
Stuttgart (kobinet) «Bitte keinen Beifall», bat Elke Bartz nach ihrem Referat anlässlich einer von Dr. Tilmann Kleinau moderierten Tagung der Landesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte (LAGH) in Stuttgart. «... und wenn Sie doch das Bedürfnis haben, dann bitte so, wie es gehörlose Menschen tun, nämlich lautlos». Dabei freut sich die Vorsitzende des Forums selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen (ForseA) durchaus, wenn ihre Beiträge Zustimmung finden. Doch ein bei der Veranstaltung «Selbstbestimmt leben mit dem Persönlichen Budget und Budgetassistenz?!» anwesender Blindenführhund sah - oder besser hörte - das anders. Sobald nach den einzelnen Vorträgen Beifall gespendet wurde, begann er zur Erheiterung der gut 80 Teilnehmenden herzerweichend zu jaulen. Bartz beleuchtete das Persönliche Budget (PB) unter sehr kritischen Gesichtspunkten. Besonders das gerade abgeschlossene baden-württembergische Modellprojekt, das im Oktober 2002 gestartet wurde, ist ihrer Meinung nach nur für einen sehr begrenzten Personenkreis geeignet. Der Grund: die begrenzten Leistungen reichten für Menschen mit hohem Hilfebedarf in keinster Weise aus. Weiterhin monierte sie, dass von den Trägern der Rehabilitation zwar die Notwendigkeit einer Budgetassistenz anerkannt werde, diese aber bei der Bedarfsermittlung keine Berücksichtigung fände. Bartz` Vortrag vorausgegangen waren die Vorstellung bzw. Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung zum baden-württembergischen Modellprojekt. Dr. Heidrun Metzler von der Uni Tübingen stellte dar, wie viele Menschen das Persönliche Budget im «Ländle» derzeit nutzen und in welcher Höhe diese bewilligt wurden. Sie bewertete das Modellprojekt wegen der großen Nutzerzufriedenheit als gelungen, wenn auch nicht so viele Personen am Modell teilnahmen wie ursprünglich erwartet. Susanne Lechler (ehemals vom Landeswohlfahrtsverband) stellte das PB aus der Sicht eines Rehaträgers dar. Sie betonte, dass die Leistungshöhe für PBs im Rahmen der Eingliederungshilfe sich an den Hilfebedarfsgruppen, in die Antragstellenden eingestuft würden, orientiere. Diese Stufen seien in etwa so hoch wie die Geldleistungen der Pflegeversicherung. Wie wichtig es ist loslassen zu können und behinderte Menschen auf dem Weg zu mehr Selbstbestimmung zu unterstützen, zeigten die Beiträge von Sascha Kopetzky (Bruderhilfe Diakonie-Reutlingen) und Claudia Boneberg (Sankt-Gallushilfe Meckenbeuren) auf. Beide hatten Erfahrungen damit, so genannten geistig behinderten Menschen das PB zugänglich zu machen und sie dabei zu unterstützen, niedrigschwelligere Angebote wahrzunehmen. Cornelia Elser und Katja Biemer arbeiten bei der LAGH als Budgetassistentinnen. Sie berichteten, dass es ohne Budgetassistenz für sehr viele Menschen nicht möglich sei, Budgets zu beantragen und zu verwalten. In einem sehr temperamentvollen Beitrag warb Jutta Pagel vom Landesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte für das PB. Sie forderte Rehaträger, Leistungserbringer und nicht zuletzt die behinderten Menschen selbst auf, nicht zögerlich sondern sehr mutig an diese neue Finanzierungsart heran zugehen. Marian Ulcic, ein Mann mit einer so genannten leichten geistigen Behinderung, berichtete als Budgetnehmer von seinen Erfahrungen. Er ließ keinen Zweifel daran, dass das PB ihm mehr Selbstbestimmung brachte. Er hatte zuvor im Betreuten Wohnen gelebt und war mit Hilfe des Budgets in eine eigene Wohnung gezogen. «Schon wenn ich morgens wach werde bin ich glücklich, dass niemand da ist der mir sagt, was ich tun soll», erklärt er Freude strahlend. Die abschließende rege Diskussion der Teilnehmenden mit den Referentinnen, (außer Elke Bartz, die man vermutlich vergessen hatte, auf´s Podium zu bitten), von Irene Kolb-Specht (LAGH) moderiert, zeigte das rege Interesse am Thema. Hier ging es unter anderem noch einmal um ganz praktische Fragen wie die Antragstellung, Voraussetzungen und vieles andere mehr. hjr