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09.10.2005 - 14:45

Von Anfang an gute Stimmung.

Marburg/Lahn (kobinet) Diese erlebte Jens Bertrams aus Marburg gestern bei der Demonstration zum Erhalt des Blindengeldes in Erfurt. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit dem Marburger über die Demonstration und die allgemeine Situation für blinde Menschen in Deutschland. kobinet-nachrichten: Herr Bertrams Sie waren am Samstag auf der Demonstration gegen die Streichung des Blindengeldes in Thüringen. Wie war die Stimmung? Jens Bertrams: Die Stimmung war von Anfang an gut. Schon am Bahnhof in Erfurt wurden wir von einem Gewerkschafter begrüßt, der offensichtlich den Kolleginnen und Kollegen des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Thüringen Schützenhilfe leistete und uns einheizte und einstimmte. Dass es also mehrere Organisationen gab, der Deutsche Gewerkschaftsbund war nur ein Beispiel von vielen, die den Kampf unterstützten, das hob die Stimmung ganz gewaltig. Und als dann immer mehr Busse anrückten, immer mehr Leute als von den Organisatoren erwartet, machte das noch einmal ganz gewaltig Mut. kobinet-nachrichten: Sie kommen ja aus Hessen. Wie ist dort die Situation und was treibt Sie zur Demo nach Thüringen? Jens Bertrams: In Hessen haben wir im November 2003 gegen eine dreißig-prozentige Kürzung erfolgreich gekämpft, das Blindengeld wurde nur um 15 Prozent gekürzt mit der Zusage, dass dies bis 2009 so erhalten werden soll. Ich bin nach Thüringen gefahren, um mich mit den Kämpferinnen und Kämpfern zu solidarisieren, die seit Monaten versuchen, in einen Dialog mit der Landesregierung zu kommen, der vom Ministerpräsidenten immer wieder brüsk abgewiesen wird. Ich glaube, wir dürfen jetzt nicht nachlassen, immer wieder zu zeigen, dass für Blinde und Sehbehinderte der Nachteilsausgleich dringend erforderlich ist, um eine alltägliche und gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu gewährleisten, wie es immer so schön heißt. Hilfsmittel gehören für mich ebenso dazu wie Assistenz und Mehraufwendungen im Bereich der Mobilität. Ich habe das Gefühl, die Landesregierungen spekulieren darauf, dass der Protest nachlassen wird, wenn man ein Land nach dem Andern bearbeitet. Ich bin auch nach Thüringen gefahren, um dagegen ein machtvolles Zeichen zu setzen. kobinet-nachrichten: Wie schätzen Sie die Entwicklung für blinde Menschen in Deutschland generell ein und was müsste getan werden? Jens Bertrams: Wir befinden uns auf dem Weg zurück in eine Zeit, wo blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen von der Familie oder vom Staat abhängig waren. Wir streben immer mehr auf einen Zustand zu, wo Blinde Fürsorgeobjekte waren und nicht Mitglieder dieser Gesellschaft. Dabei sind unsere Erfahrungen und unsere Fähigkeiten genauso reichhaltig, wie die Fähigkeiten und Erfahrungen anderer Behinderter oder Nichtbehinderter. Es wird heute viel vom Paradigmenwechsel gesprochen. Ich mag keine Schlagworte, darum sage ich: In den Köpfen der Menschen müssen Blinde und Sehbehinderte, aber vor allem allgemein Menschen mit Behinderungen als Menschen gesehen werden, Menschen, die in bestimmten Situationen Hilfe brauchen, vor allem durch Hilfsmittel und Assistenz. Behinderung als soziale Erscheinung, das müssen wir in die Köpfe der Menschen kriegen. Politiker sind auch Menschen, also gilt das im besonderen Maße für diese Gruppe, denn die entscheiden über die zukünftige Behindertenpolitik, also auch über Teilhabemöglichkeiten. Ich bin nicht dafür, blinde Menschen besser zu stellen als andere Behindertengruppen. Also bin ich konsequenterweise für einen Nachteilsausgleich zur gleichberechtigten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für alle Menschen mit Behinderungen. Als politisch denkender Mensch möchte ich aber eines noch dazu sagen: Ich weiß, und das wissen wir alle, dass die Staatskassen leer sind. Darum bin ich durchaus der Meinung, dass man über die Höhe eines Nachteilsausgleiches auch wird reden müssen. Aber das blinde Menschen immer mehr auf die Sozialhilfe und die Blindenhilfe angewiesen sind, das ist für mich eine unzumutbare Entwicklung. kobinet-nachrichten: Die Blindenverbände haben sich angesichts der Diskussion um die Streichung des Blindengeldes ja kräftig gewandelt. Waren Sie sonst eher im Hintergrund tätig, sind nun plötzlich Demonstrationen angesagt. Vollzieht sich da ein Wandel? Jens Bertrams: Das hat mit einer neuen Generation von Führungskräften in den Verbänden zu tun. Dort sitzen in den Geschäftsführungsbüros Leute, die wissen, worauf es heute ankommt, und die endlich auch mal den Schritt nach draußen wagen. Ich würde mir nur mehr Zusammenarbeit zwischen den Verbänden und mehr Zusammenarbeit mit Multiplokatoren und den Medien wünschen, aber auch Solidarität mit anderen Benachteiligten in dieser Gesellschaft. Da haben die Blindenverbände nach meiner Überzeugung noch viel zu lernen. Aber im großen und ganzen sehe ich die Entwicklung als sehr positiv an, und der von Ihnen angesprochene Wandel ist noch lange nicht vorbei. Aber die Entwicklung zwingt zu einem neuen Selbstverständnis, das auch mit mehr Flexibilität in der Öffentlichkeitsarbeit einher gehen muss! kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.  

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