![]()
Druckversion
kobinet-nachrichten
07.02.2004 - 10:17
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Hagen (kobinet) Rollstuhlbenutzerin Barbara Kuhlenbeck fühlt sich vom SPD-Abgeordneten Stiegler in einem Telefonat gedemütigt. In der WDR-Fernsehsendung «Hart aber Fair» (Mittwoch 4. Februar 20:15 Uhr) ging es um das Thema «Murks in Germany - Pannen im Reformlabor» Darin wurde über die Folgen der Gesundheitsreform diskutiert. An der Diskussionsrunde nahm unter anderem der SPD-Bundestagsabgeordnete Ludwig Stiegler (59) teil. Die schwer behinderte Barbara Kuhlenbeck aus Hagen, die die Sendung verfolgt hatte, bat Stiegler daraufhin per Fax um einen telefonischen Rückruf. «Heute Morgen rief er mich tatsächlich an», berichtet Kuhlenbeck. «Ich war erst mal verblüfft, dass überhaupt eine Reaktion kam. Das Gespräch dauerte etwa 10 Minuten. Irgendwie hat es mich noch zorniger gemacht, als ich sowieso schon war». Sie habe Stiegler, der unter anderem Mitglied im Vermittlungsausschuss des Bundestages ist, versucht ihre Situation zu erklären. «Ich muss von 237 Euro im Monat leben. Davon muss ich die Praxisgebühr bezahlen, die Medikamentenzuzahlungen und den Anteil an der Krankengymnastik. Daraufhin sagte er zu mir, ich solle doch froh sein, dass ich durch das Sozialamt abgesichert bin. Bis vor einigen Jahren wäre die Absicherung noch nicht so gut gewesen wie jetzt». Dann habe sie ihm versucht zu verdeutlichen, dass die Gesundheitsreform die Menschen, die am meisten Hilfe brauchen würden, auch am heftigsten träfe. «Herr Stiegler hat daraufhin gesagt, ich würde den Staat doch mehr Geld kosten, als ich einbringe. Für solche Leute wie mich wäre die Gesundheitsreform ins Leben gerufen worden, damit alle anderen Menschen nicht soviel zahlen müssten.» Nach dieser Aussage sei ihr die sprichwörtliche Spucke weg geblieben. Kuhlenbeck enttäuscht: «Ich kann nicht nachvollziehen, dass ein Abgeordneter einer angeblich sozialen Partei mich so diskriminiert. Wie soll ich so jemanden noch wählen?» elba
Manfred Keitel schrieb am 15.02.2004, 17:26
Hallo,
ich bin ebenso der Ansicht, daß sich die Frau keine verzerrenden Äußerungen zuschulden kommen ließ. Wer sich, wie Stiegler, von Belastungen DER heiligen BEITRAGSZAHLER gelenkt fühlt, sollte sich fragen, ob er in der Politik richtig ist. Fakt ist, daß Behinderte, ältere, Chroniker, Rentner, ihren Beitrag zu Minderung der «Belasungen» längst gezahlt haben, die Regierung aber immer noch einen draufsetzt, ohne den diesen Umstand zu berücksichtigen. Wir leben in einem reichen (!) Land, in denen ausgerechnet Bedürftige die größten Belastungen und Kosten zugeschustert bekommen. Da wird sogar großzügig hingenommen, daß das Existenzminimum für die eben genannten oft längst erreicht ist.
Manfred
Barbara Kuhlenbeck schrieb am 14.02.2004, 09:20
Erstmal möchte ich klarstellen, dass ich es nicht nötig habe, das Telefonat mit Herrn Stiegler zu entstellen. Ich habe mich durch seine Aussage diskriminiert gefühlt und nichts anderes wollte ich darstellen.
Was er nicht wusste, ich habe über eine Freisprechanlage telefoniert und mein Assistent hat das komplette Gespräch verfolgt und würde das auch bestätigen.
Für mich ist es jedenfalls klar, dass die SPD meine Stimme nicht mehr bekommt.
Barbara Kuhlenbeck
LUDWIG Stiegler schrieb am 09.02.2004, 11:40
Auf den Artikel stoße ich zufällig über google. Niemand hat versucht, die einseitige Information von Frau Kuhlenbeck gegenzuprüfen. So wird aus meinem Versuch, sofort zu reagieren, eine Fehlinformation.
Frau Kuhlenbeck unterstellt mir eine Aussage, die unser Telefonat gröblich entstellt. Ich habe sie am morgen danach sofort angerufen, um ihr zu erklären, daß wir die Grundsicherung gegen den Widerstand der Union und der FDP durchgesetzt haben, um gerade Menschen wie ihr zu helfen. Bei der Gesundheitsreform gehe es darum, allen Menschen unabhängig vom Altere und Einkommen die medizinisch notwendige Versorgung zu gewährleisten. Um die Beitragszahler nicht zu überfordern seien Elemente der Selbstbeteiligung eingeführt worden. Ich habe es mehrfach als bedauerlich und ärgerlich erklärt, daß der Bundesausschuß der Ärzte und Krankenkassen die Zuzahlungsregelungen so schlecht umgesetzt habe, daß wir zu Beginn des Jahres diese unmöglichen Belastungen für diejenigen, die in Wahrheit nur 1 Prozent ihres Einkommens als Selbstbeteiligung tragen sollen, erleben mußten. Ich habe ihr erklärt, daß diese Probleme inzwischen geklärt seien und sie mit ihrer Kasse die Rückabwicklung klären könne. Den Unterschied zwischen den anderen und uns würde sie sehr schnell merken, wenn sie die Vorstellungen von CDU/CSU und FDP umgesetzt verspüren würde.
Mit freundlichen Grüßen
Ludwig Stiegler
Elisabeth Riediger-Wirthensohn schrieb am 08.02.2004, 11:12
Es herrscht ein rauer Wind in der Sozialpolitik und in der Gesellschaft. Ausgrenzungen und Diskriminierungen für Menschen mit Behinderung nehmen zu Zeiten von öffentlich leerer Kassen ständig zu.- Die betroffenen Menschen sollen sich für ihre Behinderung rechtfertigen und sich ständig mit dem existenziell Minimalsten zufrieden geben. Das betrifft die Teilhabe in der Gesellschaft, die selbständige und selbstbewusste Lebensführung. Dieser SPD Politiker hat sein Mandat im Auftrag für das Volk. Hierzu gehören immer auch schon unverschuldet in Notgeratene und von einer Behinderung betroffene Menschen. Innovation und Dienstleistungen führten unter anderem dazu, dass z.B. Städte und Gemeinden dazu übergegangen sind die «Sozialhilfe» aus den Amtsstuben in andere Gebäude zu verlagern.
So wird Berührungsangst mit sozial in Not geratene und von Behinderung betroffenen Menschen geradezu geschürt statt abgebaut. Es gibt Gründe genug, dass für von einer Behinderung betroffene Menschen ein gesondertes Leistungsgesetz geschaffen wird. Vorurteile und Berührungsängste gibt es immer und überall.
Grüsse,Elisabeth Riediger-Wirthensohn
Uwe Heineker schrieb am 07.02.2004, 12:06
... dass nun auch "soziale" Politiker behinderte Menschen nur noch als gesellschaftlichen Kostenfaktor sehen.
Wehret den Anfängen!
Wenn das so weitergeht, wird uns unsere Geschichte wieder einholen ...
Mich graut's bei diesem Gedanken
© Kooperation Behinderter im Internet e.V.
Alle Rechte vorbehalten