berufsleben der Rehaträger. Solche falschen Fakten erschweren die Argumentation für das Blindengeld anstatt es fundiert als Nachteilsausgleich darzustellen.

Dass blinde Menschen nur geübte Wege laufen können ist schlicht falsch. Gutes Mobilitätstraining, ein Blindenhund oder Langstock ermöglicht blinden Menschen mehr Mobilität als dies Dahesch darstellt. Das ist aber gerade ein Argument für das Blindengeld. Wer wirklich mobil sein will, der nimmt auch mal ein Taxi, greift auf Assistenz zurück oder kauft alleine im zwar gut erreichbaren aber teureren Supermarkt ein.

Dahesch stellt blinde Menschen aber als hilflos und bemitleidenswert dar. Keine gute Argumentation für das Blindengeld, eher für Almosen, wie sie früher blinde Bettler an der Straßenecke bekamen. Stattdessen macht er sich indirekt die Argumentation der niedersächsischen Landesregierung zu eigen, die vom gut verdienenden Blinden redet. Zweimal nennt Dahesch die Beschäftigungsquote von blinden Menschen: Erst sagte er nur 30 Prozent stünden im Berufsleben, in Niedersachsen seien es nur vier Prozent. Abgesehen davon, dass die Zahlen mehr als fragwürdig sind (Wieso arbeiten in Niedersachsen nur vier Prozent, im Bundesgebiet aber 30 Prozent?), hat das nichts mit der Zahlung von Blindengeld zu tun. Blindengeld ist ein Nachteilsausgleich, der einkommensunabhängig gewährt werden sollte. Die Benachteiligungen nehmen bei blinden Menschen, die aktiv sind und /oder im Berufsleben stehen eher zu.

Das Bild behinderter Menschen wird nicht zuletzt durch die Medien geprägt. Das Bild behinderter Menschen der FAZ-Leser prägen Artikel wie diese. Die FAZ ist eine Zeitung, die nicht zuletzt von Entscheidungsträgern gelesen wird. Daher ist es umso bedauerlicher, dass solch ein Bild verbreitet wird. Hoffentlich erinnert sich nicht der Personalchef eines Unternehmens an den Artikel, wenn ein blinder Bewerber vor ihm sitzt: «Hilflos, nicht mobil und an einer der schwersten Behinderungen leidend», wird er dann denken.

Gegen die Barrieren in den Köpfen muss jeder behinderte Menschen jeden Tag kämpfen. Die Barrieren im Alltag soll das Blindengeld ausgleichen. Es ist müßig, die Alltagsbarrieren gegen die Barrieren in den Köpfen aufzuwiegen. Das Blindengeld allein schafft keine gleichberechtigte Teilhabe. Auch die Barrieren in den Köpfen müssen verschwinden. Deshalb ist es zu kurz gedacht, diese zu nutzen, um das Blindengeld zu retten. cl
 

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