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kobinet-nachrichten 30.06.2005 - 16:23
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Wer zu spät kommt fällt in die Sozialhilfe

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Erfurt (kobinet) Alte Menschen, die ab dem 1. Juli in ein Alten«heim» in Thüringen ziehen, müssen mit dramatischen Kostensteigerungen rechnen. Das teilt der Vorsitzende der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege und Landesgeschäftsführer des PARITÄTISCHEN, Reinhard Müller, heute mit. Er kritisiert den Ausstieg der Landesregierung aus der Verantwortung.

Grund für die Kostensteigerungen, die viele alte Menschen in die Sozialhilfe trieben, sei der Rückzug der Thüringer Landesregierung, die seither die Kostenübernahme für die Investitions- und Instandhaltungsförderung der «Heime» in Thüringen auf Null gestrichen hätten. Betroffen seien knapp 60 «Heime» in Thüringen, die vor Inkrafttreten der Pflegeversicherung 1995 gebaut oder saniert worden sind. Bei Heimen die später gebaut oder saniert wurden, trügen die Pflegeversicherungen die Kosten.

Als Beispiel nannte Müller das «Seniorenheim Sonnenhof» im nordthüringischen Ilfeld. Dort hätten gering pflegebedürftige Heimbewohner seither 677 Euro pro Monat zuzahlen. Ab dem 1.Juli stiege dieser Satz auf 1047,68 Euro. Dazu der Geschäftsführer der Seniorenwerk gGmbH, Christian Döring: «Bislang konnten unsere Bewohner ihren Heimplatz in der Regel von ihrer Rente, die in Thüringen durchschnittlich 747 Euro monatlich beträgt bezahlen. Jetzt werden viele Neubewohner auf Sozialhilfe angewiesen sein. Den Menschen, die ein Leben lang gearbeitet haben nimmt das ihre Würde, für die Sozialhilfe müssen Kommunen oder Landkreise aufkommen».

Müller ergänzt: «Bei ihrer Gründung haben gerade die Länder auf eine duale Finanzierung gedrängt. Die Förderung der Baumaßnahmen und der betriebsnotwendigen Investitionskosten ist Aufgabe des Landes. Diese Verantwortung regelt das Pflegeversicherungsgesetz. Die Finanzierung darf nicht allein Sache der Pflegebedürftigen und letztendlich der Sozialhilfe werden». Nun würden die Betreiber der Einrichtungen von existenziellen Sorgen geplagt. elba
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Leserbriefe zu diesem Artikel:.

Rudi Richter schrieb am 01.07.2005, 11:42

Schluss mit der Heimförderung

Ich finde es völlig richtig, dass die Investitionsförderung für sogenannte Heime wegfällt. Ambulante Strukturen müssen gefördert werden und nicht die Unterbringung am Rande der Gesellschaft in unnatürlichen Lebensverhältnissen.

Maik Nothnagel schrieb am 01.07.2005, 10:49

Neue Konzepte wären besser

Sicherlich ist es eine große Sauerei von der Thüringer Landesregierung, aus der Finanzierung der Investitions- und Instanhaltungsförderung von Heimen in Thüringen auf Null zu setzen und somit aus dieser auszusteigen, jedoch muss erlaubt sein, auch mal öffentlich intensiver über den Umgang mit der alternden Gesellschaft neu nachzudenken. Die Lösung, alte, gebrechliche und pflegebedürftige Menschen in Heime abzuschieben, weil es die Familien nicht mehr schaffen, unter den heutigen Belastungen diese Menschen in ihrem alten und gewohnten Umfeld leben und auch sterben zu lassen, kann nicht das alleinige Modell sein. Vielmehr ist es doch wichtiger, diese alten und aus dem vergangenen Jahrhundert kommenden Strukturen zu hinterfragen und zu überdenken und diese zu überwinden. Und das wäre doch eine Forderung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Thüringen. Und nicht nur das Festhalten an alten Zöpfen. Wir müssen doch endlich bereit sein, über neue Konzepte nicht nur nachzudenken, sondern diese auch zu realisieren. Und diese sind nun mal offene Formen des Betreuten Wohnens, die ambulante Begleitung und auch die persönliche Assistenz. Ich hoffe, dass sich hierzu auch der Paritätische Wohlfahrtsverband Thüringen Gedanken macht und diese auch öffentlich artikuliert und diese auch umsetzt. Denn es hilft den alten Menschen nicht, und gesellschaftspolitisch hilft es uns auch nicht, alten, überlebten Strukturen nachzuweinen. Der Umbau hat bereits begonnen. Es wäre schön, wenn sich hieran auch die Parität beteiligen würde. Dass dies möglich ist mit dem entsprechenden politischen Willen, zeigt das Bundesland Rheinland-Pfalz, in dem keine neuen Heimplätze mehr entstehen - ganz im Gegenteil! Sie werden abgebaut. Daran sollte sich auch Thüringen orientieren.
Maik Nothnagel

Ilja Seifert schrieb am 30.06.2005, 18:38

Anders wohnen wäre besser als anders betteln

Soso. Jetzt machen sich also die Betreiber/innen von Heimen Sorgen. Weil sie die Investitionskosten für ihre Aussonderungs-Einrichtungen nicht mehr vom Staat erstattet bekommen, "müssen" sie diese auf die Bewohner/innen abwälzen. Das ist wirklich nicht akzeptabel.

Aber nicht, weil dann vielleicht die Heime nicht mehr renditeträchtig ausgelastet wären. Sondern, weil die Betreiber/innen der Heime (ob gemeinnützig oder nur gemein) sich keine Gedanken darüber machen, wie sie nicht-diskriminierende Wohnformen entwickeln können.

Da wäre ja an ganz andere Investitionen zu denken: zum Beispiel in Einzelwohnungen, WGs, ggf. großfamilienähnliche Gruppenwohnungen mit separaten Zimmern u.ä. Alles verbunden mit breit gefächerten, personen-spezifisch zuschneidbaren Unterstützungsangeboten (Assistenz in vielfältigen Formen). Das nähme den Heim-Angestellten, die häufig wegen der Personalknappheit völlig überfordert sind, ihre persönliche (berufliche) Zukunftsangst, indem dort massenhaft neue (wesentlich individueller gestaltete) Arbeitsplätze entstünden.

Vor allem aber käme das dem Wunsch (nahezu) aller Menschen nach selbstbestimmten Wohnformen entgegen: Endlich würde für alle der Weg vom Heim in die Wohnung eröffnet.

Aber die Heimbetreiber sorgen sich nur darum, daß ihre (alten) Häuser, in denen veraltete Konzepte immer wieder scheitern, nicht "voll genug" werden. Deshalb betteln sie um mehr Geld, anstatt mehr Lebensqualität zu konzipieren und anzubieten.

Das können nicht unsere Sorgen sein.

Ilja Seifert, Berlin

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