Kobinet Logo
Druckversion
kobinet-nachrichten 31.07.2005 - 07:34
URL:
http://www.kobinet-nachrichten.org

Nach 22.00 Uhr kein Ausstieg mehr möglich

.

Mainz (kobinet) Das Ansinnen von Marita Boos-Waidosch unterschied sich im Prinzip nicht von viel von dem, vieler anderer Reisender in diesen Tagen. Sie hatte mit ihrem Mann zusammen ein Wochenende in Hamburg verbracht, sich die Stadt angeschaut, Freunde getroffen und einen schönen Kurzurlaub genossen. Am Montag, den 25. Juli wollte sie dann den direkten Abendzug - den Intercity um 17.46 Uhr von Hamburg nach Mainz mit Ankunft um 23.38 in Mainz - nehmen, um nicht umsteigen zu müssen: und da fingen die Probleme an. Obwohl sie diese Fahrt bereits am Samstag in Hamburg - also zwei Tage vorher - angemeldet hatte, weil die Mobilitätszentrale am Wochenende nicht besetzt war, erlebte sie kurz vor der Abfahrt des Zuges eine böse Überraschung. Man wollte sie in Hamburg erst gar nicht in den Zug einsteigen lassen, weil es in Mainz um 23.38 Uhr keine Ausstiegshilfe mehr gäbe. Dort sei nach 22.00 Uhr kein Personal mehr für die Unterstützung für RollstuhlnutzerInnen beim Ausstieg am Hauptbahnhof vorhanden. «Ich war entsetzt. Wir haben in Mainz nun einen weitgehend barrierefreien Bahnhof, wurden international für unsere Bemühungen als barrierefreie Stadt ausgezeichnet und jetzt so was», erklärte Marita Boos-Waidosch gegenüber den kobinet-nachrichten. So einfach ließ sich die Mainzer Behindertenbeauftragte nicht abwimmeln, denn sie hatte wichtige Termine am nächsten Tag und wollte genau wie alle anderen Reisenden das Angebot der Deutschen Bahn nutzen können. Als die Elektrorollstuhlnutzerin zusammen mit ihrem Mann schließlich mit viel Mühe durchgesetzt hatte, dass ihr in Hamburg die Hilfe gewährt wurde, in den Zug zu kommen, ging es in die nächste Runde der Auseinandersetzung. Jetzt galt es mit dem Schaffner zu feilschen, dass dieser dafür sorgt, dass in Mainz ein Ausstieg möglich wird. «Ich habe mich selten so über einen Menschen geärgert, wie über diesen Schaffner, der sich uns gegenüber alles andere als kundenfreundlich benahm. Mir blieb letztendlich nichts anderes übrig, als die Presse in Mainz anzurufen, die spontan ihre Bereitschaft erklärte, mit Fotograph am Mainzer Hauptbahnhof auf uns zu warten. Denn inzwischen hatten wir beschlossen, auf Teufel komm raus für den Ausstieg in Mainz zu kämpfen und zur Not den Zug dort zu blockieren, wenn ich nicht rauskomme. Die genannte Alternative, nach Koblenz weiterzufahren und mitten in der Nacht nicht zu wissen, wie wir nach Hause nach Mainz kommen, war für uns keine Option», so Marita Boos-Waidosch. Nachdem der Schaffner dem Bericht von Marita Boos-Waidosch zufolge mitbekommen hatte, dass die Presse informiert war, setzte plötzlich hektische Aktivität ein, denn plötzlich ging das, was stundenlang nicht möglich war. Als die Mainzer Behindertenbeauftragte mit dem Zug in Mainz einlief, wurde sie als sei nichts gewesen von einer Schar von HelferInnen und mit Hublift am Bahnsteig empfangen und konnte letztendlich aus dem Zug aussteigen. Da dies jedoch nur eine Ausnahme in der besonderen Situation war und auch weiterhin ein Ausstieg in Mainz nach 22.00 Uhr für RollstuhlnutzerInnen nicht möglich sein soll, hat Marita Boos-Waidosch nun zusammen mit anderen eine Aktionsgruppe gegründet, die der Deutschen Bahn am Mainzer Hauptbahnhof auf den Zahn fühlen will. Der Medienrummel um dieses Ereignis herum hat der Gruppe zudem noch den nötigen Pusch gegeben, denn diese Regelung der Deutschen Bahn am Mainzer Hauptbahnhof ist auf großes Unverständnis gestoßen. Eine erste Mahnwache am Mainzer Hauptbahnhof ist bereits angedacht. «Personalmangel hin oder Organisationsprobleme her: Es kann nicht sein, dass sich die Deutsche Bahn Jahrzehnte lang weigert, fahrzeuggebundene Einstiegshilfen an ihren Zügen zu installieren und es dann nicht geregelt bekommt, behinderte Menschen gleichberechtigt zu befördern. Das akzeptiere ich schlichtweg nicht, denn es gibt genug Möglichkeiten für die Deutsche Bahn das zu organisieren und das erwarte ich im Deutschland des 21. Jahrhunderts schlichtweg von einem solchen Unternehmen», erklärte Marita Boos-Waidosch. omp 

  Follow @kobinetev
Empfehlen Sie diese Seite Ihren Freunden bei Facebook
nächste Nachricht >>
Leserbrief schreiben
Artikel versenden

© Kooperation Behinderter im Internet e.V.
Alle Rechte vorbehalten

Seite drucken
Zur Online Version