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kobinet-nachrichten
09.05.2005 - 10:38
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul Kassel (kobinet) Die Aktivitäten zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung behinderter Menschen, die noch bis zum 16. Mai stattfinden, machen bereits jetzt deutlich, dass sich die deutsche Selbsthilfebewegung behinderter Menschen neben einer Verbesserung der Gleichstellungsgesetzgebung auch zunehmend für ein Leben in der Gemeinde statt in Behindertenheimen engagiert. Während vor einigen Jahren noch hauptsächlich die einfach zu vermittelnde Barrierefreiheit von Gebäuden und öffentlichen Verkehrsmitteln im Mittelpunkt der Aktivitäten standen, werden zusehends auch die komplexeren Fragen der Behindertenarbeit angepackt. So auch die Frage, warum der stationäre Bereich immer noch so dominant gegenüber den ambulanten Angeboten in der Behindertenhilfe ist. Allein am 4. Mai, einem der Haupttage der diesjährigen Proteste im Rahmen des Europäischen Protesttages, fanden drei zentrale Veranstaltungen statt, die für ein Leben behinderter Menschen in der Gemeinde statt in Behindertenheimen warben. In Würzburg wurde darüber diskutiert, wie die Deinstitutionalisierung von behinderten Menschen vorangetrieben werden kann. Jürgen Peters berichtete dabei über den Reformprozess der evangelischen Stiftung Hephata in Mönchengladbach. In Kassel führten die Behindertenverbände eine Kundgebung vor dem Landeswohlfahrtsverband Hessen durch und in Hamburg ging es an diesem Tag um die anstehende Ambulantisierung in der Hansestadt, die vom Senat verordnet wurde. Hier sollen 30 Prozent der Plätze in stationären Einrichtungen abgebaut und durch ambulante Unterstützungen ersetzt werden. Obwohl es wesentlich schwieriger ist, die zum Teil sehr komplexen Strukturen der deutschen Behindertenarbeit aufzuzeigen und hierfür Veränderungen einzufordern, kann ein Sprung in der Entwicklung der Behindertenbewegung beobachtet werden. Endlich beginnen wir auf breiterer Ebene damit, nicht nur die Barrieren zu sehen, die uns selbst im Wege stehen, sondern auch die Situation derjenigen in den Blick zu nehmen, die in der Öffentlichkeit kaum auftauchen und zu denen wir selbst oft viel zu wenig Kontakte haben - nämlich die behinderten Menschen, die noch in Behindertenheimen leben. Und dies ist auch längst überfällig. Denn während beim Abbau von Barrieren durchaus gute Erfolge zu verzeichnen sind, geht der Trend in der Behindertenarbeit immer noch eindeutig zur stationären Unterbringung behinderter Menschen. Allein in der Zeit von 1991 bis 2001 hat sich die Zahl der behinderten Menschen, die in stationären Einrichtungen leben, um 55 Prozent von 103.000 auf über 160.000 erhöht. Wenn wir also eine echte Gleichstellung behinderter Menschen in Deutschland wollen und dem Unwesen der Ausgrenzung in Sonderwelten all derjenigen, die anders sind und nicht 100prozentig so funktionieren, wie die Durchschnittsbevölkerung, müssen wir unsere Bemühungen zur Deinstitutionalisierung und für die Schaffung ambulanter Unterstützungsmöglichkeiten kräftig erhöhen. Indem wir dies tun, schützen wir uns letztendlich selbst davor, irgendwann einmal in solche Sonderwelten abgeschoben zu werden. omp
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