Marburg (Kobinet) In der Stadt Marburg sei die Sensibilität gegenüber blinden Mitbürgerinnen und Mitbürgern traditionsgemäß größer als anderswo, begründete Oberbürgermeister Dietrich Möller heute den blinden Mitbürgern die Unterstützung der Stadt Marburg. Er wandte sich damit gegen Pläne der hessischen Landesregierung, das Blindengeld von 585 Euro auf nur mehr 409 Euro zu kürzen. Diese 30-prozentige Verringerung des einkommensunabhängigen Nachteilsausgleichs bedroht die Infrastruktur in Marburg besonders stark. In der mittelhessischen Metropole leben mehr Menschen mit Sehbeeinträchtigungen als in vergleichbaren Städten. Mit der Deutschen Blindenstudienanstalt (BliStA) und dem Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) residieren zwei bundesweite Blindeneinrichtungen in Marburg. Allein die Carl-Strehl-Schule (CSS) der BliStA besuchen 260 sehbehinderte und blinde Schülerinnen und Schüler. Auch die Zahl Studierender mit Sehbeeinträchtigungen ist in Marburg überdurchschnittlich hoch. Marburgs Taxi-Unternehmen werden nach einer Kürzung des Blindengeldes ebenso Einbußen hinnehmen müssen wie Gaststätten oder Studierende, die sich nebenher Geld als Vorlesekräfte und Haushaltshilfen verdienen. Ihre blinden Mitmenschen nimmt die Stadt Marburg ernst. Eine derart drastische Kürzung des Blindengeldes hält Möller auch sozial für unangemessen. Die CDU-Landtagsabgeordnete Anne Oppermann empfing am Freitagnachmittag eine Delegation von 14 Blindengeldbezieherinnen und -beziehern. Die Behinderten stellten einen Querschnitt unterschiedlichster Berufe von Studierenden über Freiberufler, Angestellte und Beamte bis hin zu Rentnern und Sozialhilfeempfängern dar. Auch Arbeitssuchende waren vertreten. Sie alle erläuterten, wie eine Kürzung des Blindengeldes sie persönlich treffen würde. Alle befürchten eine starke Verschlechterung ihrer gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten. Viele werden im Falle einer Verabschiedung des vorliegenden Gesetzentwurfs die einkommensabhängige Blindenhilfe beantragen. Einige der vorgebrachten Argumente seien für sie neu gewesen, erklärte Oppermann. Die Abgeordnete versprach, die Anliegen der Betroffenen im Landtag und in der hessischen CDU vorzutragen. Eine Kürzung des Blindengeldes rechtfertigte sie mit der derzeitigen Spitzenstellung des Landes Hessen bei der Höhe des Blindengeldes. Die geplante Kürzung würde Hessen indes vom ersten Platz an die 13. Stelle der 16 Bundesländer rücken. «Auch andere Länder werden das Blindengeld kürzen», meinte die CDU-Politikerin dazu. «Andere Länder wollen das Blindengeld kürzen», warf daraufhin ein Betroffener ein. Die hessischen Blinden hoffen, dass die Politiker auch anderswo dem Beispiel des Landes Bremen folgen werden, das seine Kürzungspläne zwischenzeitlich wieder aufgegeben hat. Die Notwendigkeit von Sparmaßnahmen bestritt keiner der Beteiligten an dem Gespräch. Die Blinden wehren sich jedoch dagegen, als «Sparschwein des Landes Hessen» doppelt und dreifach benachteiligt zu werden. Neben ihren geringeren Chancen am Arbeitsmarkt und den drastischen Mittelkürzungen bei Sozialprojekten, von denen auch Blinde betroffen sind, sollen sie noch auf 30 Prozent ihrer Bezüge verzichten. Doppelt Behinderte sollen zusätzlich weitere 40 Prozent weniger erhalten. jeb