
Von Dr. Oliver Tolmein Lüneburg (kobinet) Behinderung war eines der großen Themen bei der diesjährigen Oscar-Preisverleihung und es war gleichzeitig, zumindest in den deutschen Medien, das Thema, über das keine großen Worte verloren wurde. Dabei sind die Geschichten, die in den Filmen «Ray» (Oscar für Jamie Foxx als bester Darsteller), «Million Dollar Baby» (u.a. Oscar für den besten Film) und «Mar Adentro» (Das Meer in mir) (Preis für den besten ausländischen Film) erzählt werden charakteristisch für die Wahrnehmung von Behinderung in den westlichen Industriegesellschaften. «Ray» erzählt die Erfolgsgeschichte des Musikers Ray Charles, der es als Blinder geschafft hat, zur Jazzlegende zu werden. Als Kontrast zur Story des Einen, der es «trotzdem» geschafft hat, werden in «Million Dollar Baby» und «Mar Adentro» Geschichten des Scheiterns erzählt - bezeichnenderweise aber auch als Erfolgsgeschichten verbrämt: Es geht um die Boxerin Jackie, die nach einem Unfall querschnittgelähmt ist und nicht mehr leben will, und um Ramon, der ebenfalls nach einer Querschnittlähmung den Tod sucht. Beide kämpfen für ihr Recht zu sterben, werden darin von engen Freunden unterstützt - und setzen sich schließlich durch. Der unterstützte Suizid wird als selbstverständliches, letztes großes Ziel von Menschen mit Behinderungen dargestellt, als eine Chance, die durch die Querschnittlähmung und Pflegeabhängigkeit angeblich verlorene Würde wiederzugewinnen. In den USA sind «Million Dollar Baby» und «Mar Adentro» (der dort unter dem Titel «Sea Inside» läuft) von Seiten der Behindertenbewegung heftig attackiert worden. «Killing us friendly» hat die Herausgeberin des Online-Magazins «Ragged Edge», Mary Johnson, ihre Auseinandersetzung mit dem Eastwood-Film überschrieben. Auch die Juristin und «Not Dead Yet»-Aktivistin Diane Coleman sieht die Filme in Zusammenhang mit der gegenwärtigen Debatte um die Legalisierung von Sterbehilfe. In ihrer Kritik weist sie auch auf falsche und verzerrende Darstellungen hin: «Million Dollar Baby's Darstellung von Maggies Erfahrungen als Behinderte ist gespickt mit unzutreffenden Behauptungen über Querschnittlähmungen, medizinische Probleme, Rehabilitation und die Möglichkeit der Integration in die Gesellschaft. Warum, um ein Beispiel zu nennen, landet Maggie in einem Pflegeheim, statt effektive Rehabilitation zu erhalten? Und warum wird ihre Wunsch sich umzubringen nicht in Zusammenhang mit der miserablen Pflege gebracht, die sie offenbar bekommt, da ihr aufgrund von Druckstellen ein Bein amputiert werden muss?» Während nichtbehinderte Rezensenten des Filmes auf die Kritik von behinderten Autorinnen und Autoren mit dem stereotypen Hinweis reagieren, dass es sich bei «Million Dollar Baby» schließlich um Kunst handele und nicht um eine Handlungsanleitung fürs wirkliche Leben, hat sich für Lennard Davies, Professor an der Universität von Illinois in Chicago und einer der Begründer der Disability Studies, in einem Aufsatz eingehender mit der Frage befasst, warum die Reaktion der professionellen Filmkritik auf «Million Dollar Baby» geradezu enthusiastisch ist, während Behindertengruppen sich angegriffen und diskriminiert fühlen. Lennard Davies vergleicht die gesellschaftliche Wahrnehmung von Behinderung heute mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Homosexualität, Geschlechterdiskriminierung oder der Lage von Afro-Amerikanern. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass Behinderung nicht als Identität wahrgenommen wird, die durch Unterdrückung geprägt ist, sondern als individuelle Tragödie. Deswegen lassen sich leicht auch individualisierende, tragische Filmgeschichten erzählen. «So gesehen stehen wir heute mit Blick auf Behinderung dort, wo die Debatte über Geschlecht oder Rasse sich in den 1950er Jahren und früher befand. Damals konnte man sich darauf verlassen, dass ein guter Liberaler sagen würde: ‚Ich habe wirklich Mitleid mit der X-Gruppe.' Und in den eigenen vier Wänden sagte der gleiche Liberale: ‚Gott sei Dank bin ich nicht X.' Und dann wären da noch die Unannehmlichkeiten der Begegnung mit Menschen, die tatsächlich zu X gehörten.» Heute weiß der gute Liberale um die strukturelle Unterdrückung von Frauen, Schwulen und Afro-Amerikanern - einen Film, der ihre Existenz als elend darstellt würde er zwar akzeptieren, weil er für die Freiheit der Kunst ist, er würde ihn aber kritisieren. Beim Thema Behinderung, darauf weist Davies hin, liegen die Verhältnisse aber noch anders. Deswegen zeigt in seinen Augen gerade der Erfolg von Filmen wie «Million Dollar Baby», wie wichtig Disability Studies sind. Allerdings hat gerade die Auseinandersetzung um diesen Film auch noch eine weitere Dimension. Eastwood ist in der Debatte über die Lage von Menschen mit Behinderungen nämlich kein Unbeteiligter und auch kein gutwilliger Liberaler. Der gealterte Cowboy-Darsteller ist vielmehr auch Unternehmer, der sich unter anderem mit einem großen Hotelumbau in den Neunziger Jahren einen Namen gemacht hat. Weil er in der historischen «Mission Ranch» lieber 7.000 Dollar einsparte, statt die Badezimmer behindertengerecht auszustatten und eine Rampe für den Eingang zu bauen, wurde Clint Eastwood von einer Rollstuhlfahrerin wegen Verstoß gegen den «Americans with Disabilities»-Act und gegen die kalifornische Bauordnung verklagt. Eastwood wurde auch verurteilt, musste aber keinen Schadenersatz zahlen. Seitdem ist der Lobbyismus gegen das Antidiskriminierungsgesetz eine von Eastwoods liebsten Nebenbeschäftigungen. Skrupellose Anwälte, so seine auch in dieser Frage diskriminierende Sichtweise, würden Behinderte ausnutzen um einen schnelle Dollar zu verdienen indem sie Geschäftsleute mit haltlosen Klagen überzögen. Mit dieser These hat er es immerhain auf die Seite 1 des «Wall Street Journals» gebracht. Als Geschäftsmann wurde er auch vom Rechtsausschuss des Kongresses gehört, als republikanische Abgeordnete versuchten das Antidiskriminierungsgesetz durch Einführung einer 90tägigen Frist, die zwischen Diskriminierung und Klage liegen soll, zu entschärfen. Insofern ist es auch kein Zeichen besonders solider Recherche, wenn in den raren Meldungen, die in Deutschland überhaupt über die Kritik an Eastwoods Film veröffentlicht wurden, die Opposition gegen den «Million Dollar Film» und seinen ressentimentgeladenen Regisseur ausschließlich und vor allem auf der Seite der christlichen Rechten verortet wurde: Auch wenn es dort viele Lebensschützer gibt, sind doch dort eher die Gegner als die Befürworter der Antidiskriminierungsgesetzgebung zu Hause. omp Dr. Oliver Tolmein ist Journalist und Rechtsanwalt. Nähere Infos gibt's unter www.ra-tolmein.de