Berlin (kobinet) Als im Berliner Reichstag letzte Woche auf Einladung der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen über das Thema «Reisen ohne Handicap» (kobinet-nachrichten 03.12.2003) diskutiert wurde, gab es einiges, was Ottmar Miles-Paul vom Netzwerk Artikel 3 aufgestoßen ist. Da er nur die ersten drei Stunden an der über fünfstündigen Veranstaltung teilnehmen konnte und aufgrund der eingeschränkten Möglichkeiten der Publikumsbeteiligung nicht zu Wort kam, veröffentlichen wir im folgenden seine «Worte, die nicht gesagt werden konnten» zum Thema Reisen ohne Handicap und über die Art und Weise, wie die Diskussion zu diesem Thema geführt wird. elba «Es wurde bisher viel darüber geredet, dass behinderte Menschen ein Wirtschaftsfaktor sind und ein wichtiges Marktsegment im Bereich des Tourismus darstellen. Es wurde auch viel darüber gesprochen, dass es immer noch an Bewusstsein für die Belange dieses Personenkreises fehlt und dass wir verstärkt darüber aufklären müssen, was getan werden muss, um behinderten Menschen, ein Reisen ohne Handicap zu ermöglichen. Darüber reden wir nun schon fast zwanzig Jahre! Worüber bisher jedoch noch nicht gesprochen wurde – und das bedauere ich besonders im Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen mit seinen hehren Zielen sehr – ist, dass behinderte Menschen gerade im Bereich des Reisens und der Freizeitgestaltung massiv diskriminiert werden und es sich dabei um handfeste Bürgerrechtsverletzungen handelt. Wenn ich die vorgestellten Zahlen richtig verstanden habe, wurde in der Studie über die ökonomischen Aspekte des Reisens, die am 16. Dezember vorgestellt werden soll, u.a. festgestellt, dass 37 % der befragten behinderten Menschen schon einmal auf eine Reise verzichtet haben, weil die barrierefreien Bedingungen nicht gegeben waren. Über 50 % würden demnach öfter verreisen, wenn es bessere Angebote für behinderte Menschen gäbe und 17 % gaben an, dass sie ins Ausland reisen, weil die Angebote dort barrierefreier sind. Diese Zahlen kann man sicherlich so nüchtern darstellen, man kann sie aber auch anders deuten: 37 % der befragten behinderten Menschen werden in ihrer Reisefreiheit so massiv beeinträchtigt, dass sie schon von geplanten Reisen ablassen mussten. Über 50 % werden in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit so benachteiligt, dass sie ihr Geld nicht ausgeben können, obwohl sie dies wollen. Und 17 % müssen Republikflucht betreiben, weil sie hierzulande keine ihren Bedürfnissen angemessenen Angebote finden, die es in anderen Ländern anscheinend viel selbstverständlicher gibt. Es handelt sich also um handfeste Diskriminierungen, die auch so beim Namen genannt werden sollten. Gerade im Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen sollten wir über unseren eigenen Tellerrand hinaus blicken und ein Verständnis von Diskriminierung und ihrer Wirkung entwickeln anstatt bei der alten Leier stecken zu bleiben, dass wir behinderte Menschen doch auch Geld ausgeben wollen und doch bitte, bitte darüber aufgeklärt werden sollte, dass es uns und unsere Bedürfnisse gibt und doch bitte, bitte auch was dafür getan werden sollte. Weder von der Politik noch von den Betroffenen habe ich hierzu bisher äußerst wenig gehört. Wenn sich gut über einhundert Menschen im Reichstag versammeln, um über Verbesserungen zum barrierefreien Reisen zu diskutieren, sollte dies nicht bei allzu bekannten Appellen oder der Ankündigung von neuen Studien verharren, sondern konkrete politische Initiativen mit verbindlichen Regelungen für die Tourismusbranche voran getrieben werden. Als Weihnachtsgeschenk könnten wir uns zum Beispiel das Versprechen, dass endlich ein zivilrechtliches Antidiskriminierungsgesetz verabschiedet wird, das auch behinderten Menschen die Möglichkeit gibt, gegen Diskriminierungen vorzugehen und auch den privaten Sektor herausfordert, ihre Angebote so zu gestalten, dass sie von allen genutzt werden können. Denn gerade in diesem Bereich sind die Diskriminierungen besonders massiv, wie eine Fallsammlung zeigt, die das Netzwerk Artikel 3 exemplarisch durchgeführt hat. Das viel gelobte Behindertengleichstellungsgesetz auf Bundesebene gibt uns eine Ahnung davon, wie Gesetze sehr wohl helfen können, dass die Welt barrierefreier wird, warum sollte dies ausgerechnet nicht für den Reisemarkt funktionieren, bei dem sich Tourismusanbieter ständig mit Klagen und rechtlichen Rahmenbedingungen auseinander setzen müssen. Machen Sie von der Politik uns also dieses Weihnachtsgeschenk und treten wir von der Selbsthilfe endlich konsequenter dafür ein, anstatt uns von Schattendiskussionen über mehr Aufklärung und irgendwelche neuen Untersuchungen blenden zu lassen.»
Andrea Petersen schrieb am 10.12.2003, 22:33
Hallo Ottmar,
ein toller Artikel, endlich mal klare Worte. Hoffentlich hören sie auch die Richtigen!