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13.02.2005 - 10:00

Politik mitprägen.

Kassel (kobinet) Ottmar Miles-Paul vom Netzwerk Artikel 3 hat sich schon vor einigen Wochen dafür ausgesprochen, dass sich behinderte Menschen in die anstehenden Wahlkämpfe einklinken und sie mitprägen sollen. In Schweswig-Holstein wird nächsten Sonntag der neue Landtag gewählt und im Mai steht die Wahl des Landtages in Nordrhein-Westfalen an. In Kassel findet heute die Wahl des Oberbürgermeisters statt. Da sich Ottmar Miles-Paul aktiv in diesen Wahlkampf eingemischt hat, sprach kobinet-Redakteurin Elke Bartz mit ihm über den Sinn und Zweck, bzw. die Möglichkeiten und Grenzen, sich in Wahlkämpfe als behinderter Mensch einzumischen. kobinet-nachrichten: Heute wird in Kassel der neue Oberbürgermeister gewählt. Wie ist Ihr Tipp dafür? Ottmar Miles-Paul: Ich hoffe, dass es eine Oberbürgermeisterin wird, denn ich habe im Wahlkampfteam der grünen Kandidatin Helga Weber mitgewirkt. Realistisch gesprochen bin ich aber schon froh, wenn es eine Stichwahl gibt und der bisherige Oberbürgermeister der CDU, der das letzte Mal über 60 Prozent hatte, nicht im ersten Wahlgang gewählt wird. Dabei hoffe ich natürlich, dass die grüne Kandidatin es dann in die Stichwahl schafft. kobinet-nachrichten: Vor einigen Wochen haben Sie dazu aufgerufen, dass sich behinderte Menschen in die Wahlkämpfe einmischen sollen. Wie sind Ihre eigenen Erfahrungen? Ottmar Miles-Paul: Es war leichter den Aufruf für die Einmischung in die anstehenden Wahlkämpfe zu schreiben, als einen Wahlkampf selbst intensiv vom Anfang bis zum Ende mitzubetreiben. Meine Finger sind heute noch klamm, wenn ich allein an die Zeiten an den Wahlkampfständen in Wind und Wetter der letzten Wochen denke. Nichts desto trotz möchte ich keine Minute des Wahlkampfes missen, denn es waren für mich, der zum ersten Mal einen Wahlkampf so richtig mitgestaltet hat, äußerst wichtige Lehren. kobinet-nachrichten: Und zwar? Ottmar Miles-Paul: Obwohl ich ja nun schon seit fast vier Jahren Stadtverordneter im Kasseler Stadtparlament bin, ist mir bei diesem Wahlkampf so richtig bewusst geworden, wieviel ehrenamtliche Arbeit in den Parteien geleistet wird. Gerade wir, die wir uns in der Behindertenbewegung engagieren, glauben ja zuweilen, dass wir einige der wenigen Aufrechten sind, die sich ehrenamtlich einsetzen. Doch auch in den Parteien wird unheimlich viel ehrenamtliche Knochenarbeit geleistet - und das sind in der Regel nicht gut bezahlte PolitikerInnen, von denen es insgesamt gesehen ohnehin relativ Wenige gibt, sondern ganz normale Leute wie du und ich. Der Wahlkampf hat allein mich insgesamt gut 300 Stunden gekostet, ohne dafür einen Cent zu kriegen. Ich habe aber vor allem gelernt, wie so ein Wahlkampf geplant wird, wie man Leute erreicht und vor allem in welch hohem Maße die KandidatInnen auf die Unterstützung der Basis und von engagierten und interessierten Menschen allgemein angewiesen sind. Und genau diese Tatsache könnte uns behinderten Menschen unheimlich viele Türen öffnen, wenn wir uns schon in den Wahlkämpfen intensiv mit einmischen, wenn die KandidatInnen uns brauchen und für unsere Anliegen noch offener sind. kobinet-nachrichten: Glauben Sie, dass sich die PolitikerInnen später daran erinnern? Ottmar Miles-Paul: In der Kommunalpolitik auf jeden Fall; und ich glaube auch auf den anderen politischen Ebenen. Denn die KandidatInnen wollen ja gewinnen und sehen auch recht gut, wer sie unterstützt bzw. wer nur meckert. Letztendlich ist es sehr menschlich, dass man auch eher etwas für Leute tut, die einem positiv gegenüber treten als für diejenigen, die einen ständig ins Kreuz treten. Deshalb betrachte ich es auch als sehr wichtig, dass wir uns in der Behindertenbewegung weiterentwickeln und uns direkter in die Politik einmischen. Die Rolle der Zuschauer und bloßen Forderer ist zu wenig. Wir müssen uns verstärkt direkt in den Parteien, denen wir uns jeweils zugeneigt fühlen, engagieren und deren Politik von der Wurzel her mitprägen. kobinet-nachrichten: Zieht das nicht auch viele Energien von der Arbeit in den Behindertenverbänden ab? Ottmar Miles-Paul: Das ist ein guter Punkt. Der Wahlkampf hat mich in den letzten Wochen wirklich viel Zeit gekostet, die ich für die Behindertenbewegung gut nutzen hätte können. Ich fühle mich deshalb auch sehr müde. Nichts desto trotz kann es nicht hoch genug bewertet werden, dass wir mit denjenigen zusammen kommen, die die für uns wichtigen Entscheidungen treffen. Das sieht erst einmal vielleicht sehr ineffektiv aus, hat jedoch eine nachhaltige Wirkung, zumal wir als behinderte Menschen auch eher auffallen und man sich an uns leichter erinnert. Ja, es kostet aber wirklich viel Energie, die gerade bei uns behinderten Menschen gut eingeteilt sein will, so dass es gut ist, wenn hier vielleicht verschiedene Leute verschiedene Rollen einnehmen können. Apropos behinderte Menschen. Haben Sie Grenzen im Wahlkampf aufgrund Ihrer Sehbehinderung erlebt? Ottmar Miles-Paul: Unsere Stärke ist ja, dass wir als behinderte Menschen eher auffallen. Auf jeden Fall habe ich aber auch Grenzen erlebt. Wenn ich als Sehbehinderter am Wahlkampfstand Flugblätter verteile und die gleichen Leute mehrfach anspreche, ist das nicht immer ganz einfach und kostet manchmal auch richtig Energie. Für mich ist es eh nicht einfach, Leute aufgrund meiner Sehbehinderung zu erkennen, so dass es des öfteren vorkommt, dass ich meine ParlamentskollegInnen oder Leute aus der Verwaltung nicht erkenne, zuweilen sogar meine eigenen ParteikollegInnen. Dann bin ich sicherlich auch nicht der beste Berater, wenn es um die visuelle Gestaltung von Plakaten geht. Dabei habe ich jedoch bemerkt, dass mein Eindruck auch nicht unwichtig ist, denn ich achte wenigstens darauf, dass man die Sachen lesen kann und nicht überlayoutet bzw. schlecht lesbare Farben nimmt. kobinet-nachrichten: Die direkte Arbeit in den Parteien war aber nicht alles, was in Kassel lief? Ottmar Miles-Paul: Nein, zum Glück nicht. Wir hatten eine ganze Reihe von behinderten Menschen, die an die Wahlkampfstände kamen und mit den KandidatInnen sprachen oder ihre Fragen und Probleme geschildert haben. Das ist nicht zu unterschätzen. Es gab einen Wahlprüfstein vom Kasseler Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter, bei dem die KandidatInnen zwei Fragen zur Behindertenpolitik beantworten und sich sozusagen in diesen Fragen outen mussten. Sämtliche KandidatInnen waren bei uns im Zentrum für selbstbestimmtes Leben Behinderter, zum Teil sogar mehrfach, bei Veranstaltungen. Und wir haben natürlich versucht, behinderte Menschen und ihre Angehörigen und FreundInnen zu motivieren, zur Wahl zu gehen, welche Person sie dabei auch immer wählen. Es gibt also eine ganze Menge, was im Wahlkampf getan werden kann - und diese demokratischen Chancen sollten wir auch nutzen. kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Gespräch. (Das Interview führte kobinet-Redakteurin Elke Bartz) 

 
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