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24.12.2003 - 10:00

Mehr Ehrlichkeit tut Not.

Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul In der Vorweihnachtszeit haben wir sie schon zu Genüge gehört und während der Weihnachtsfeiertage werden wir wohl auch nicht daran vorbeikommen. Gemeint sind die vielen schönen Reden über die christliche Nächstenliebe und die Solidarität mit den so genannten Schwächeren der Gesellschaft. Vor allem in und von den Kirchen werden wir in den nächsten Tagen viele schöne Worte und Predigten hören, die mit dem konkreten Handeln der Menschen nicht viel zu tun haben. Dabei ist gegen schöne Worte eigentlich nicht viel einzuwenden. Gerade in einer Zeit, in der diejenigen, die viel Macht und Geld haben, ihre Ellbogen immer mehr ausfahren, um ihre Interessen mit dem Diktat der Kapitalflucht ins Ausland oder dem Abbau von Arbeitsplätzen immer gnadenloser durchsetzen anstatt die nötige Phantasie und das Engagement zu entwickeln, Krisen menschlich zu managen. Doch vielleicht gerade deshalb wären Zeichen für mehr Ehrlichkeit und echte Menschlichkeit aus dem kirchlichen Bereich nötiger denn je. Die Behindertenarbeit dient dabei wieder einmal als ausgezeichneter Gradmesser, an dem sich die gesellschaftliche Situation und Verlogenheit charakterisieren lässt. Wenn wir uns einmal die Mühe machen, unseren Blick über die Weihnachtsgans hinweg hinter die Mauern der in Deutschland immer noch massenhaft vorhandenen Anstalten der so genannten Behindertenhilfe auf die reale Situation der dort lebenden behinderten Menschen schweifen zu lassen, entlarvt sich die zur Schau gestellte Wohltätigkeit der Kirchen und unserer Gesellschaft oft sehr schnell von selbst. Die Tatsache, dass sich in solchen Einrichtungen zum Glück auch viele Menschen engagieren, denen es wirklich um die behinderten Menschen und deren Zukunft geht, kann nicht verdecken, dass das System der Behinderteneinrichtungen in seinem Kern beschämend und für unsere gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten entwürdigend ist. Ein hoher Prozentsatz der Anstaltsbewohner muss immer noch in Doppel- oder sogar Mehrbettzimmern leben, allgemein übliche Freiheitsrechte werden nicht zuletzt aufgrund von mangelhafter Unterstützungsmöglichkeiten und Willkür massiv eingeschränkt, und Verbesserungen für die Betroffenen werden zum Teil gezielt aus Angst vor Veränderungen und Machtverlust verhindert. Die Tatsache, dass es in Schweden hauptsächlich die EinrichtungsmitarbeiterInnen waren, die gegen die Auflösung von Anstalten protestierten, während sich die behinderten Menschen darüber freuten, spricht Bände. Hinter einem wohligen Mantel der Wohltätigkeit wird hierzulande immer noch geschickt verborgen, dass in der Regel die Interessen der Beschäftigten und Wohlfahrtsorganisationen weit mehr im Mittelpunkt stehen und das Geschick bestimmen als das Bestreben für mehr Selbstbestimmung der behinderten Menschen. Auch wenn damit das Problem noch lange nicht gelöst wäre, würde mehr Ehrlichkeit in diesem Bereich gut tun. Denn die wohl größte Diskriminierung, die behinderte Menschen erleben, ist die «fürsorgliche Belagerung» von der sie förmlich erdrückt, entmutigt und ihrer Chancen und Zukunft beraubt werden. Mehr Ehrlichkeit über die verschiedenen Interessen und damit auch mehr Professionalität könnte helfen, dass nach wirklichen Lösungen gesucht wird, die allen Beteiligten mehr Lebensqualität bieten könnte – doch davon sind wir bei allen guten Weihnachtswünschen und schönen Predigten noch weit entfernt. In Würzburg müssen Monika Bach und Ulrich Lorey in diesen Tagen sogar darum bangen, dass sie nach jahrelangem eigenständigen Leben aus Kostengründen in eine Einrichtung des Betreuten Wohnens abgeschoben und damit vieler ihrer bisherigen Freiheiten beraubt werden. Da Weihnachten das Fest der Hoffnung ist, sollen die hoffnungsvollen Zeichen für Veränderungen trotz aller Langsamkeit bei der Entwicklung zu mehr Selbstbestimmung in der Behindertenarbeit aber nicht zu kurz kommen. Reformen wie bei der Evangelischen Stiftung Hephata in Mönchengladbach mit dem Abriss von Mauern und der Öffnung der Einrichtung gegenüber dem Stadtteil sind ebenso hoffnungsvolle Zeichen wie die Gründung eines Netzwerkes für mehr Selbstbestimmung in Rheinland-Pfalz mit Unterstützung der rheinland-pfälzischen Sozialministerin Malu Dreyer, die ein Moratorium des Ausbaus von Einrichtungen verkündet hat. Hoffnungsvoll ist aber auch die Tatsache, dass es immer mehr Menschen gibt, die sich für ein selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen stark machen und sich nicht mehr vom Integrationsgedusel so mancher Wohltäter blenden lassen. Denn nicht überall wo Selbstbestimmung drauf steht, ist auch Selbstbestimmung drin. Hoffen wir also darauf, dass immer mehr Menschen dafür eintreten, dass behinderte Menschen wirkliche Wahlrechte bekommen und ihre Unterstützung dort bekommen, wo sie leben wollen. Hoffen wir auch auf mehr Ehrlichkeit in der Behindertenarbeit.  

 
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