
Berícht von Mirien Plarre Porto Alegre, Brasilien (kobinet) Ein Freund von der Uni lädt mich ein, seine Heimatstadt im gut drei Flugstunden entfernten Bundesstaat Goi s zu besuchen: "Kein Problem, du bleibst einfach bei meiner Tante, die ist es gewohnt, dass ich ihr Besuch schicke" - und auf geht's! Mit T-Shirts und Sonnenmilch, aber auch mit Notizgerät und mp3-Recorder. Eine herrliche Kombination aus Arbeit und Vergnügen bilden die Recherchen für meine Diplomarbeit zum Thema "Möglichkeiten für barrierefreien Tourismus in Brasilien"; ein Thema, das für mich als Deutsche, die, derzeit noch für einen begrenzten Zeitraum, in Brasilien lebt und neben dem Dolmetscherstudium eine Fortbildung zur Tourismusberaterin beim Bildungs- und Forschungsinstitut zum selbstbestimmten Leben Behinderter (bifos) gemacht hat, passender nicht sein könnte. Wer sich auf Portugiesisch unterhalten kann, kann in diesem Land als TouristIn fast alles erreichen. Es hat so etwas unglaublich Befreiendes, in fremder Umgebung allein los zu ziehen. Und in brasilianischen Städten, wo so ziemlich hinter jeder Haustür ein Pförtner und in jedem Park unzählige Sicherheitskräfte arbeiten, weiß man, dass man jederzeit jemanden nach dem Weg oder dem aktuellen Standort fragen kann. Schon nach knapp zwei Tagen in Goiânia war es mir durch ein bisschen nettes Geplauder gelungen, eine Individualführung in einem Naturschutzgebiet zu bekommen, obwohl bisher nur Führungen für Schulklassen angeboten werden. Es war für mich als blinde Besucherin von unschätzbarem Wert, die faszinierende Vegetation in einem so trockenen Gebiet mit den eigenen Händen zu bestaunen und dabei alles von einem begeisterten Biologen erklärt zu bekommen. Das Angebot reichte von Brotfrüchten, von denen eine bis zu 20 kg wiegt und die trotzdem garantiert nicht vom Baum fallen über verschiedene Bambusarten und zahllose Heilpflanzen bis hin zu den berühmten Lianen, die alle Welt aus den Tarzanfilmen kennt und unter denen ich mir bis dahin nie etwas vorstellen konnte. Auch war es für die europäische Touristin in mir beeindruckend zu erleben, wieviele Spezies allein auf unserem kurzen Weg noch unerforscht waren. Zu meiner großen Überraschung hatte man beim Ausbau des Lehrpfads bereits an nichtsehende BesucherInnen gedacht und auf einer Teilstrecke eine Schnur als Leitlinie angebracht, die von Baum zu Baum führt und so dem blinden Gast sowohl die Richtung weist als auch jeweils die nächste interessante Pflanze anzeigt. Auch war die Bereitschaft zu bemerken, sich auf den jeweiligen Gast einzustellen und alles mit ihm abzusprechen, anstatt wie so oft von vornherein zu entscheiden, dass bestimmte Dinge zu schwierig, Strecken zu steil sind etc. Noch am selben Tag besuchte ich am anderen Ende der Stadt das vogelkundliche Museum, in dem es allerdings durchaus nicht nur gefiederte Naturwunder, sondern eine spannende Vielfalt an ausgestopften Tieren zu bestaunen gab. Hier war man zunächst bei meinem Auftauchen einigermaßen peinlich berührt, denn ein Großteil der Vögel war doppelt gesichert hinter Vitrinen versteckt. Eine Mitarbeiterin gab sich dann aber redlich Mühe und kramte buchstäblich alles hervor, was irgendwo im Haus versteckt und noch nicht in die Ausstellung eingebaut war, sodass sich der Besuch für mich trotzdem lohnte. Sie versprach mir, die Museumsleiterin darauf hinzuweisen, dass sie ein Angebot für Menschen schaffen sollte, die mit den Händen schauen. Es ist mir gelungen, ihr klar zu machen, dass das Bestaunen von ausgestopften Vögeln, Krokodilen und Wölfen für blinde Menschen sogar ungleich wichtiger ist als für andere, da es praktisch unsere einzige Chance ist, uns ein Bild von wilden Tieren zu machen. Auch bei der Touristeninformation bin ich vorbei gegangen, mehr um Spuren zu hinterlassen und zu zeigen, dass es TouristInnen mit Behinderung gibt, als um mich zu informieren. Und ich lag ganz richtig: man war dort nicht einmal auf anderssprachige BesucherInnen eingestellt und natürlich erst recht nicht auf Gäste mit Einschränkungen. Aber bei so viel spontaner Begeisterung und freundlichem Entgegenkommen werde ich mich sicher auch weiterhin allein in neue Abenteuer stürzen. omp