
Bochum (kobinet) kobinet-Leser und Aktivist für eine barrierefreie Bahn, Arnd Hellinger, hat die Probleme der Mainzer Behindertenbeauftragten Marita Boos-Waidosch mit der Bereitstellung einer Ausstiegshilfe bei einer Fahrt mit der Deutschen Bahn nach 22.00 Uhr zum Anlaß genommen, um bei der Deutschen Bahn über die Regelungen in Bochum nachzuhaken. (siehe kobinet-nachrichten vom 31.7.2005) Im folgenden wird die Antwort von Ellen Engel, der Leiterin der Kontaktstelle für kundenbezogene Behindertenangelegenheiten der DB Fernverkehr AG veröffentlicht: omp Sehr geehrter Herrr Hellinger, vielen Dank für Ihre Mail vom 31. Juli 2005. Gerne lassen wir Ihnen hierzu im folgenden aktuelle Informationen zukommen. Die wichtigen Fernverkehrsbahnhöfe werden von uns zwischen 6:00 und 22:00 Uhr mit Servicepersonal besetzt. Damit können die allermeisten Zugverbindungen problemlos abgedeckt werden. Dies trifft auch auf Bochum zu. In besonderen Situationen steht uns nachts auch das Sicherheitspersonal zur Verfügung. Dieses kann jedoch nicht grundsätzlich für die Serviceleistungen eingeplant werden, da ggf. andere Aufträge vorrangig erledigt werden müssen. Die Nachfrage nach Hilfen zwischen 22:00 und 6:00 Uhr ist erfahrungsgemäß auch sehr gering. Wo regelmäßig größere Nachfrage besteht haben wir diese Zeiten auch bereits erweitert. Selbstverständlich gibt es auch eine Reihe von kleinen und mittleren Bahnhöfen, die von Fernverkehrszügen bedient werden. In diesen Bahnhöfen oder zu Zeiten, in denen das DB-Personal nicht eingeplant werden kann, übernehmen vielfach Mitarbeiter der Bahnhofsmission diese Aufgaben. In Ausnahmefällen beauftragen wir Dritte, den Mobilitätsservice zu gewährleisten. Sicherlich haben Sie Verständnis dafür, dass die personellen Möglichkeiten der früheren «Behördenbahn» unter den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, denen die DB AG unterliegt, leider nicht immer vorhanden sind. Mit unserem Programm gemäß BGG haben wir verdeutlicht, dass zukünftig alle neuen Fernverkehrszüge eine fahrzeuggebundene Einstiegshilfe erhalten, sodass dann an allen zugänglichen Bahnsteigen keine zeitlichen Nutzungseinschränkungen mehr bestehen werden. Eine Nachrüstung vorhandener Fahrzeuge ist uns leider nicht möglich. Wir bitten deshalb um Ihr Verständnis, dass wir bei allen Bemühungen noch einige Zeit benötigen werden, um auch die letzten Zugverbindungen in Tagesrandlagen für RollstuhlfahrerInnen zu erschließen. Mit freundlichen Grüßen Ellen Engel DB Fernverkehr AG Leiterin Kontaktstelle für kundenbezogene Behindertenangelegenheiten
Rolf Erdmann schrieb am 12.09.2005, 23:38
Landesverband der Schwerhörigen
und Ertaubten Niedersachsen e.V.
im Deutschen Schwerhörigenbund e.V. (DSB)
1. Vorsitzender:
Dipl.-Ing. Rolf Erdmann
Linzer Str. 4 * 30519 Hannover
Tel./ Fax: 0511/ 8 38 65 23
e-Mail: erdmann.rolf@gmx.de
09.09.05
DB Reise & Touristik AG
Ellen Engel
Leiterin Services - PMS -
Stephensonstr. 1, 60326 Frankfurt
Unkulante Entschädigungspraxis der DB
Kundendialog-ID*|#1.0.21718470#f10025c#|*
Sehr geehrte Frau Engel,
erst kürzlich erhielt ich Ihre Adresse, sonst hätte ich mich eher an Sie
gewandt. Nach meinen Informationen sind Sie für Behinderte und Senioren
zuständig, beides ist für mich zutreffend.
Folgender Sachverhalt:
Im März 2005 sollte ich für unseren Verband auf einer wichtigen Tagung in
Neumünster als letzter Redner einen Vortrag halten. Bereits die Startzeit
des ICE verzögerte sich von 09.36 Uhr auf 09.50 Uhr, weiterhin wurde die
unübliche, längere Strecke über Nienburg nach Hamburg benutzt. Der Grund für
beides wurde möglicherweise durchgesagt, konnte von mir als hochgradig
Schwerhörigem jedoch nicht verstanden werden. Leider gibt es für derartige
Informationen bislang keine schriftlichen Informationssysteme in den Zügen.
Statt um 11.14 Uhr erreichte ich Hamburg erst um 11.40 Uhr - der
Regional-Express nach Neumünster war längst weg und ich musste auf den
Folgezug um 12.24 Uhr warten.
Leider gab es keine Möglichkeit, den einladenden Verband von der Verspätung
zu unterrichten, da mir die Telefonnummer der Tagungsstätte in Neumünster
nicht vorlag. Als ich diese gegen 13.25 Uhr erreichte, war die Tagung - nach
einer Wartezeit auf mein Erscheinen von 1 Stunde - bereits beendet worden.
Aufgrund der Verspätung des ICE bin ich völlig vergeblich nach Neumünster
gefahren.
Der DB schilderte ich diesen Vorgang und machte Kosten für die Bahn- und
Taxifahrt in Neumünster in Höhe von knapp 60 Euro geltend. Ich wurde jedoch
nur mit einem Gutschein über 10 Euro abgespeist. Mein Protest gegen diese
unkulante und kundenfeindliche Regelung wurde in unfreundlicher Form
abgewimmelt. Seitdem habe ich mehrere längere Reisen, die ich als
überzeugter Anhänger des Schienenverkehrs sonst mit der DB gemacht hätte,
mit dem Auto durchgeführt.
Es würde mich freuen, wenn ich in Ihrer Person einen aufgeschlosseneren
Gesprächspartner hätte (schon Ihr Name bietet eine Gewähr dafür...), als es
Ihre Mitarbeiter beim "Kundendialog" (besser und treffender wäre der Begriff
"Kundenabwimmelung") waren.
Hinzufügen möchte ich noch, dass die DB es vor ca. 1 1/2 Jahren abgelehnt
hatte, meine Person für den DSB in den neu gegründeten Kundenbeirat zu
berufen, angeblich seien der DB schon genügend Informationen über die
Probleme hörbehinderter Menschen bekannt. Davon habe ich bisher nur wenig
gemerkt und würde auch hierzu gern in einen weiteren Dialog mit Ihnen
eintreten.
Mit freundlichen Grüßen
Rolf Erdmann
Jasmin Niazi schrieb am 30.08.2005, 20:45
Sehr geehrte Frau Engel!
Als ein Zugschaffner die Mitreisenden im Zug um Verständnis bat, weil der Zug Verspätung hatte und die Anschlusszüge nicht erreicht werden konnten, erlaubte sich Elke Heidenreich ihm zusagen, dass er sich bei den KundInnen für die Verspätung entschuldigen solle, denn es sei schliesslich selbstverständlich, dass diese KEIN Verständnis dafür aufbrächten länger unterwegs zu sein ("mobil"). Ich denke in diesem Fall ebenso.
Wir RollstuhlfahrerInnen fallen nicht plötzlich vom Himmel und genausowenig fahren wir erst seit gestern Bahn! Es ist also völlig unnötig uns um Verständnis zu bitten, dass das Unternehmen Bahn, das sich so gern "Unternehmen Zukunft" nennt, hier so tut, als sei sie vor eine völlig neue Situation gestellt. Vielmehr erwarte ich eine Entschuldigung, dass sie ihrem Auftrag ein öffentliches Personenverkehrsunternehmen zu sein, seit Jahrzehnten (!) nicht wirklich wahrnimmt, da sie uns als Wirklichkeit scheinbar über Jahre nicht wahrgenommen hat und dies bisweilen auch heute noch unterlässt. Und dieser Entschuldigung müssen dann ebenso Taten folgen!!!
Sehr wohl sehe ich auch positive Dinge, aber Ihr Heischen um Anerkennung derselben, kann ich nicht anders werten, als einen persönlichen Offenbarungseid Ihrerseits oder stellvertretend für die Bahn. Die Bahn,die Sie zwar gerne als "Engel der Behinderten" ("mobi") darstellt, hat wohl nicht wirklich den Willen, etwas schnell zu ändern (zu unbeweglich, wie ich zwischen den Zeilen Ihres Briefes lese).
Es ist eine Schande, dass nicht einmal die Hälfte aller Bahnhöfe in Deutschland für uns erreichbar sind. Und etliche, sind es nicht mehr. Das sind Missstände, die ich weder klein-, noch schönreden möchte, auch wenn das Balsam für Ihre Seele wäre, aber um diese geht es hier nicht.
Peter Kohlhaas schrieb am 29.08.2005, 18:18
Ich habe mit Interesse den Schriftwechsel zwecks Reisen mit der Deutschen Bahn verfolgt.
Aufgrund mehrerer "Behandlungen" durch den Service der DB, anders ist das nicht zu bezeichnen, möchte zum Gesagten noch hinzufügen:
Dass Barrierefreiheit bei der Bahn ein Problem ist, ist schlimm genug, dass ich aber als behinderter Mensch auch noch als Baby (ein anderes Wort verkneife ich mir !) an vielen Bahnhöfen behandelt werde, macht mich wütend.
Ich weiss nicht, warum man nicht zuerst fragen kann, wie und ob geholfen werden muss.
Nein, man haut mir generell das "Sie müssen sich anmelden" um die Ohren.
Was nützt denn eine Anmeldung, die nicht um die Uhr besetzt ist, und z.T. nicht flexibel genug, etwas zu organisieren.
Ich war am 27.8. in Görlitz zum Altstadtfest und musste um 16.45 Uhr !!! am Bahnhof sein, um die Stadt per Zug wieder verlassen zu können.
Ich meine, wir sind zwar im 21.Jhrh., aber bei der Bahn herrscht immer noch das Motto, ab die Behinderten ins Bett, spätestens um 22 Uhr, Schlüssel rum und dann ist Ruhe ...
So kann man auch Probleme lösen.
Sven Drebes schrieb am 05.08.2005, 20:37
In die Diskussion sind zwei Argumente gekommen, zu denen ich etwas schreiben muss.
1. Hilfsbereite Mitreisende sind etwas Schönes, nützen aber überhaupt nichts. wenn es darum geht, einen E-Rolli mit Fahrer/in (Gesamtgewicht um die 200kg) aus dem oder in den Zug zu befördern.
2. Frau Engels Aussage, die Benutzung der Bahn sei nach 22 Uhr NOCH NICHT möglich, ist schlicht falsch. Wenn überhaupt muss es heißen NICHT MEHR. Noch im Februar war es nämlich problemlos möglich, auch über die Service-Zentrale "nächtliche" Reisen zu buchen. Um im Vergleich von Frau Engel zu bleiben: Es geht nicht um ein Restaurant ohne Berhinderten-WC, sondern um eines, dessen Behindertern-WC zur Rumpelkammer umfunktioniert wurde. Und diesem Wirt machen wir auch ordentlich Dampf. Außerdekmi ist ja Personal da, man müsste nur daraur verzichten, jeden Rolli mit drei Leuten zu empfangen, ein Mensch reicht i.d.R. völlig aus, den Hublift zu bedienen.
Ellen Engel schrieb am 05.08.2005, 13:50
Sehr geehrte Frau Link,
Ihren Leserbrief möchte ich nicht unbeantwortet lassen.
Erlauben Sie mir deshalb im folgenden einige persönliche Anmerkungen.
Sie können sicher sein, dass ich für die Erwartungen an barrierefreies Reisen, die Sie ebenso wie Frau Boos-Waidosch, Herr Hellinger und alle anderen behinderten Menschen, die mit der Deutschen Bahn reisen möchten, zu Recht haben, das größte Verständnis aufbringe. Allerdings bin ich auch realistisch genug und sehe, dass man einen großen Konzern, wie die Deutsche
Bahn nicht von heute auf morgen in bezug auf Infrastruktur und Fahrzeuge
barrierefrei gestalten kann.
Wir betreiben rund 5.500 Bahnhöfe bzw. Haltepunkte, fahren im Fernverkehr ca. 1.000 Züge/Tag und im Nahverkehr noch sehr viel mehr. Bei dieser Vielzahl an Infrastruktur und Fahrzeugen ist es nur folgerichtig, dass die Umsetzung der Barrierefreiheit nun einmal noch eine erhebliche Zeit-
spanne in Anspruch nehmen wird. Auch mir geht oftmals vieles zu langsam, aber ich weiß auch, dass wir leider hieran nichts ändern können und die erforderlichen Maßnahmen nur sukzessive angegangen werden können.
So leid es mir tut, aber die Bereitstellung von zusätzlichem Personal, bedeutet nicht ausschließlich den guten Willen, denn der ist bei der Mehrzahl unserer KollegInnen eindeutig vorhanden, sondern auch zusätzlicher finanzieller
Bedarf, der an einer anderen Stelle entsprechend eingespart werden muss, so
dass potentielle andere Maßnahmen zur Barrierefreiheit nicht umgesetzt
werden könnten.
Ich denke, es ist inzwischen offensichtlich, dass wir uns als Kontakstelle für kundenbezogene Behindertenangelegenheiten im Konzern offensiv für die
Interessen von behinderten Menschen einsetzen und beharrlich all' das vorantreiben, was gegenwärtig machbar und möglich ist. Im Programm der DB, das ja auch Ihnen inzwischen bekannt ist, sind bereits einige Maßnahmen
definiert, was seitens der Bahn in den nächsten Jahren angegangen wird. Statt
immer nur auf die Missstände bei der Bahn aufmerksam zu machen, würden wir uns freuen, wenn nicht nur das anerkannt wird, was sich bereits positiv bei der DB entwickelt hat, sondern auch ab und an aufgegriffen wird, was auch bei anderen Unternehmen, Organisationen etc. noch nicht dem Standard der Barrierefreiheit entspricht.
Nichts für ungut, aber ich glaube nicht, dass Sie jeden Restaurantbesitzer, der keinen barrierefreien Zugang oder eine barrierefreie Toilette in seinem Restaurant vorzeigen kann, stets darauf aufmerksam machen, dass all' dies nur an seinem guten Willen liegt. Schaut man sich in Deutschland um, dann ist noch sehr, sehr viel Handlungsbedarf, was Barrierefreiheit betrifft, und ich bin sicher, das viele behinderte Menschen auch zu schätzen wissen, was bereits angegangen wurde. Viele Instituionen, Unternehmen etc. haben bereits erkannt, wie wichtig und sinnvoll die Umsetzung der Barrierefreiheit ist, aber sie ist auch immer zunächst mit Investitionen
verbunden, und je größer der hierfür
Joachim Hartinger schrieb am 05.08.2005, 11:52
Auch ich sitze im Rollstuhl habe aber bisher noch nie einen Enstiegs-/Ausstiegshilfe-Service nutzen müssen - auch wenn ich für das prinzipielle Agebot durch die Bahnhofsmission sehr dankbar bin. Vielmehr waren Mitfahrer/innen freundlich und hilfsbereit genug, mir wieder auf den Bahnsteig zu helfen.
Viel schlimmer finde ich, daß ich in meiner Umgebung (Rhein-Main-Gebiet) fast nirgends von der Straße auf den Bahnsteig komme. Entweder es gibt keine Rampen oder Aufzüge u.ä. oder die Wahrscheinlichkeit, dass sie kaputt sind, ist sehr groß. Ich benutze deshalb auch tagsüber die Bahn nur, wenn ich sehr kräftige Freunde/Brüder bei mir habe.
In dem Zusammenhang ist es dann gut zu wissen, das Herr Mehdorn keine Beförderungspflicht der Bahn für Rollstuhlfahrer sieht...
Grüße Joachim
Christiane Link schrieb am 05.08.2005, 01:08
Sehr geehrte Frau Engel,
Sie bitten behinderte Kunden um Verständnis dafür, dass Sie nach 22 Uhr an einem ICE-Bahnhof nicht mehr aussteigen können. Nein, dieses Verständnis bringe ich - und ich nehme an, dass ich nicht die einzige bin - nicht auf.
Sie verlangen nämlich, dass behinderte Kunden Verständnis dafür aufbringen, dass die Deutsche Bahn AG sie daran hindert, einen Wochenendtripp zu machen und die Zeit optimal zu nutzen. Sie verlangen Verständnis dafür, dass die Deutsche Bahn AG für behinderte Kunden nicht den gleichwertigen Service bietet wie für nicht behinderte Kunden. Warum sollten behinderte Kunden dafür Verständnis haben? Für die Bereitstellung von Personal benötigt man keine Zeit wie beim Ausrangieren alter Züge. Für die Bereitstellung von Personal braucht man nur einen Willen, es zu tun.