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kobinet-nachrichten 09.11.2005 - 09:56
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http://www.kobinet-nachrichten.org

Leben in der Gemeinde

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Würzburg (kobinet) Ulrich Lorey von WüSL - Selbstbestimmtes Leben Würzburg e.V., macht sich seit langem in Würzburg für eine barrierefreiere Stadt stark. Nun wollen er und seine KollegInnen diese Aktivitäten auf die Förderung des Lebens behinderter Menschen in der Gemeinde statt in Sondereinrichtungen unter dem Motto "supported living" vorantreiben. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit dem Rollstuhlfahrer, der in seinem Hauptberuf Märchenerzähler ist. kobinet-nachrichten: In Würzburg hat sich in den letzten Jahren einiges in Sachen Barrierefreiheit getan. Wie kam das? Ulrich Lorey: Vor drei Jahren gründeten wir eine offene Arbeitsgruppe mit dem Titel "baSta - barrierefreie Stadt". Ziel dieser Arbeitsgruppe war vornehmlich die Verbesserung der Zugänglichkeit von bestehenden öffentlichen Gebäuden (Geschäften und Gaststätten), für die keine gesetzliche Regelung gilt wie bei Neubauten und bei grundlegenden Renovierungen. Wir sind also ganz konkret durch die Stadt gegangen und haben Ladenbesitzer angesprochen, die beispielsweise nur eine Stufe an ihrem Ladeneingang haben, und versuchten sie zu überzeugen, dass es nicht nur im Interesse von Rollstuhlfahrern sondern auch in ihrem eigenen wirtschaftlichen Interesse gut und sinnvoll wäre, den Eingang barrierefrei herzustellen. kobinet-nachrichten: Was konnten Sie dabei konkret erreichen? Ulrich Lorey: Wir konnten erreichen, dass bisher einige Ladeneingänge barrierefrei hergestellt wurden. Viel wichtiger jedoch sind die vielen neuen Kontakte und die sehr positive Zusammenarbeit mit dem örtlichen Tiefbauamt, die dadurch zu Stande kam. Mit dem Tiefbauamt haben wir sozusagen eine Vereinbarung, dass bei notwendigen Anpassungen des Gehsteiges zur Herstellung von Barrierefreiheit bei Eingängen die Stadt Würzburg ihre Mitarbeiter vom Werkhof zur Verfügung stellt, wenn die Materialkosten beispielsweise vom Ladeneigentümer getragen werden. Außerdem hat sich das Tiefbauamt das Thema Barrierefreiheit auf seine Fahnen geschrieben und spricht mittlerweile selbstständig Ladenbesitzer darauf an, wenn im Bereich des Gehsteiges Arbeiten vorgenommen werden. Das ist im Grunde der wichtigste Erfolg unserer Arbeit, da wir einen Impuls geben konnten, der nun ohne unser konkretes Zutun weiterwirkt. Ein weiterer Erfolg, der hoffentlich dauerhaft bleibt, ist die Einrichtung des Wahlpflichtfachs Barrierefreies Bauen an der Fachhochschule Würzburg, das durch unsere Initiative entstand und nunmehr seit zwei Semestern angeboten wird. kobinet-nachrichten: Die Aktion "100 Stolperstufen", die Sie in Würzburg gestartet haben, scheint also zur Nachahmung zu empfehlen zu sein, welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht? Ulrich Lorey: Die meisten Kontakte mit Ladenbesitzern waren sehr positiv, bis auf einige Unverbesserliche. Aber grundsätzlich sind die Einsicht und das Bewusstsein da, dass auch Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, selbstständig wie jeder andere Kunde auch in ein Geschäft kommen möchten. Natürlich waren die Kosten immer ein Thema, wobei sich auch gezeigt hat, dass gerade wenn nur der Gehsteig angepasst wird und nicht auch der Ladeneingangsbereich selbst, sich die Kosten im Bereich von einigen 100 Euro bewegen. Das sollte von jedem Ladenbesitzer zu machen sein. kobinet-nachrichten: Sie wollen jetzt Ihre Aktivitäten über die Barrierefreiheit hinaus auf die Schaffung von allgemeinen Strukturen für ein Leben behinderter Menschen in der Gemeinde ausweiten. Was schwebt Ihnen da vor? Ulrich Lorey: Würzburg ist eine Stadt mit vielen kleinen, mittleren und großen Einrichtungen. Im ambulanten Bereich sind die Angebote für behinderte Menschen dünn gesät, für Menschen mit Lernschwierigkeiten sowieso. Wir möchten hier einen Prozess anstoßen, der zum Umdenken auffordert: Nicht mehr in Einrichtungen zu denken und die behinderten Menschen schön nach Behinderung getrennt dort unterzubringen, sondern die Hilfe und Unterstützung dort hinzubringen, wo die meisten behinderten Menschen leben möchten. Nämlich dort, wo alle anderen Menschen auch leben - mittendrin. Als Nachbarn mit einem Namensschild an der Tür und einer eigenen Adresse, alleine in einer Wohngemeinschaft oder mit der Partnerin. Da gibt es viel zu tun. kobinet-nachrichten: Als Märchenerzähler haben Sie bereits ein breites Repertoire in Ihrem Programm. Kommt bald auch ein Märchen von einer Stadt, in der es selbstverständlich ist, dass behinderte Menschen in der Mitte der Gesellschaft leben und gleichberechtigt sind? Ulrich Lorey: So ein Märchen wird es nicht geben. Obwohl Märchen durchaus äußere Geschichten erzählen, spiegeln sie immer innere Welten und Seelenzustände wieder. Aber Märchen können durchaus etwas zu diesem Thema beitragen. Denn immer ist der Held oder die Heldin der Geschichte aufgefordert, "ein Herz zu haben" für vermeintlich Schwächere und sie wahrzunehmen und als gleichberechtigten Teil des Ganzen zu betrachten. Ohne diese Qualitäten kommt er nicht ans Ziel. In diesem Sinne ist nach meiner Ansicht unsere Gesellschaft nur wirklich zukunftsfähig, wenn sie genauso in der Lage ist, vorurteilslos und solidarisch zu handeln: für ein "Leben Mittendrin". kobinet-nachrichten: Danke für das Interview und viel Erfolg. omp 

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