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kobinet-nachrichten
07.11.2005 - 06:30
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Jena/Hamburg (kobinet) Die Schweizer Sterbehilfeorganisation "Dignitas” versucht das selbstbestimmte Sterben als ein Menschenrecht vor dem Europäischen Gerichtshof einzuklagen. Dignitas behauptet dabei nach Ansicht der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL), dass das Vorenthalten von aktiver Sterbehilfe mit dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen nicht vereinbar sei. Wenn Menschen glaubten, nicht mehr selbstbestimmt Leben zu können, sollten sie das Recht haben, selbstbestimmt zu Sterben. Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. (ISL) versteht Selbstbestimmung demgegenüber nicht nur als ein individuelles Recht, sondern auch als einen Anspruch auf gesellschaftliche Gleichbehandlung von Menschen. "In der Diskussion um die Zulassung der aktiven Sterbehilfe wird aus unserer Sicht außerordentlich fahrlässig mit dem Begriff der Selbstbestimmung argumentiert. Selbstbestimmung ist kein einmal erreichter Standard, sondern ein Prozess der zunehmenden individuellen und gesellschaftlichen Teilhabe. Das bedeutet, dass allen Menschen ein eigenständiges Leben möglich sein muss, unabhängig davon, welche Unterstützung und Hilfe sie dafür benötigen”, erklärte Christian Judith, bioethischer Sprecher der ISL. "Müssen wir befürchten, dass die Antwort auf den skandalösen Pflegenotstand in vielen Heimen die Tötung von alten verwirrten Menschen sein wird? Entscheiden sich immer mehr ältere und behinderte Menschen für ein 'sozialverträgliches Frühableben' , weil sie sich kein Leben mit Krankheit, Alter, Behinderung und Hilfeabhängigkeit vorstellen können?”, fragt Christian Judith. Oft kennen die betroffenen Menschen und ihre Angehörigen Dienstleistungsangbote für ein Leben in Würde nicht oder die Angebote fehlen vor Ort. "Hierin sehen wir die wahre Alternative zur aktive Sterbehilfe”. Behinderte Menschen, die durch selbst organisierte Hilfen und Dienstleistungen ein selbstbestimmtes Leben führen, zeigen nach Ansicht der ISL, dass die aktive Sterbehilfe keine Antwort auf die Fragen des Lebens ist. "Uneingeschränkt zuzustimmen ist der Bundesjusitzministerin, die in einem Interview in der Wochenzeitung ‘Die Zeit' sagte: ‘Ich möchte nicht, dass Menschen jemals in eine Lage geraten, wo möglicher Druck von Verwandten oder drohende hohe Gesundheitskosten sie dazu zwingen könnten, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Wer die aktive Sterbehilfe erlaubt, erleichtert solche Situationen'”, erklärte Christian Judith. omp
Ludwig A. Minelli schrieb am 07.11.2005, 21:34
Christian Judith hat behauptet, DIGNITAS verlange die Zulassung aktiver Sterbehilfe. Das ist grundfalsch: DIGNITAS ist mit der Gründung von DIGNITAS in Deutschland dazu angetreten, gegen die Forderung nach aktiver Sterbehilfe zu kämpfen. Aktive Sterbehilfe, strafrechtlich "Tötung auf Verlangen" ist nur möglich, indem ein Mensch einen anderen tötet. Das ist für selbstbestimmtes Sterben dann nicht nötig, wenn endlich das Recht in Deutschland so geändert wird, dass ein sanfter Suizid ohne Risiken und ohne Schmerzen möglich wird. Prof. Hackethal durfte seiner Patientin das schreckliche Gift Zyankali aushändigen und musste sie im Sterben allein lassen: das deutsche Recht hat diese menschenfeindliche, ja perverse Wirkung. Die Ergebnisse der Forschung in der Schweiz zeigen, dass bei Zulassung des begleiteten Suizids mit einem sanften Mittel nur ganz selten Menschen diesen Weg wählen. Eine Zehn-Jahres-Untersuchung des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Zürich hat nachgewiesen, dass gerade einer von eintausend Herz-Kreislauf-Atemkranken den Weg des begleiteten Suizids wählt; der höchste Wert waren 45 von Tausend Multiple-Sklerose-Kranken. Also ganz klar eine verschwindende Minderheit. Diese Minderheiten müssen diese Möglichkeit haben, und der Kampf von DIGNITAS zielt darauf, ihnen dieses Recht zu erstreiten. Damit aber wird eben gerade verhindert, dass irgend jemand das Dritt-Tötungs-Tabu verletzen muss. Wer das noch immer nicht begreift, den bezeichne ich - vielleicht politisch unkorrekt - als PISA-Trottel.
Ilja Seifert schrieb am 07.11.2005, 17:04
Seit einiger Zeit scheit es "Mode" zu sein, in Talk-Shows über das Sterben zu palavern. Da brechen Menschen - nicht selten "Prominente" - in Tränen aus, wenn sie bekennen, ihre/n Ehepartner/in nicht mehr leiden sehen gekonnt zu haben. Moderator/innen zerschmelzen in hingebungsvoller Gerührtheit. Besonders "beliebt" sind Einführungs-Trailer, in denen Bilder von Schläuchen, Drähten und Bildschirmen gezeigt werden, an denen Menschen hängen. Dazu wird in herzzerreißendem Ton gefragt: "Wollen Sie so enden?"
Wer es da wagt, von Ängsten behinderter und/oder alter Menschen zu sprechen, daß ihnen demnächst nahe gelegt werden könnte, sich doch dieses "ewige Leiden" zu ersparen - und der Gesellschaft "all diesen teuren Aufwand" -, läuft Gefahr, bestenfalls milde belächelt zu werden.
Deshalb bin ich froh, daß das Institut Mensch Ethik Wissenschaft, die Heinrich-Böll-Stiftung in NRW und der Deutsche Behindertenrat (DBR) am 11.d.M. zu einer eigenen Veranstaltung nach Köln einladen. Wir melden uns endlich wieder selbst zu Wort. Unter dem Motto "Das Sterben in die Mitte holen" werden wir für einen menschlichen Umgang mit dem Sterben - und vor allem mit Sterbenden - werben. Nicht, indem wir für Lebensverkürzung plädieren, sondern, indem wir Wege aufzeigen, wie Sterbende begleitet werden können. Sie sollen nicht länger an den Rand gedrängt, in separate Zimmer geschoben, allein gelassen oder gar zum Selbstmord gedrängt werden.
Es gibt andere Möglichkeiten, human mit dem Sterben - und mit Sterbenden - umzugehen, als ihnen offen und verdeckt immer nur zu verstehen zu geben, was für eine "Last" (Belästigung) sie seien.
Ich würde mich freuen, möglichst viele Kobinet-Leser/innen im Köln zu treffen.
Dr. Ilja Seifert, MdB (Die Linke)
BBV-Vorsitzender
Waltraud David schrieb am 07.11.2005, 13:35
Wenn man Erfahrungen als Behinderter oder Angehöriger gemacht hat, wie Mediziner bzw. Behörden mit diesem Thema schon länger offen umgehen, so merkt man die Gefahr, die in diesem Thema schlummert!
Ich möchte niemals über Leben oder Tod, auch nicht über den Meinigen entscheiden müssen, denn ich weiß, wie leicht man dazu neigt, wenn es einem richtig dreckig geht!
Waltraud David
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