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kobinet-nachrichten 08.11.2005 - 09:14
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Nichts über uns ohne uns

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Kommentar von Mirien Plarre Niterói, Brasilien (kobinet) Auf TeilnehmerInnen mit Behinderung, die sich noch dazu selbständig bewegen, für sich selbst sprechen und ihre eigenen Entscheidungen treffen wollen, war beim 11. nationalen Kongress der brasilianischen Pestalozzibewegung, der vom 29. Oktober bis 01. November in Niterói bei Rio de Janeiro stattfand, niemand vorbereitet. Wenn es nicht so anstrengend und weniger demütigend wäre, könnte ich es beinahe lustig finden zu erleben, wie dieselben Menschen, die sich in Seminarräumen für Teilhabe und Eingliederung in allen Lebensbereichen aussprachen, mich außerhalb dieser Räume im wahrsten Sinne des Wortes zu einer behinderten Kongressteilnehmerin machten. Eine derartige Anhäufung von Situationen, in der dritte in meiner Anwesenheit über mich, statt mit mir, sprachen, mich in jeder Pause auf einen Stuhl in der Ecke setzen und mich unter Einsatz all ihrer Stimmgewalt am Hinauf- oder Hinabsteigen einer Treppe hindern wollten, hatte ich lange nicht mehr erlebt. Es war ein regelrechter Kampf um jeden Schritt; jedes Mal, wenn ich meine Hand ausstreckte, um festzustellen, wo ich mich befand oder was vor mir stand, musste ich befürchten, dass irgendjemand meine Hand festhalten oder auf andere Weise "sich meiner annehmen" würde. Statt beispielsweise zu mir zu sagen: "Wir treffen uns dann nachher in Raum 7", wurde, natürlich ohne Absprache mit mir, lautstark nach jemandem gerufen, der mich nach der Veranstaltung bitte nach Raum 7 bringen sollte. Ich hatte mit keiner Silbe bekundet, dort hin zu wollen. Da ich glücklicherweise in den Tagen gut aufgelegt und hart im Nehmen war, erteilte ich die eine oder andere Lektion in respektvollem Umgang mit einem Mitmenschen. Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass diese Fürsorgementalität selbständige Menschen mit Behinderung regelrecht davon abhält, bei solchen Kongressen mitzumischen; denn leicht ist es nicht, sich drei Tage lang immer wieder Demütigungen auszusetzen, wenn diese auch nicht als solche gedacht sind. Eine Beschäftigungstherapeutin, die gerade begeistert aus einer Veranstaltung zum Thema Frühförderung kam, redete sich mir gegenüber auf kulturelle Unterschiede heraus: "Unsere Blinden würden sich ohne all diese Hilfestellungen verloren und verlassen fühlen". Jeder, der 25 Jahre lang daran gehindert wurde, eigene Erfahrungen zu machen, würde sich, plötzlich allein gelassen, verloren vorkommen, gleich in welchem Land dieser Erde er lebt. Ich fragte die Therapeutin, was denn das Ergebnis einer effektiven Frühförderung sei und sie räumte ein, das Ziel seien eigenständige und selbstbewusste Jugendliche und Erwachsene und erkannte schließlich den Widerspruch in ihrer Argumentation. Dann aber fiel ihr als rettender Anker ein, wie anders doch die brasilianische Realität im Vergleich zur europäischen sei: "Aber hier gibt es so viele Löcher in den Bürgersteigen". "Die wurden aber für mich nicht aus dem Weg geräumt", gab ich postwendend zurück. Daraufhin schien meine Gesprächspartnerin einzusehen, dass sie mit allen Mitteln ihr eigenes Helfersyndrom zu verteidigen suchte. Auch in den Gesprächen und fachlichen Diskussionen war ich mit wenigen Ausnahmen höchstens als jemand interessant, die eine tolle exotische Schreibmaschine benutzte und bei Gelegenheit von ihren persönlichen Erfahrungen, beispielsweise als Touristin, berichten könnte. Dass ich eine Fortbildung zur Tourismusberaterin für barrierefreies Reisen gemacht, bereits Erfahrung mit Sensibilisierungskursen gesammelt habe und dass ich Informationen aus anderen Ländern beitragen könnte, trat völlig in den Hintergrund. Der gesamte Tenor des Kongresses sagte deutlich, dass die sogenannten nichtbehinderten Menschen bei der Arbeit doch lieber unter sich bleiben und von den Menschen, für die sie all diese Arbeit machen, höchstens dann und wann einen persönlichen Erfahrungsbericht hören wollen. Die Experten in eigener Sache waren hier nicht gefragt. Auf die verschwindend geringe Zahl von TeilnehmerInnen mit Behinderung (etwa zehn von 455) angesprochen, zeigten sich die meisten verwundert darüber, dass dies überhaupt jemandem auffiel; in einem Fall erhielt ich die Antwort: "Ja, das ist wahr; wir organisieren einen Kongress für die Leute und vergessen, die Leute mitzubringen". Erst durch die Erleichterung, die ich verspürte, als ich zuhause in Porto Alegre aus dem Taxi stieg und ungehindert meinen Fuß auf den Bürgersteig setzen und die Autotür hinter mir schließen konnte, wurde mir klar, wieviel Stress und Anspannung die Teilnahme mich gekostet hatte und wieviele gut gemeinte Eingriffe in meine persönliche Freiheit ich hatte erfahren müssen. Solange das gerade bei Veranstaltungen zu Themen rund um Behinderung noch so ist, haben die Behindertenbewegungen noch jede Menge Arbeit und solche Kongresse nicht die Hälfte des Wertes, den sie haben könnten. omp 

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