
Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul Kassel (kobinet) Stand das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen 2003 noch weitgehend im Lichte der neuen Herangehensweise in der Behindertenpolitik mit dem Grundsatz «Nichts über uns ohne uns», scheint dies in unserer schnelllebigen Zeit schneller vergessen zu sein, als sich dies wohl so manche Skeptiker ausmalen konnten. Ein neuerlicher Beleg dafür ist eine Tagung, die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend am 24./25. Februar 2005 unter dem Motto «Neue Betreuungs- und Wohnformen und Heimgesetz» in Berlin in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge durchgeführt wird. (siehe kobinet-Bericht vom 19.1.05) Liest man das vorläufige Programm auf dem Faltblatt, mit dem für die Tagung eingeladen wurde, könnte man fast meinen, dass behinderte Menschen in den Einrichtungen und Angeboten, um die es bei der Tagung gehen soll, nicht vorkommen. Man muss schon genauer hinsehen, um in der letzten Arbeitsgruppe gerade noch Karl Finke, den Behindertenbeauftragten von Niedersachsen, zu entdecken. Immerhin darf auch der Einrichtungskritiker Prof. Dr. Klaus Dörner auch noch in einer Arbeitsgruppe etwas sagen. In den Hauptreden und -referaten und erst recht nicht in der abschließenden Podiumsdiskussion kommen behinderte Menschen bzw. deren Interessenvertretungen nicht vor. Diese finden unter Ausschluss der Beteiligung der Interessenvertretungen behinderter Menschen statt. Dass eine von einem Bundesministerium durchgeführte Veranstaltung wieder einmal so durchgeführt wird, macht deutlich, dass der viel proklammierte Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik noch längst nicht in den letzten Amtsstuben angekommen ist, er vielleicht sogar nur eine zeitweilige Modeerscheinung ist, die im Alltag leicht wieder zur Seite gelegt werden kann. Aber gerade auch im Hinblick, dass immer mehr behinderte Menschen und ihre Organisationen zunehmend den Marsch aus den Institutionen und eine Wende zur ambulanten statt stationären Unterstützung behinderter Menschen fordern, kann diese weitgehende Nichtbeachtung dieses Trends schon fast als eine Herausforderung zum Protest gegen diese Veranstaltung gedeutet werden. Denn die Konzeption dieser Veranstaltung macht aufs Neue deutlich, dass man in den meisten Verwaltungen und Behinderteneinrichtungen am liebsten nach wie vor nach dem Motto «Wasch mir den Pelz, aber mach mich bloß nicht nass» agiert. Man redet also ganz gern über Reformen, findet dabei auch tolle und progressiv klingende Worte - ein ernsthaftes Anpacken findet dabei jedoch höchst selten statt. Und am liebsten ist man eigentlich unter sich, um bloß nicht die direkte und intensive Auseinandersetzung mit denjenigen suchen zu müssen, um die es eigentlich gehen könnte. Das könnte unbequem sein und das Boot, in dem sich so viele ganz gut eingerichtet haben, ins Wackeln bringen. Doch diesen Gefallen sollten wir den Veranstaltern und Teilnehmern dieser Veranstaltung dieses Mal nicht tun. Auch wenn wir in Deutschland anscheinend noch nicht so weit sind, dass wir wie in den USA eine radikale Behindertenrechtsorganisation wie ADAPT haben, die von Treffen zu Treffen der Heimbetreiber ziehen, sich aus ihren Rollstühlen vor die Türen der Veranstaltungsorte schmeißen und den Eingang blockieren, um deutlich zu machen, dass mit der Politik der Aussonderung die Würde der Menschen mit Füßen getreten wird, so sollten wir wenigstens bei dieser Veranstaltung sicher stellen, dass die Stimmen behinderter Menschen gehört werden. Eine Reihe von behinderten Menschen hat sich zu dieser Veranstaltung bereits angemeldet, um sich dort entsprechend einzubringen, mögen weitere folgen. omp Nähere Informationen über die Tagung gibt's im Internet unter www.kobinet-nachrichten.org.