14.11.2003
- 11:00
Wie wird über Behinderte in den Medien berichtet?.
Frankfurt a.M. (kobinet) Anlässlich der Vorstellung des Buches «Medien- und Kulturgeschichte behinderter Menschen» von Christian Mürner hatte der blinde Journalist Keyvan Dahesch vor kurzem die Möglichkeit im Rahmen eines Interviews mit dem Deutschlandfunk über die Darstellung behinderter Menschen in den Medien zu sprechen. Wir dokumentieren dieses von Jochen Spengler vom Deutschlandfunk geführte Interview und danken dem Deutschlandfunk und dem Moderator für die Gestattung der Übernahmerechte des Interviews:
Moderator: Wie eigentlich wird über behinderte Menschen in den Medien berichtet? Angemessen oder noch immer diskriminierend? Das hat der Schweizer Historiker und Behindertenpädagoge Christian Mürner in seinem Buch «Medien- und Kulturgeschichte behinderter Menschen» untersucht. Das Buch wurde gestern in Hamburg einem Kreis von Menschen mit und ohne Behinderung vorgestellt. Dabei gewesen ist unser Kollege Keyvan Dahesch. Herr Dahesch, was sind denn die wichtigsten Thesen des Buchautors?
Dahesch: Einmal, dass die Behinderten einfach als Monster, als Wunderkinder, als etwas Außergewöhnliches hingestellt werden, auf der anderen Seite, dass die Medien auch mal objektiv berichten könnten, dass sie anfangen, zu berichten, dass die behinderten Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und mit eigenen Projekten aus der gesellschaftlichen Isolation zu befreien versuchen. Zum Beispiel, indem sie eigene Tanzkurse organisieren, eigene Arbeitsprojekte organisieren usw.
Moderator: Läuft denn insgesamt die Entwicklung der Berichterstattung in den Medien zum Guten oder zum Schlechten?
Dahesch: In den öffentlich rechtlichen Medien, das muss sagen, und auch in den überregionalen Medien, soweit sie darüber berichten, läuft die Berichterstattung ziemlich seriös und auch wahrheitsgetreu. Es gibt allerdings auch Medien, die nur dann berichten, wenn sie daraus eine Sensation machen können, wenn sie sich eine Auflagensteigerung erhoffen und wenn sie glauben, dass sie auf diesem Wege für mehr Aufmerksamkeit auf ihr Medium und nicht auf die Situation behinderter Menschen sorgen könnten.
Moderator: Entnehme ich Ihren Worten richtig, dass es sich da vor allem um Boulevardzeitungen handelt?
Dahesch: Ja, meistens, also wenn zum Beispiel Deutschland Funk und andere Sender über behinderte Menschen berichten, dann heißt es ja, das hören Leute, die schon informiert sind und die in punkto behinderte Menschen engagiert sind, aber wenn eine Boulevardzeitung über irgendetwas berichtet, dann haben die Behinderten selbst, das wurde in der Diskussion klar, Angst, dass man sie einfach zum Schauobjekt macht. Und dort wo ein Massenblatt berichten könnte, um etwas für behinderte Menschen zu erreichen, macht es das nicht. Zum Beispiel in Hamburg, im August 2003, als ein Lokalbesitzer eine Gruppe von Behinderten allein aufgrund ihrer Behinderung nicht mehr in seinem Lokal sehen wollte, wenn damals die bekannte Boulevardzeitung gefordert hätte, wir brauchen ein Antidiskriminierungsgesetz, hätte es viel mehr Wirkung gehabt, aber in diesem Fall, hat das Blatt nichts darüber berichtet.
Moderator: Nun wird man, wie Sie gerade eben gesagt haben, vermutlich auch heute noch Diskriminierendes finden und nicht Diskriminierendes in den Medien, gibt es denn Beispiele, wo Behinderte etwas negativ empfinden, worüber sich nicht Behinderte gar nicht im Klaren sind?
Dahesch: Es ist so, wenn behinderte Menschen ein Projekt starten und damit ihre Leistungen ins Bewusstsein bringen wollen und die Medien berichten nicht darüber oder berichten meinetwegen so, zum Beispiel: «Blinde fahren Auto». Ja, Blinde können nicht Auto fahren. Da hatte der Verband der Fahrlehrer, den Blinden nur zeigen wollen, wie das Auto fahren funktioniert, jeweils hatte sich ein Fahrlehrer zu den Blinden ins Auto gesetzt und war mit ihnen Auto gefahren und das haben dann die Medien so dargestellt, dass die Blinden allein Auto fahren könnten und das hat zu Missverständnissen geführt. Das war wirklich etwas, das man in der Form so nicht hätte darstellen sollen, aber man hat es so gemacht. Im Augenblick haben wir das Europäische Jahr der Behinderten und wenn da über Projekte berichtet wird in den überregionalen Blättern, dann hoffen die Betroffenen und ihre Selbstorganisationen, dass das den Behindertenanliegen helfen könnte.
Moderator: Herr Dahesch, wir reden ja über das Buch, wie kam das beim Publikum an?
Dahesch: Das Buch kam sehr gut an, zumal es sich bei dem Autor um einen ausgewiesenen Fachkenner handelt, er hat auch zur Bioethikdiskussion Publikationen veröffentlicht, er hat auch zu behinderten Persönlichkeiten in einem anderen Buch Porträts aufgestellt und er klingt sehr glaubwürdig im In- und Ausland, das Buch kam sehr gut an und man hofft, dass solche Bücher dazu geeignet sind, das Misstrauen und die Mauern zwischen Menschen mit und ohne Behinderung niedriger werden zu lassen.
Moderator: Ich danke Ihnen. Das war Keyvan Dahesch und die Buchempfehlung lautet: «Medien- und Kulturgeschichte behinderter Menschen», Autor des Buches ist Christian Mürner, das Buch ist erschienen im Beltz Verlag und es kostet 29,90 Euro. omp
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