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kobinet-nachrichten
13.02.2005 - 07:59
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Hollenbach (kobinet) Baden-Württemberg und Hamburg fordern eine Stärkung der ambulanten Versorgung und das Zurückfahren von stationären Unterbringungen behinderter Menschen. Damit sollen die steigenden Kosten in der Eingliederungshilfe eingedämmt werden. kobinet-nachrichten sprach mit Elke Bartz, der Vorsitzenden des Forums selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen (ForseA), über ihre Einschätzung. kobinet-nachrichten: Elke Bartz, wir haben ja schon mehrfach über die Kampagne «Marsch aus den Institutionen - Reißt die Mauern nieder» berichtet. Mit dieser Aktion fordern ForseA und eine ständig steigende Anzahl von Unterstützerorganisationen und Einzelpersonen, dass alle behinderten Menschen außerhalb von Einrichtungen leben können. Die Forderungen von Baden-Württemberg und Hamburg kommen Ihnen dabei doch sicher entgegen? Elke Bartz: Auf den ersten Blick müssten wir tatsächlich jubeln, wenn die Bundesländer scheinbar das Gleiche fordern wie wir. kobinet-nachrichten: Scheinbar? Elke Bartz: Nun, wir fordern, dass alle Menschen, egal wie schwer behindert sie sind, mitten in der Gemeinschaft leben können und dort die notwendigen Hilfsangebote zur freien Wahl vorfinden. Bei uns stehen Menschenwürde und Menschenrechte im Vordergrund unserer Forderungen. kobinet-nachrichten: Bei den Ländern und Kommunen nicht? Elke Bartz: Ich denke, man muss schon sehr blauäugig sein, um nicht zu wissen, dass hier - vermutlich sogar ausschließlich - der Kostenfaktor maßgeblich ist. kobinet-nachrichten: Ist es nicht legitim, wenn die Kommunen angesichts der desolaten Haushaltslagen nach Lösungen suchen, um Kosten einzudämmen? Elke Bartz: Ja, das ist es. Wir sagen ja selbst, dass eine ambulante Versorgung Kosten einsparen kann. kobinet-nachrichten: Na dann herrscht doch Friede, Freude, Eierkuchen, wenn alle derselben Meinung sind und dasselbe fordern? Dann werden die Heime ja wohl bald dichtgemacht werden? Elke Bartz: Leider nein. Wir befürchten eine Selektierung, bei der diejenigen mit hohem und damit kostenintensivem Hilfebedarf auf der Strecke bleiben. kobinet-nachrichten: Was heißt das? Elke Bartz: Nun, in den «Heimen» gibt es in der Regel schwerer und leichter behinderte Bewohnerinnen und Bewohner mit unterschiedlichen Hilfebedarfen. Die mit niedrigem Bedarf subventionieren, weil für sie eigentlich viel mehr bezahlt wird, als dass sie Hilfe brauchen, die Plätze derjenigen mit hohem Hilfebedarf. Diese Bewohnerinnen und Bewohner könnten also sehr viel kostengünstiger - oft mit einem Drittel oder der Hälfte der stationären Kosten - ambulant versorgt werden. Problematisch wird es bei hohem Hilfebedarf. kobinet-nachrichten: Wieso? Elke Bartz: Da gibt es verschiedene Möglichkeiten: Wenn Menschen mit hohem Hilfebedarf ambulant unterstützt werden, steigen - vordergründig - die Kosten, weil natürlich die vorher angesprochene Quersubventionierung wegfällt. Nun steht zu befürchten, dass die Kostenträger nicht bereit sind diese Kosten zu tragen, sondern sparen wollen, wo immer es möglich ist. Das war ja schon bei Einführung der Pflegeversicherung so. Das wiederum würde bedeuten, die Schwerstbehinderten blieben in den Einrichtungen zurück. Dann müssten wegen des Wegfalls der Quersubventionierungen entweder die stationären Pflegesätze steigen, oder aber die Menschen würden total unterversorgt bleiben. Und wir befürchten letzteres. kobinet-nachrichten: Gibt es einen Ausweg? Elke Bartz: Ja natürlich. Die Langzeitstudie von Prof. Dörner aus dem Psychiatriebereich hat gezeigt, dass die Kosten für eine ambulante Versorgung um ein Drittel bis die Hälfte gesenkt werden können, wenn alle passgenau die Hilfen bekommen, die sie brauchen. Wenn sich die Kostenträger also nicht nachsagen lassen wollen, dass sie schwerstbehinderte Menschen dem Kostenkalkül opfern und es ihnen gleichgültig ist, wie unterversorgt diese leben, müssen sie ambulante Strukturen für alle schaffen. Wir können das Bestreben nach Kostensenkungen immer dann unterstützen, wenn es um Kosteneinsparungen unter dem Strich geht und nicht um Kosteneinsparungen bei jedem Einzelnen. Das heißt, es muss im Einzelfall - wo es zur individuellen Bedarfsdeckung notwendig ist - möglich sein, dass die ambulanten Kosten die stationären übersteigen. Alles andere ist für uns nicht akzeptabel. kobinet-nachrichten: Was wäre Ihr Wunsch? Elke Bartz: Es wäre toll, wenn die Kommunen ihr Misstrauen uns gegenüber ablegen würden und bereit wären, mit uns darüber zu diskutieren, wie für alle tragbare Lösungen geschaffen werden können. Wichtig dabei ist auch zu erkennen, dass wir natürlich eine Lobby gegen uns haben, die ungeheuer mächtig ist. kobinet-nachrichten: Die da wäre? Elke Bartz: Die Lobby der «Heim»betreiber, die an uns verdient und die nicht bereit ist neue Wege zu gehen. Es gibt zwar durchaus löbliche Ausnahmen, aber die sind leider noch in der Minderzahl. kobinet-nachrichten: Es gibt also noch viel zu tun? Elke Bartz: Ja, und wir sind bereit dazu! Das Gespräch führte kobinet-Redakteur Harald Reutershahn.
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