
Kassel (kobinet) Der angekündigte Besuch von Bundeskanzler Gerhard Schröder in den v. Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel ist beim Weibernetz auf scharfe Kritik gestossen. Martina Puschke von der Politischen Interessenvertretung behinderter Frauen des Weibernetz e.V. kommentiert die Meldung über den Besuch des Kanzlers in Bethel kurz nach deren Bekanntwerden wie folgt: «Wir haben lange darauf gewartet, dass der Kanzler im Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen endlich Flagge zeigt und seine behindertenpolitischen Ziele der Zukunft offenbart. Indem Kanzler Schröder am 10. Dezember die Anstalt Bethel besucht, in der alleine ca. 1.800 behinderte Menschen stationär untergebracht sind, setzt er ein deutliches behindertenpolitisches Signal. Da braucht es keine Worte. Manchmal sagen Taten mehr als tausend Worte aus. Schröder hat eine Entscheidung getroffen. Er sucht nicht das politische Gespräch mit Behindertenverbänden. Er besucht eine traditionelle Einrichtung. Und das in Zeiten, in denen Landesministerien wie das in Rheinland-Pfalz auf den Abbau von Großeinrichtungen setzen. In Zeiten, in denen die Aussonderungspolitik ein Ende haben sollte, wo es um Selbstbestimmung und um Gleichberechtigung behinderter Frauen und Männer geht. Worte, die auch in einer Großanstalt wie Bethel benutzt werden. Aber nicht überall wo Selbstbestimmung drauf steht ist auch Selbstbestimmung drin. In einer Großeinrichtung kann es kein wirklich selbstbestimmtes Leben geben. Die behindertenpolitische Tat des Kanzlers zum Ende des Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderungen verdeutlicht einmal mehr die sozialpolitische Richtung, die derzeit eingeschlagen wird. Massive Kürzungen im sozialen Bereich, fehlende Finanzierung der persönlichen Assistenz, fehlender Schutz vor sexualisierter Gewalt bei behinderten Frauen sind nur einige Beispiele. Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir Behinderten- und Selbsthilfeorganisationen künftig auch wieder weniger reden und verhandeln, sondern deutliche Proteste starten, um deutlich zu machen, dass uns diese Behinderten- und Sozialpolitik entschieden gegen den Strich geht!» omp
Manfred Keitel schrieb am 13.12.2003, 16:39
Hallo,
bei allem darf man nicht vergessen: solang es Einrichtungen gibt, gibt es auch ein bestimmtes Bild in der Bevölkerung, wie behinderte Menschen zu sein und zu leben haben -und werden als klassifizierbare Gruppe gesehen. Kritik an der Errichtung neuer Anstalten, in die behinderte kaserniert werden sollen, ist in jedem Falle richtig. Die Stimmung in Städten, wo auch behinderte Leute ein relativ normales Leben führen können, ist gänzlich anders, auch in konservativistischen Kreisen. Häuser, in denen Betroffene zusammengewürfelt werden, werden nicht zu einer freien und gesunden Entfaltung der Persönlichkeit führen sondern untergraben sehr häufig das Selbstbewußtsein und binden von der Sozialisation her Menschen in Ghettos.
Grüße
Manfred (aus Mainz)
Guntram Hoffmann schrieb am 04.12.2003, 13:43
Mit Überaschung auch auch Freude habe ich hier gerade vom geplanten Kanzlerbesuch in der Einrichtung Bethel erfahren und kann mich nun ganz und gar nicht der heftigen Kritik anschließen, um es freundlich auszudrücken.
Genauso wie es wichtig wäre die Arbeit der Behindertenorganisationen vor Ort zu würdigen, halte es für wichtig, die Arbeit in den vielen Einrichtungen für Behinderte aus dem Schattendasein ins Licht zu führen und die Arbeit in den Einrichtungen zu würdigen. Und wenn Kanzler Schröder sich nun für Bethel entschied, stattet er wohl einer der renomiertesten Einrichtungen seinen Besuch ab. Die Verhältnisse in unserem Land sind eben noch nicht soweit, dass solche Einrichtungen überflüssig werden und dies wid auch so schnell nicht kommen.
Ich kann nur hoffen, dass der Kanzler von seinem Besuch viele Eindrücke möglichst auch aus dem alltäglichen Leben in einer Einrichtung mitnimmt, mit dem Ziel, solche Einrichtungen möglichst so zu gestalten, eben auch finanziell so auszugestalten, dass in ihnen ein gutes und aktives Leben Behinderter selbstverständlich ist.
Auch wir haben in meinem Landkreis eine große Behinderteneinrichtung, in der viele Behinderte eine ihnen gemäße Förderung und Pflege erhalten, aber gleichzeitig viele Möglichkeiten haben, am Leben außerhalb der Einrichtung teilzunehmen. Das wäre in dieser Form vor einigen Jahren noch nicht möglich gewesen.
Ich wünsche der Veranstaltung einen guten Verllauf und noch besseren Erfolg.
Uwe Adamczyk schrieb am 28.11.2003, 11:42
Bundeskanzler Schröder hat wahrscheinlich noch nicht mitbekommen unter welchem Motto das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen steht. Ein Besuch bei ISL oder anderen freien Behinderteninitiativen könnte dem Bundeskanzler ja verdeutlichen wo tatsächlich die Probleme in der Behindertenpolitik hängen. Er könnte ja was erfahren von solchen Dingen wie Selbstbestimmung ermöglichen, Gleichstellung durchsetzen und Teilhabe verwirklichen.
Aber Kanzler Schröder ist nicht der einzige, der die Zeichen der Zeit noch nicht verstanden hat.
Auf dem VdK-Kongress am 25./26.11. in Leipzig erklärte der Staatssekretär im Sächsischen Ministerium für Soziales Dr. Albin Nees - in Sachsen benötige man in Zukunft noch 4.000 Plätze in den Werkstätten für Behinderte und 3.000 Wohnheimplätze.
Na danke, die Investitionen in Beton werden ausgebaut, noch ein paar Mauern mehr.