
Von Françoise Letroite Paris (kobinet) Das zweite Europäische Sozialforum kommt heute in Paris-Saint Denis zusammen. Einer der wichtigsten Männer der Diskussionen bis zum Wochenende wird Jacques Nikonoff sein, der an der Spitze von Attac Frankreich mit mehr als 30.000 Mitgliedern steht. Attac, die Protestbewegung der Globalisierungskritiker, entstand 1997/98 in Frankreich. Inzwischen ist unter dem Slogan «Un autre monde est possible» (Eine andere Welt ist möglich) ein Netzwerk in 50 Ländern mit 90.000 Aktivisten entstanden. Seit Dezember 2002 ist Jacques Nikonoff Präsident von Attac. Zuvor hatte er die Bewegung «Un travail pour chacun» (Eine Arbeit für jeden) gegründet. Nikonoff (Jahrgang 1952), der seine berufliche Laufbahn als Industriearbeiter in La Courneuve en Seine Saint-Denis begann, hat schon früh Arbeitslosigkeit kennen lernen müssen. Er nutzte diese Zeit zum Selbststudium. So schaffte er die Aufnahmeprüfung für Nicht-Abiturienten und begann ein Universitätsstudium. Er studierte weiter am Institut für politische Studien und schaffte 1984 das rigorose Eingangsexamen der École nationale d’administration (ENA). Nachdem der Sohn französischer Kommunisten und Enkel eines russischen Einwanderers diese «Kaderschmiede» für Frankreichs politische und wirtschaftliche Elite absolviert hatte, bekam er einen Posten bei der französischen Staatsbank und ging als deren Manager in die USA. Die Politik der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds hat Nikonoff aus nächster Nähe beobachten können. Nach diesem Job hat ihn die Bank an eine Universität abgetreten, wo er ein Professorengehalt bezieht und ehrenamtlich für Attac tätig sein kann. Außerdem ist er Autor mehrerer Bücher, die sich mit Arbeitslosigkeit und neoliberaler Politik auseinander setzen. Er opponiert gegen die Unternehmerlogik, wirtschaftliche Probleme mit Entlassungen zu lösen. Ein moderner Staat müsse die Bedingungen für sichere Arbeitsplätze schaffen. Mit Gleichgesinnten aus Österreich, Deutschland oder der Schweiz kann sich Nikonoff schnell verständigen. Als erste Fremdsprache sollte der damals 16-Jährige nach dem Willen seiner Eltern Deutsch lernen. Über die mit der FKP verbundene Freundschaftsgesellschaft «Les Echanges franco-allemands» kam er nach Berlin, wo er in Ferienarbeit Betonplatten auf dem Alexanderplatz verlegte. Das war zu Zeiten des «real existierenden Sozialismus», mit dem der junge Nikonoff mitunter seine Schwierigkeiten hatte. Nach dem Fall der Mauer gehörte er dennoch nicht gleich zu jenen, die in Jubel ausbrachen. Für ihn war der Sozialismus «eine verpasste historische Chance». Heute wirbt er für eine andere Welt als die von einem ungezügelten Kapitalismus beherrschte. Mit verschärften Wettbewerbsbedingungen in der globalisierten Welt wird gegenwärtig ein immer offener betriebener Sozialabbau begründet. Soziale Sicherheit und Gerechtigkeit bleiben auf der Strecke. Dagegen will das Forum in Paris Alternativen aufzeigen und über weiteren Protest gegen die politischen Parteien des sozialen Kahlschlags beraten. sch
Ursula Teltow schrieb am 18.11.2003, 15:05
In der vergangenen Woche erreichten uns zwei Zeitungsmeldungen, die scheinbar nicht im Zusammenhang stehen.
Die erste lautete: „Justiz ermittelt wegen toter Babys„. Ein Hersteller von Babynahrung in Nordrheinfestfahlen musste zugeben, fehlerhafte Sojamilch nach Israel geliefert zu haben, an deren Folgen 2 Säuglinge gestorben seien, insgesamt seien 15 Babys erkrankt, einige davon schwer.
Nun ermittelt also die Justiz. Aber wird sie nicht nur auf eventuelles menschliches Versagen stoßen? Wird sie auch gesellschaftspolitische Ursachen nennen, wie die im Zusammenhang mit der Contagan-Affäre in der damaligen BRD, als nach der Einnahme eines bestimmten Schlafmittels durch schwangere Frauen missgebildete Kinder zur Welt kamen, eines Schlafmittels, das ungenügend getestet worden war, dem Hersteller jedoch Gewinn brachte, in einer Gesellschaft, in der nur der Profit zählt.
Die zweite Meldung: „Mahnmal-Bau mit Degussa„. Die Chemiefirma Degussa, die während der Naziherrschaft durch die Produktion des Giftgases Zyklon B, mit dem in den Konzentrationslagern Millionen von Juden, Menschen mit Behinderungen, Sinti und Roma sowie viele andere Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen umgebracht, ermordet wurden, wird weiterhin das Anti-Graffiti-Mittel für die 2700 Betonstelen und Betonverflüssiger für das Holocaust-Mahnmal in Berlin liefern.
In beiden Fällen ist unter anderem der Drang nach Profit in der kapitalistischen Gesellschaft der Grund dafür, dass Menschen, ungeachtet aller Sprüche von Menschenwürde und Menschenrechten, ums Leben kamen oder schwere körperliche Schäden davontrugen.