07.11.2005
- 15:00
Blindspot beim Filmfestival in München.
Von Ricarda Wank
München (kobinet) Mehrmals ausverkauft war das Internationale Kurzfilmfestival "The way we live!" (Wie wir leben) der Arbeitsgemeinschaft Behinderung und Medien (abm). Bereits zum fünften Mal fand das Ereignis diesmal vom 2. bis 5. November im Münchner Filmmuseum statt, um Kurzfilme aus aller Welt zu Themen rund um Behinderung und chronischer Erkrankung zu zeigen.
Erstmals wurde dabei auch eine Sonderveranstaltung namens Blindspot initiiert, die 13 Filme zum Thema Sehbehinderung und Blindheit mit Audiodeskription vorführte, also verbale Beschreibungen der dialogfreien Szenen für Menschen mit Sehbehinderungen, damit alle im Publikum die Handlungen der SchauspielerInnen nachvollziehen können. Die Hamburger Organisation "Dialog im Dunkeln" hatte hierfür im Januar Kurzfilmpreise vergeben und ausgewählte Exemplare jetzt für einen offiziellen Kinostart auf eine Rolle zusammengefasst, die zusätzlich zum Festivalprogramm gezeigt wurden.
Knapp 300 filmische Beiträge sandten RegisseurInnen aus 41 Ländern an die Arbeitsgemeinschaft Behinderung und Medien (abm), die zusammen mit anderen internationalen Juroren für das Kurzfilmfestival letztlich 26 Filme aus zwölf Ländern auswählten. Am weitesten entfernt waren Neuseeland (The man who couldn`t dance) mit einem funny film über einen beidseitig amputierten jungen Mann, der unbedingt tanzen möchte und das auf eine originelle Weise umsetzt, Indien ("Chlorophyll" über eine sehr alte blinde Frau), den USA ("My classic life as an artist") das die Geschichte eines autistischen Künstlers außerhalb einer Einrichtung schildert, und Burkina Faso mit zwei Filmen gegen die Immunschwächekrankheit AIDS ("Entre nos mains", "Les champions"), wobei die beiden letzteren Produktionen im Rahmen eines Wettbewerbs der Nicht-Regierungs-Organisation Global Dialogue zur AIDS-Aufklärung in Afrika entstanden sind.
Der überwiegende Anteil der gezeigten Beiträge kam jedoch aus europäischen und osteuropäischen Ländern, vor allem Deutschland (9), Großbritannien (3), Belgien (2) aus dem wallonischen und dem flämischen Teil, Österreich (1), Frankreich (1), Spanien (1), Rumänien (1) - über die fehlende therapeutische und sonstige Betreuung in einer psychiatrischen Einrichtung -, sowie Polen (1) mit einem Beitrag einer Pilgerreise von Katowice nach Lourdes. Eine Mischung aus persönlicher Aufarbeitung und 50-jährigem Geburtstag des Schmerzmittels Contergan oder englisch Thalidomide versuchte Mat Fraser aus Großbritannien, der dafür noch Brasilien besucht. Das Medikament kommt nach seiner Rücknahme aus europäischen Märkten inzwischen in so genannten Dritte Welt Ländern zum Einsatz: zum Beispiel bei Lepra, wobei es offene Wunden abheilen läßt. Daneben geben es ÄrztInnen in so genannten Entwicklungs- und Schwellenländern bei zahlreichen schmerzhaften Erkrankungen wie Krebs, vereinzelten neuromuskulären Diagnosen, da es als Wunderdroge rehabilitiert innerhalb weniger Stunden wirkt. Aus dieser globalen Sicht heraus scheint das Pharmazeutikum vermeintlich die Nebenwirkungen überlagert zu haben. Zwar gibt es für die Risiken des Medikamentes, die bei Schwangeren zu Kindern mit mehr oder weniger verkürzten Gliedmaßen führt, inzwischen auch für AnalphabetInnen eine entsprechende Bebilderung, doch die Nebenwirkung wird weiterhin in Kauf genommen. Der Vergleich Großbritannien und Brasilien ist jedoch auch interessant wegen dem offenen und unkomplizierten Umgang der brasilianischen Gesellschaft mit den Contergan-Geschädigten, was sich innerhalb der Familien nicht immer fortsetzt, insbesondere wenn vereinzelte Familien von der finanziellen Entschädigung profitieren wollen.
Der neuseeländische Beitrag geht sehr unbeschwert an das Thema Behinderung heran, das mit dem "einzigen beidseitig amputierten Menschen unter 55 Jahren in Neuseeland" besetzt wurde, so der Regisseur Barry Prescott (Neuseeland hat drei Millionen Einwohner). Einwände der political correctness im Umgang mit behinderten Menschen, die hierzulande nicht unbedingt den Alltag gezwungermaßen erleichtern, hat er unbekümmert über Bord geworfen und dabei auch Begeisterung beim neuseeländischen Amputierten-Verband ausgelöst, da der Film "endlich einen Amputierten in einer Hauptrolle und als Helden zeigt". Nicht todernst umgesetzt, sondern eher als Slapstick inszeniert zeigt der Film die Beharrlichkeit eines jungen Mannes, zum Schwarm der Frauen auf dem Tanzparkett zu werden.
Behinderung, verursacht durch Krieg oder politische Anschläge, zeigt ein britischer Beitrag (Pulled from the Rubble), der das Leben eines Fachbeauftragten für Flüchtlingsfragen nach einem Bombenattentat auf ein Gebäude der Vereinten Nationen im Irak nachzeichnet. Schwerst verletzt im Gesicht und unter Verlust beider Beine führt er dennoch seine Forschungsarbeiten weiter fort, die immer auch die Einschätzung der Lage vor Ort miteingeschlossen haben.
Doch auch angeborene Behinderungen, wie die Cerebralparese der Elena Wiele ("Körpergedächtnis"), waren Thema. Die junge Darstellerin hat in Berlin eine Selbstverteidigungsschule für Menschen mit und ohne Behinderung eröffnet und unterrichtet dort regelmäßig, wobei sich die regelmäßigen Trainings als positiv auch auf ihre Koordination und Konzentration ausgewirkt haben. Im Film stellt sie sich Fragen zu ihrer Behinderung und besonders als behinderte Frau.
Alle Filme wurden von Gebärdendolmetscherinnen übersetzt sowie fremdsprachige Filme bei fehlender Untertitelung mit Übersetzungen über Kopfhörer auf deutsch oder englisch ergänzt. Zu den meisten Filmen waren die ProtagonistInnen und/oder die FilmemacherInnen mit anwesend, so dass das Publikum anschließend in eine Diskussion einsteigen konnte. Speziell für Schulklassen gab es eine Woche zuvor eine Vorführung "Die Blindgänger", die offen für alle SchülerInnen mit und ohne Behinderung angeboten wurde, - in Kooperation mit den Jugendkinotagen "Die Brücke" des Bernhard Wicki Gedächtnis Fonds und dem Projekt Objektiv - Behinderung, Medien und Schule der Arbeitsgemeinschaft Behinderung und Medien. omp
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