
Berlin (kobinet) In einem Interview mit der Berliner Zeitung hat Friedrich Schorlemmer heute seine Kritik an der sozialen Schieflage der Reformpolitik unterstrichen und für weiteren Meinungsstreit über Alternativen zu sozialen Einschnitten plädiert. Der evangelische Pfarrer aus Wittenberg, seit 1990 Mitglied der SPD und einer der populärsten Persönlichkeiten der Bürgerrechtsbewegung in der DDR, sieht es als eine Tragik der Geschichte, dass ausgerechnet eine sozialdemokratisch geführte Regierung unter dem Sperrfeuer der Wirtschaft den Sozialstaat umbauen und nun «die Drecksarbeit» machen müsse. Reformen würden schlicht zum Abbau, «wenn kleine Leute noch ärmer und Reiche noch reicher werden». Auf diesen Einwand gegen soziale Einschnitte für die Schwächeren antworte die Parteiführung, es gebe keine Alternative, wurde Schorlemmer vorgehalten. «Dies ist ein autoritärer, ein ideologischer, von oben gedachter Satz – und es ist ein gottloser Satz», sagte der Wittenberger. Glücklicherweise gebe es Alternativen, über die die SPD streiten müsse. «In einer demokratischen Partei kann nicht einer sagen, nur so geht’s lang, basta. Wenn eine demokratische Partei sich nicht ernsthaft stritte, wäre sie auf dem Weg zur SED.» Jetzt müssten Signale gesetzt werden, dass die Leistungsstarken – die ja die Gewinner bleiben sollen – mehr in die Pflicht genommen werden für die Solidargemeinschaft. sch