
Wetter (kobinet) Seit mehr als einer Woche läuft die Diskussion um eine Zertifizierung barrierefreier Internetseiten. Das Aktionsbündnis für barrierefreie Informationstechnik (AbI) hatte angekündigt, zusammen mit DIN CERTCO bis Mitte 2005 ein Zertifizierungsprogramm und ein Prüfverfahren zur Zertifizierung von barrierefreien Websites zu entwickeln (kobinet 2.2.2005). Professor Christian Bühler hat nun zum Vorhaben des AbI im kobinet-Interview Stellung genommen. cl
kobinet: Herr Professor Bühler, Sie haben mit der Ankündigung, ein Zertifikat für Barrierefreiheit anbieten zu wollen, teilweise heftige Reaktionen ausgelöst. Wie erklären Sie sich die emotional geführte Diskussion?
Bühler: Einerseits kam die Nachricht für viele sozusagen ohne Vorankündigung. Dann ist eine solche Pressemeldung vom Charakter her kompakt und zusammengefasst mit wenig Raum für Details. Beides zusammen hat offenbar die Phantasie bei einigen Lesern beflügelt. Für einige Unterstützer von AbI, die sich gemeldet haben, ergab sich zusätzlich eine Art Erklärungsnotstand, da sie einer Zertifizierung kritisch gegenüberstehen. Das hatte ich so nicht erwartet und finde es sehr bedauerlich. Die Heftigkeit mancher Reaktion kann ich mir mit Sachargumenten nicht erklären.
kobinet: Gegner der Zertifizierung glauben, dass es den Anbietern weniger um die Barrierefreiheit geht als um wirtschaftliche Interessen. Welche Rolle spielen unternehmerische Gedanken bei diesem Schritt?
Bühler: Als AbI haben wir dabei keine unternehmerischen Gedanken im wirtschaftlichen Sinne. Vielmehr wollen wir etwas unternehmen, um Barrierefreiheit im Internet weiter zu verbreiten und durchzusetzen. In diesem Sinne ist es vorteilhaft, einen eingeführten Namen wie das DIN heranzuziehen. DIN verfügt über langjährige Erfahrung mit Zertifizierung und ist so eine gute Ergänzung für ein solches Vorhaben.
kobinet: Erstaunlicherweise kommt die Kritik weniger von Seiten der Behindertenverbände als von den AbI-Unterstützern. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, Sie werden die Geister, die Sie riefen, nicht mehr los. Haben Sie die wirtschaftlichen Interessen der Agenturen unterschätzt? Inwieweit ist die Zertifizierung Konsens innerhalb von AbI? Hätten Sie die Unterstützer nicht von Anfang an besser einbinden müssen?
Bühler: Das ist mir auch aufgefallen und wir werden es auswerten müssen. Die Interessen der wirtschaftlich ausgerichteten Unternehmen sind wohl anders als die der Behindertenverbände. Als «Geister» würde ich die Unterstützer aber keinesfalls bezeichnen. AbI versucht die Unterstützung der Barrierefreiheit im Internet aus verschiedenen Bereichen zusammenzuführen. Dabei fühlt sich AbI in erster Linie den Menschen mit Behinderungen - vertreten durch Ihre Verbände - verpflichtet. Aber wir brauchen auch die Unterstützung der Rehabilitation, der Administration, der Wissenschaft und der Wirtschaft. Daher haben wir auch private Unternehmen als Unterstützer eingeladen. Die verschiedenen Unterstützer nehmen hier sehr unterschiedliche Rollen und Profile ein. Dem versuchen wir mit den Zusammenarbeitsmöglichkeiten flexibel Rechnung zu tragen. Interessenskonflikte haben uns von Anfang an begleitet. Wir versuchen insgesamt Kompromisse im Konsens zu schließen. Nur, wenn kein sinnvoller Konsens möglich ist, darf das nicht automatisch Stillstand heißen. Nun haben wir zu einem meines Erachtens frühen Zeitpunkt Farbe bekannt und diese Kontroverse ausgelöst. Wahrscheinlich war sie längst überfällig und wir haben sie in unserem Bemühen um möglichst großen Rückhalt zu lange hinausgezögert. Ich hoffe sehr, dass die Kontroverse uns bei der Lösungsfindung gemeinsam mit den AbI-Unterstützern weiterhilft.
kobinet: Ein weiterer Kritikpunkt ist die angeblich veraltete BITV, die als Grundlage für eine Zertifizierung nicht geeignet sei. Was sagen Sie zu dieser Kritik?
Bühler: Dies ist bei vielen eine Kritik an der BITV selbst. Schon vor der Verabschiedung der BITV, die von den Verbänden der Menschen mit Behinderungen begrüßt wurde, waren kritische Fragen an die BITV zu stellen. Diese sind ja niemandem verborgen geblieben. Trotzdem galt es damals, Klarheit zu schaffen und nicht einen «Inselstandard - Deutschland». Gegen zum Teil die gleichen Stimmen, die sich heute wieder melden, haben wir diese BITV unterstützt. Die Partner und Unterstützer haben übrigens unterschrieben, das sie «BITV und WAI (WCAG) als Grundlage der Barrierefreiheit akzeptieren».
Auch wir setzen uns mit der Begrenztheit dieses Standards auseinander. Mit den Anforderungen versucht die BITV ja ein Gegengewicht zu den stärker technologieorientierten Bedingungen zu schaffen. Aber leider ist es bislang auch anderen nicht gelungen, etwas Besseres auf den Markt zu bringen. Unser Aufruf und der von anderer Seite zur Beteiligung an der Entwicklung der WCAG 2.0 blieb leider ohne wirkliche Resonanz. Damit versäumt man eine Chance die Dinge zu verbessern. Und der Entwurf der WCAG 2.0 macht deutlich, dass auch in Zukunft die WCAG 1.0, auf der die BITV aufsetzt, in großen Teilen wirksam bleibt. Daher bleibt die BITV für uns die Grundlage! Und dass ein Standard bei der Verabschiedung eigentlich schon veraltet ist, gilt geradezu als Grundsatz. Trotzdem brauchen wir eine Richtschnur, die hier der Gesetzgeber vorgegeben hat. Wo wären wir heute ohne die BITV?
Nun zur Prüfung selbst. Von Anfang an mussten wir bei allen Prüfungen den Stand der Technik berücksichtigen. Die BITV ist ja keine Prüfvorschrift. Die BITV ist allgemein gehalten und gibt Spielraum bei der Auslegung. Das bleibt auch bei der Prüfung für ein Zertifikat so. Das ist allen, die Test von Webseiten machen, eigentlich klar. Insofern verstehe ich die Kritik hier aus sachlicher Sicht tatsächlich nicht.
kobinet: Barrierefreiheit ist ein Prozess. Wie kann dieser Prozess in einem Zertifizierungsverfahren abgebildet werden? Ist nicht eine Zertifizierung bereits am nächsten Tag, bei der nächsten Änderung der Internetseite, wieder überholt?
Bühler: Das ist zunächst richtig. Aber es dürfte wohl niemandem entgangen sein, wie viele Prozesse heute zertifiziert werden. Ich benutze gerne das Beispiel «Auto»: auch wenn ein Auto eine gültige TÜV-Plakette hat, bleiben Besitzer und Führer des Autos für die Fahrtüchtigkeit des Gefährtes verantwortlich. Trotzdem ist die Vorgehensweise weitgehend akzeptiert.
Auch uns ist das Problem nicht verborgen geblieben und wir wollen sehen, wie man damit vernünftig umgehen kann. Einfach zu sagen, es ginge gar nichts, halte ich für falsch.
kobinet:Die technischen Entwicklungen schreiten im Bereich der Informationstechnik schnell voran. Wie wird dieser Entwicklung innerhalb des Zertifizierungsverfahrens Rechnung getragen?
Bühler: Scheller als die eigentliche Entwicklung kann ein Standard oder eine Prüfvorschrift nicht sein. Auch wenn in beiden Vorkehrungen zur Anpassung schon eingehen können. Ich bin mir aber sicher, dass eine Prüfvorschrift schneller angepasst werden kann als eine Verordnung.
kobinet: Sie wollen bei der Zertifizierung mit DIN CERTCO zusammenarbeiten. Das Unternehmen bietet bereits ein Zertifikat für barrierefreies Bauen an, das wenig angenommen wird. Wie soll sich Ihr Zertifikat durchsetzen?
Bühler: Inwieweit der Markt ein Angebot aufnimmt, ist schwer vorherzusagen. Es gibt ja heute schon Kräfte, die mit ihren ganz eigenen Mitteln versuchen, das zu verhindern. Ich sehe in dieser Aktion auch nicht die Lösung des Problems insgesamt. Aber ich glaube, dass es notwendig und wert ist, diesen Versuch zu unternehmen. Sollte es Rückschläge geben, müssen wir daraus lernen. Wir werden aber auch andere Optionen und Aktionen zu prüfen haben.
kobinet: Insbesondere die kleinen Agenturen fürchten sich vor dem Preis der Zertifizierung. Wie soll gewährleistet werden, dass auch kleine Anbieter, die häufig die qualitativ bessere Arbeit bezüglich Barrierefreiheit machen, sich das Verfahren leisten können?
Bühler: Ich halte die Angst der kleineren Agenturen für unbegründet. Es gibt hier unterschiedliche Marktsegmente, die unterschiedliche Angebote aufgreifen. Von dem abgesehen, hängt der Preis einer Leistung in der Regel vom Umfang ab. Möglicherweise ergeben sich sogar neue Marktmöglichkeiten auch für die kleineren Agenturen. Die sind ja oft sehr flexibel und kompetent. Angesichts der Kosten, die für Internetangebote heute aufgebracht werden müssen, erscheint mir die Sorge über die Finanzierbarkeit der Barrierefreiheit fraglich. Das Argument mit dem Geld wird gerne als Totschlagsargument missbraucht, um einfach so weiter machen zu können wie bisher. Das begegnet uns bei der Bemühung um soziale Belange eigentlich mindestens einmal am Tag. Die Verbände und sicher auch Kobinet werden mir das leider bestätigen.
kobinet: Ob eine Seite im Sinne behinderter Menschen barrierefrei ist, können am besten die behinderten Nutzer selbst beurteilen. Welche Rolle sollen behinderte Menschen bei der Zertifizierung spielen? Schafft die Zertifizierung Arbeitsplätze für behinderte Menschen auf dem 1. Arbeitsmarkt?
Bühler: Die Beteiligung der Menschen mit Behinderungen bei Ihren eigenen Angelegenheiten ist ein gutes Prinzip. AbI unterstützt dies gerade aus der Sicht der beteiligten Verbände. Ich hoffe sehr, dass der Gedanke, Menschen mit Behinderungen bei den Prüfinstituten zu beschäftigen, zu Arbeitsplätzen am ersten Arbeitsmarkt führen wird.
kobinet: Herzlichen Dank für das Gespräch!
Hubertus Thomasius schrieb am 09.02.2005, 20:22
Es ist seltsam, wenn ein Leserbrief verschwindet. Es ist noch seltsamer, wenn es sich um einen Leserbrief handelt, der etwas zur Validität dieser kobinet-nachrichten äußert. Der/die Schreiber/in wies mit Angabe der URL zur Validierung auf Mängel hin.
Ja, es ist richtig, dass in unserem sehr lebendigen Medium dieses oder jenes Problem bei der Validierung aufgezeigt wird.
Jeder kann das über validator.w3.org selbst überprüfen.
Bei einem so lebenden System, wie wir es betreiben, tritt es immer mal auf, dass in den Texten nicht valide Zeichen verwendet werden oder etwas anders geschrieben wird als validen Code (auch Links die nicht geschlossen werden etc.).
Solche Sachen meckert jeder Validator an. Wir bemühen uns redlich, valide Webseiten zu produzieren und nehmen uns das zum Anlass selbst öfter als bisher unsere Seiten auf validen HTML-Code zu testen. Wir kennen unsere Mängel.
Für das Verschwinden des Leserbriefes bitten wir um Entschuldigung. Der/die Schreiber/in möge sich gern bei uns melden, so dass wir den Leserbrief rekonstruieren ohne dass ein Fehler auftritt.
Hubertus Thomasius, Technik bei kobinet-nachrichten