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01.12.2003 - 10:53

Schwerhörigenpädagogik nicht zurückwerfen.

Hamburg (kobinet) Die Bundesgemeinschaft der Eltern und Freunde hörgeschädigter Kinder hat den Berliner Senat aufgefordert, nicht zuzulassen, dass die Schwerhörigenbildung auf das Niveau des 19. Jahrhunderts zurückgeworfen wird. Hannelore Hartmann, die Vorsitzende der Bundesgemeinschaft, warnte nach einem Expertentreffen in Berlin zu den geplanten Strukturveränderungen am Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt-Universität (siehe kobinet-Interview mit Hartwig Eisel) vor unabsehbaren Folgen für das Entwicklungspotenzial der betroffenen Kinder. Schwerhörige Kinder brauchten auch in Zukunft Lehrer und Lehrerinnen, die intensiv in den Bereichen Hören und Sprechen ausgebildet sind. Es wäre fatal, wenn diese spezielle Hochschulausbildung zum bloßen Ableger der Gebärdensprachpädagogik werde. sch  

 
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Leserbriefe zu diesem Artikel:.

Stephan Wilke schrieb am 11.12.2003, 12:21

Meinungsfreiheit?

Mit Befremden musste ich den Leserbrief von Thomas Worseck aufnehmen, worin er der "Bundesgemeinschaft der Eltern und Freunde hörgeschädigter Kinder" den Legitimationsanspruch aberkannte. Von welchem Demokratieverständnis geht er aus? Gewiss, müssen wir uns alle vergegenwärtigen, dass Menschen unterschiedlich sind, und insofern unterschiedliche Förderansätze benötigen. Seine generalisierende Behauptung die orale Förderung von hörgeschädigten Kleinkindern würde automatisch zur Vereinsamung führen, kann ich anhand meiner Betroffenheit widerlegen, und ins Reich der Legendenbildung abschieben. Sicherlich gibt es individuelle Schicksale, die eine falsche Förderung des Betroffenen zu Folge hatten. Aber von Einem auf alle zu schließen ist ebenso töricht, wie einem den Mund zu verbieten. Wir leben in der Bundesrepublik Deutschland, dessen verfassungsgemäße Ordnung auf demokratischen Prinzipien wie Versammlungsfreiheit, freie Meinungsäußerung, Pressefreiheit etc. beruhen.
Ich selbst bin an Taubheit grenzend Schwerhörig und habe eine Regelschule besucht. Ich war Student an der Gallaudet University, der sogenannten Hochburg der gebärdensprachlich orientierten Protagonisten der sprachlichen Frühförderung von hörgeschädigten Kleinkindern. Ich kenne auch die Kehrseite der Medaille der bilingualen Erziehung. Alle wissen der Hör- ist zugleich der Spracherwerb, durch das Horchen des Kleinkindes werden die Hörsinneszellen erst aktiviert und erlernt, und das erfordert ein gewisses Training, und darauf hat weder der bilinguale Ansatz noch die Gehörlosenpädagogik eine Antwort parat, weil sie es nicht als deren Aufgabe sehen, wie dieses Faktum dem hörgeschädigten Kleinkind vermittelt werden soll. Nicht desto trotz darf der Deutschen Gebärdensprache die Legitimation aberkannt werden, im Gegenteil! Es geht hier um etwas anderes, weshalb soll die Professur für Schwerhörigenpädagogik in Berlin an der Humboldt Universität auf Kosten Gehörlosenpädagogik weichen? Die Inhalte der Ausbildung für die Hörgeschädigtenpädagogik müssen insgesamt thematisiert werden, denn es kann nicht sein, dass Hörgeschädigtenpädagogen zunehmend weniger Kenntnisse auf dem Gebiet der Audiometrie und der lautsprachlichen Vermittlung verfügen. Warum stelle ich es hier in den Raum? Wo bleiben die speziellen Kenntnisse für die lautsprachliche Förderung? Ich weiß ganz genau, hätte ich keine spezielle lautsprachliche Förderung erhalten, würde ich heute nicht sprechen können. Und ich hätte sie gewiss nicht gelernt, wenn ich einen Pädagogen gehabt hätte, der deswegen Hörgeschädigtenpädagogik studiert hat, weil er von der Gebärdensprache fasziniert gewesen war. Es muss doch möglich sein, dass weiterhin Pädagogen ausgebildet werden, die spezielle Kenntnisse verfügen, Lautsprache hörgeschädigten Kindern zu vermitteln! Was soll daran verboten sein? Und was hat diese Forderung damit zu tun, dass man gegen Gebärdensprache sei?

Mit freundlichen Grüßen

Franz Boob schrieb am 11.12.2003, 12:13

Hörgeschädigtenpädagogik

Ich habe 2000 ein Projekt Kommunikation an Schulen für Gehörlose, Schwerhörige und Sprachbehinderte in Baden-Württemberg geleitet, dessen Ergebnisse mit dem Kultusministerium in Baden-Württemberg diskutiert wurde. Auf dem diesjährigen Kongress des BDH war ein stark frequentiertes Thema eben die Art der Kommunikation orale Methode oder Gebärdensprache. Konsens ist dabei, dass hörgeschädigte Kinder in der sogenannten Zweisprachigkeit orale Methode und Gebärdensprache aufwachsen dürfen. Kein Pädagoge ist also angehalten nur die reine Lehre der einen oder anderen Methode zu verwenden. Warum machen wir uns das Leben so schwer. Wir lehren soviel oral und sprachlich wie möglich und unterstützen mit soviel Gebärden wie erforderlich die Kinder, das kann auch bedeuten, dass nur gebärdet wird. Das aber ist abhängig davon wie das Kind versteht.
Ach ich vergaß. Es handelte sich um ein Projekt des DSB durchgeführt vom Landesverband Baden-Württemberg, ich bin der Vorstand dieses Landesverbandes. Selbst an Taubheit grenzend schwerhörig. Was ich verhindern möchte, dass nur Gebärdensprache oder nur oral erzogen wird und vor allem dass Absehen vom Mund als Nicht-Methode behandelt wird. Mir liegt auch daran dass Körpersprache Eingang in den Unterricht findet, das gehört zur Analyse der Gesprächspartner und 90 % der Bürger sind eben hörend und verhalten sich entsprechend. Ich spreche sicherlich für den gesamten DSB wenn ich sage, wir werden zu verhindern wissen, dass Hörende über unsere Zukunft bestimmen.

Bernd Iglu schrieb am 11.12.2003, 12:12

Das kann es auch nicht sein

Es kann nicht sein, dass - unabhängig davon ob etwas gut oder schlecht ist - jemandem das Wort eingeschränkt wird. Nur ein offen geführter Dialog kann die Sachverhalte offen legen und möglicherweise auch Klarheit schaffen. Das zur allgemeinen Art Gedanken, Meinungen und Ansichten auszustauschen.
Klar muss auch sein, dass kobinet-nachrichten sich bestimmt vorbehält, welche Beiträge inhaltlich nicht veröffentlicht werden. Das ist deren gutes Betreiberrecht.

Welches sind die trennenden und was die einenden Momente der Gesprächspartner in dieser Diskussion? Sollte nicht besser nach dem Einenden gesucht werden um die gemeinsamen Probleme nach außen besser zu vertreten.

Bernd Iglu

Thomas Worseck schrieb am 02.12.2003, 15:39

Freunde hörgeschädigter Kinder?

Mit etwas Befremden verfolge ich die Diskussion über die Schwerhörigenpädagogik. Als selbst hochgradig Schwerhöriger kann ich Tendenzen nicht gutheissen, die das Leben der schwerhörigen Menschen in der Gemeinschaft bzw. Gesellschaft erschweren. Der sog. "Bundesgemeinschaft der Eltern und Freunde hörgeschädigter Kinder" hat sich dadurch ausgezeichnet, dass sie die Bedürfnisse der hörgeschädigten Betroffenen nicht ernst nehmen. Vordergründiges Ziel dieser Gemeinschaft ist mit allen Mitteln die Verleugnung der Hörbehinderung und das Funktionieren eines Hörbehinderten als Hörender. Mit anderen Worten: Diese sog. Freunde hörgeschädigter Kinder akzeptieren die Hörbehinderung nicht. Die Folge ist, dass hörgeschädigte Kinder mit einer Vehemenz von dem Erlernen der Gebärdensprache abgehalten werden. Solche hörgeschädigten Kinder haben das Problem, dass sie im Erwachsenenalter nicht auf das Medium Gebärdensprache zurückgreifen können, um andere verstehen zu können. Eine Folge ist u.a. die Vereinsamung. Hier im kobinet sollen daher nur wirklich die zu Wort kommen, die selbst von der Behinderung betroffen sind oder das Selbstbestimmt Leben behinderter Menschen unterstützen. Auf solche wohlgemeinten Freunde, die die Diskussion in die Irre führen und das Selbstbestimmt Leben Hörbehinderter Menschen erschweren, sollte das kobinet verzichten.

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