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31.10.2003 - 00:01

Subject: Diskriminierung in der Bundeshauptstadt Berlin.

Berlin (kobinet) Eine Mail mit dieser Betreffzeile bekam der Berliner kobinet-Korrespondent mit der Bitte um Antwort auf den Tisch, weil auf dem Fernsehturm Besucher im Rollstuhl keinen Zugang haben. Da es immer wieder Fragen von Berlinbesuchern gibt, warum dieses Wahrzeichen der Stadt für sie versperrt bleibt, schrieb er einen offenen Brief zur Kritik aus dem Oberschwäbischen: Liebe Ellen Herrmann, den Frust kann ich gut verstehen. Auch die Berliner sind sauer, dass dieser seit vielen Jahren kritisierte Zustand fortbesteht. Der Landesbeauftragte für Behinderte hat dies als Verstoß gegen das Berliner Gleichberechtigungsgesetz vorgetragen. Doch wie andere im jüngsten «Verstößebericht» aufgeführte Missstände ist auch dieser weit davon entfernt, behoben zu werden. Was behinderte Menschen in der Stadt mit ihren Protesten erreichen konnten, liegt schon etwas länger zurück. Da ging es um ein Verbotsschild für Rollstuhlfahrer, das am Eingang des Fernsehturms neben dem Schild «Für Hunde verboten» angebracht worden war. Diese Berliner Erfindung musste entfernt werden. Doch einen Zugang für Gäste im Rollstuhl gibt es noch immer nicht. Im Rathaus hat man anscheinend andere Sorgen, als den vorgebrachten Kritiken im Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen zielstrebig nachzugehen. Traurig, aber wohl wahr. Erfreulich ist es für einen Berliner, der Stuttgart zur Tourismusmesse kennen lernte, dass auf der Homepage des Stuttgarter Fernsehturms mit dem Hinweis geworben wird, dass selbstverständlich der Turm auch für Besucherinnen und Besucher eingerichtet ist, die auf den Rollstuhl angewiesen sind. Den sicherheitstechnischen Unterschied zwischen beiden Türmen kann ich mir auch nicht erklären. Oder soll es daran liegen, dass der Berliner Turm größer ist? Schließlich ist der Berliner Fernsehturm («... immer das höchste Erlebnis») Mitglied in der World Federation of Great Towers (WFGT). Bedingung Nummer 3 war dafür «eine öffentlich zugängliche Aussichtsplattform». Leider ist die noch nicht für alle zugänglich. Es bleibt also noch viel zu tun. Beste Grüße aus Berlin Franz Schmahl p.s. Das Rote Rathaus heißt nicht so, weil hier ein rot-roter Senat aus SPD und PDS regiert, sondern weil es mit roten Backsteinziegeln erbaut wurde. (Die ursprünglich an den kobinet-Vorsitzenden und Koordinator der Antidiskriminierungskampagne, Ottomar Miles-Paul, in Kassel gerichtete Mail: Hallo Ottmar, George Smith, ein Mitglied unserer Mailingliste "Rollinett" fand auf der Homepage des Berliner Fernsehturmes Folgendes: "Hinweis: Aus Sicherheitsgründen ist der Zugang für Behinderte, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, nicht möglich." Da liest sich doch der Hinweis auf der Homepage des Stuttgarter Fernsehturms ganz anders: "Selbstverständlich ist der Fernsehturm auch für Besucherinnen und Besucher, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, eingerichtet." Verstehst Du den sicherheitstechnischen Unterschied? Ich habe George geraten die ganze Geschichte, die sein rollifahrender Sohn in Berlin erlebt hat Eurer Aktion "Nicht ohne uns!" als Diskriminierungsfall zu schildern. George konnte das gar nicht fassen. Kommt er doch aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das Du ja auch bestens kennst und in dem so etwas unmöglich zu sein scheint. Viele Grüße aus dem Oberschwäbischen von Ellen Herrmann)  

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Leserbriefe zu diesem Artikel:.

Stefan Fricke schrieb am 02.11.2003, 16:09

Berliner Fernsehturm

Ich habe kurz nach der Wiedervereinigung selbst versucht, den Fernsehturm zu besuchen. Damals gab es einen baulichen Mangel, den die Fernsehtürme in den meisten anderen Städten nicht haben. Um nämlich zu dem Aufzug zu gelanden, der zur Aussichtsplattform führt, muss man nämlich am Fuß des Fernsehturms erst mal eine Treppe hoch. Allerdings weiß ich nicht, ob man dies inzwischen geändert hat.

Die Frage ist aber, wenn die Treppe der Grund ist, dass RollstuhlfahrerInnen nicht auf den Turm dürfen, warum sagt man das nicht ehrlich und redet sich mit "Sicherheitsproblemen" raus?

Anja Neumann schrieb am 31.10.2003, 08:51

Unschöne Worte statt Parkplatz

BAUNATAL. „Ich springe nur kurz zur Bank“, das ist eine der eher harmlosen Antworten. Wilfried Aschenbrenner aus Altenbauna, seit fünf Jahren wegen Multipler Sklerose (MS) auf Rollstuhl oder Rollator angewiesen, erlebte schon viel frechere Reaktionen, oft gepaart mit Arroganz, wenn er einen nicht behinderten Autofahrer fragte, warum der auf einem Behinderten-Parkplatz steht. Aschenbrenners Ehefrau Lydia hörte beispielsweise auch das: „Stellen Sie doch den Behinderten hier ab und fahren weiter, sie sind doch selbst nicht behindert.“

Es ist immer dasselbe, wie Brunhilde Freidling, 74 Jahre alt und seit 30 Jahren wegen MS an den Rollstuhl gebunden, bestätigt: Behindertenparkplätze werden blockiert. „Wir reden oft darüber“, sagt sie und meint damit Baunatals Behindertenbeirat. Auch über Fälle wie den des Autofahrers, der gestern - beim Fototermin vor der Baunataler HNA-Geschäftsstelle - mit dem Hinweis reagierte, sein Auto stehe ja nur halb auf dem Behinderten-Parkplatz.

Gerade dieser Platz „ist ein neuralgischer Punkt“, räumt Herbert Jäger ein, Leiter des Fachbereichs Bau und Umwelt im Baunataler Rathaus. Ansonsten sehe die Stadt keine großen Probleme, es gebe genug Behinderten-Parkplätze, nämlich 23 (siehe Hintergrund). Die würden regelmäßig von städtischen Hilfspolizisten und der Polizei kontrolliert . Und viele stünden, so Jägers Augenschein, oft leer.

Das erleben die Betroffenen anders. Helmut Loose, Leiter des sechsten Polizeireviers in Baunatal, bestätigt ihre Erfahrungen: „Missbrauch ist leider feststellbar.“ Loose verweist deshalb ausdrücklich darauf, dass für widerrechtliche Nutzung eines Behinderten-Parkplatzes, nämlich ohne amtlichen Ausweis, 35 Euro fällig werden. Und dass sofort, ohne weitere Prüfung, abgeschleppt werden kann, was noch viel stärker ins Geld geht.

Warum für Rollstuhlfahrer ein besetzter Parkplatz wie der vor der HNA ein Problem sein kann, erläutert Wilfried Aschenbrenner. Von hier seien die Wege zum Bäcker, zu Gaststätten oder der Post am kürzesten. Er zum Beispiel schaffe die Rampe vom Parkplatz Marktstraße zum Marktplatz mit seinem Rollstuhl gar nicht aus eigener Kraft. Auch der Weg vom Parkdeck Stadthalle zu den Geschäften koste mehr Anstrengung.

Und: Die Menschen ohne Behinderung schätzten ja auch kurze Wege. „Man möchte ja noch am Leben teilnehmen“, resümiert Wilfried Aschenbrenner. Und Ehefrau Lydia sagt dann auch das: „Es geht ganz schnell, dass man im Rollstuhl sitzt.“ Dann braucht man selbst den Behinderten-Parkplatz.


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