
Würzburg (kobinet) Uli Lorey aus Würzburg berichtet heute im kobinet-Interview, wie der angebliche politische Wille zur Integration und Selbstbestimmung und Gesetze wie das SGB IX und das BSHG von der Verwaltung in der Realität umgesetzt werden. kobinet-nachrichten: Uli Lorey, wie lebst du derzeit? Uli Lorey: Ich lebe ganz normal in meiner eigenen Mietwohnung, engagiere mich in einer Selbstbestimmt Leben Initiative, arbeite als freiberuflicher Märchenerzähler und pflege soziale Kontakte wie jeder andere auch. Das ist mir aufgrund meiner hohen Querschnittlähmung nur durch persönlichen Assistenten möglich, die mir rund um die Uhr bei allen Dingen des täglichen Lebens helfen, angefangen von der Körperpflege, der Versorgung meines Haushalts mit allem was dazu gehört, bis zur Begleitung außer Haus. kobinet-nachrichten: Das klingt nach gelebter Integration, wie sie allenthalben gefordert und gefördert wird. Warum soll sich nun für dich das ändern? Uli Lorey: Weil der Hauptkostenträger für meine Assistenten, die Stadt Würzburg, die Kosten nicht mehr in dem erforderlichen Umfang übernehmen will. Sie verweisen mich auf eine Wohnanlage mit sog. ‚Betreutem Wohnen’, wo die Kosten niedriger sind und mir dadurch gleichzeitig die Assistenzleistungen um 2/3 gekürzt werden. Das ganze Verfahren ist seit zwei Jahren beim Verwaltungsgericht Würzburg anhängig, und ich befürchte, dass meine Klage gegen die Stadt Würzburg noch vor Ablauf des Jahres abgewiesen wird. Die Stadt wird dann vermutlich umgehend ihre Zahlungen begrenzen, um mich dadurch zum Umzug in das ‚Betreute Wohnen’ zu zwingen. kobinet-nachrichten: Was hätte das für Folgen für dich? Uli Lorey: Es wäre für mich DIE Katastrophe meines Lebens, mehr als der Unfall, der vor über 23 Jahren mein damaliges Leben tief greifend veränderte. Die Querschnittlähmung hat mein Leben ‚nur’ verändert, die Kürzung der Assistenzleistungen würde mir die Möglichkeit nehmen, mein Leben selbst zu gestalten und in dem notwendigen Umfang für meine körperliche Gesundheit zu sorgen. Es käme einem Hausarrest gleich, und ich würde die notwendige Hilfe nicht dann bekommen, wenn ich sie dringend brauche, von der Qualität ganz zu schweigen. Es würde mein Leben zerstören, das ich mir mit vollstem Willens- und Energieeinsatz in den letzten 17 Jahren aufgebaut habe. kobinet-nachrichten: Das angebotene ambulante betreute Wohnen ist ja keine stationäre Wohnform. Was also ist so schlimm daran? Uli Lorey: Es ist ein beschönigender Begriff, der hier gerne seitens der Verantwortlichen der Stadt Würzburg verwendet wird. Fakt ist, dass das Angebot der Stadt einer stationären Unterbringung gleichkommt, da ich dorthin umziehen muss und die Leistungen auch zum aller größten Teil nur in der Wohnanlage erbracht werden. ‚Ambulant’ bedeutet ‚nicht fest an einen bestimmten Ort gebunden’. Genau das Gegenteil ist hier der Fall. kobinet-nachrichten: Zusätzlich zum betreuten Wohnen werden dir täglich vier Stunden soziale Assistenz angeboten. Ist das kein großzügiges Angebot? Uli Lorey: Großzügig! Ein populistisches Feigenblatt. Zum einen werde ich für den dafür angebotenen Stundenlohn kein Personal finden, zumindest nicht zu legalen Bedingungen. Zum anderen wurden mir für meinen kompletten Haushalt (mit Kochen, Spülen, Putzen, Waschen, Einkaufen, usw., usw.) pro Tag nur 1 Stunde und 10 Minuten in Anlehnung an die Pflegeversicherung bewilligt. Ich werde also den Großteil dieser 4 Stunden dafür einsetzen müssen. Den Rest brauche ich für Therapie- und Arztbesuche. Für soziales Leben, Teilnahme an der Gesellschaft, Mitarbeit in der ‚Selbstbestimmt Leben Initiative’ oder meine berufliche Tätigkeit bleibt nichts übrig. kobinet-nachrichten: Was hast du gegen die angedrohten Leistungskürzungen unternommen? Uli Lorey: Ich habe vor dem Verwaltungsgericht Würzburg gegen den Bescheid der Stadt Würzburg geklagt. Nachdem nun aber die Prozesskostenbeihilfe in zweiter Instanz abgelehnt wurde, wird meine Klage wahrscheinlich abgewiesen. Eine Katastrophe! Es geht um mein selbstbestimmtes Leben in Freiheit. Ich werde alle rechtlichen und sonst möglichen Mittel nutzen, um es nicht zu verlieren. Was mich besonders schockiert ist, wie es ja rund zweitausend behinderte Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber in Deutschland beweisen, dass es durchaus die entsprechenden Rechtsgrundlagen gibt. Bei mir wird aber nicht danach entschieden, sondern ausschließlich unter fiskalischen Gesichtspunkten. Und selbst die stimmen nicht, denn das betreute Wohnen ist nur deshalb vordergründig billiger, weil ich dort nicht mehr den gleichen, aber notwendigen Umfang an Leistungen bekomme. kobinet-nachrichten: Die Adventzeit ist für viele Menschen eine Zeit freudiger Erwartungen und der Besinnlichkeit. Trifft das für dich auch zu? Uli Lorey: Zeit der Erwartungen schon, nur keiner freudigen. Die Geschichte wiederholt sich. Vor drei Jahren flatterte der ablehnende Bescheid der Stadt Würzburg am 6. Dezember ins Haus. Advent verbinde ich daher eher mit der Ankunft des Ausschlusses aus der Gesellschaft. kobinet-nachrichten: Bist du der einzige behinderte Mensch in Würzburg, dem die Aufgabe der Selbstbestimmung und der weitgehende Ausschluss aus dem Leben in der Gemeinschaft durch die Leistungsverweigerungen droht? Uli Lorey: Es betrifft außer mir im Moment noch zwei Personen, wobei kurioserweise für die eine Person noch gar kein Verhandlungstermin vor dem Verwaltungsgericht anberaumt wurde. kobinet-nachrichten: Uli, ich danke dir für das Interview und wünsche dir viel Erfolg bei deinem Kampf für ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit. (Das Gespräch führte kobinet-Redakteurin Elke Bartz)
Christa Hawkins schrieb am 02.12.2003, 13:05
ja, ich finde auch, dass man immer mehr kürzt und dadurch sehr viele behinderte Menschen in dem Versuch unabhängig zu sein, beschneidet. Auch denke ich, dass das betreute Wohnen nicht so einfach für jeden behinderten Menschen ist, da ja alle Behinderungen vorkommen. Demzufolge denke ich mir auch, dass dort die Zeit für die Betreuung von Menschen unterschiedlich groß sein wird und muss. Ich wünsche Dir viel Glück, das Du gegen die Stadt Würzburg gewinnen wirst. Halte Dir die Daumen.