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30.03.2005 - 03:00

Betreuungspersonal als Dienstleister.

Erlangen (kobinet) Johanna Stengel setzt sich schon seit vielen Jahren für ein Leben von Menschen mit Lernschwierigkeiten in der Gemeinde statt im Heim auf der grünen Wiese in Erlangen ein. Sie wünscht sich vor allem, dass sich das Betreuungspersonal als Dienstleister versteht. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit Johanna Stengel aus Erlangen. kobinet-nachrichten: Sie engagieren sich schon seit über 15 Jahren für ein Leben von Menschen mit Lernschwierigkeiten in der Gemeinde statt im Heim. Wie sind Sie dazu gekommen? Johanna Stengel: Erkenntnis durch Kontakte zu diesem Personenkreis. Ich habe Übergangswohnungen (möbliert) mit Hilfen angeboten. Auch Wohnmöglichkeit in meinem Haus. Also Angebote je nach Bedarf. Diese Möglichkeiten wurden gegen den Widerstand der Institutionen von Menschen mit dem Mut der Verzweiflung angenommen und mit unserer Hilfe durchgesetzt. 17 Personen haben so in den vergangenen Jahren (seit 1987) «herausgefunden» und leben ein weitgehend selbstbestimmtes Leben (begrenzt durch Betreuung). kobinet-nachrichten: Welche Unterstützungen bieten Sie genau an? Johanna Stengel: Jede Form von Hilfen. Insbesondere geben wir Informationen zu Rechten behinderter Menschen, woraus sich erst Fragen ergeben: Was weißt Du über Deinen Verdienst, Deine Rente, Dein Taschengeld, wie viel wird davon wofür gespart, willst Du das so? Hat man Dich gefragt? usw., usw. Aus Unwissenheit bleiben viele Probleme der Menschen ungelöst. «Befreiungsbewegungen» und das sind schon solche Fragen (!) - werden vom Personal der Einrichtungen verständlicherweise nicht unterstützt. Hier greift unser Hilfeangebot, das ganz parteiisch, pro Mensch, ausgerichtet ist. Es erklärt sich auch der Widerstand der Einrichtungen gegen unsere Selbsthilfegruppe respektive gegen mich. kobinet-nachrichten: Ich kann mir gut vorstellen, dass das auf eine Reihe von Widerständen stößt. Mit welchen Widerständen haben Sie und die Menschen mit Lernschwierigkeiten in Erlangen zu kämpfen? Johanna Stengel: Den Menschen werden Visionen des Scheiterns vorgeführt - aufgezählt, was sie alles noch lernen müssten - und erst wenn sie kochen nach Buch, bügeln, waschen, einkaufen etc. könnten - wozu sie sich durch Unterschrift verpflichten müssten, dass sie nur dann und nur so raus könnten. Wir haben das ignoriert, die Kündigung musste akzeptiert werden, die Wohnung angemietet, die Betreuung gewechselt - das ist jedes Mal eine ganz harte Sache und nur mit dem Rückhalt der Gruppe möglich. kobinet-nachrichten: Wenn Sie drei Wünsche in Sachen Unterstützung behinderter Menschen frei hätten, welche wären das? Johanna Stengel: Ein Betreuungspersonal, das sich als Dienstleistungsgeber versteht. Eine Gesellschaft, die es erst ermöglicht, dass Menschen mit Hilfebedarf als ein Stück Normalität begreifen, und bereit ist zu helfen und, Toleranz ohne Gleichgültigkeit. kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg.  

 
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