Mythos Inklusion

Veröffentlicht am von Harald Reutershahn

Harald Reutershahn
Harald Reutershahn
Bild: kobinet/hjr

Oftmals komme ich zwei Straßen von zuhause entfernt an einem alten Schreibtisch vorbei, der in einer Glasvitrine steht. Das war der Schreibtisch des vor 111 Jahren in Frankfurt am Main als Sohn des Weingroßhändlers Oscar Alexander Wiesengrund und der Offenbacher Sängerin Maria Barbara Calvelli-Adorno geborenen Theodor W. Adorno, der einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts wurde. "Es gibt kein richtiges Leben im falschen", war sein wohl berühmtester Satz, den er in einem seiner Hauptwerke, der 1951 erschienenen Schrift mit dem Titel Minima Moralia (Kleine Ethik, als eine ironische Umkehrung der Magna Moralia, Große Ethik, des antiken Philosophen Aristoteles) veröffentlichte. In seinem Lebenswerk befasste sich Adorno mit der Aufklärung des Mythos der bürgerlichen Gesellschaft.

Nach der Erkenntnis Adornos, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, kann es keine inklusive Gesellschaft in der exklusiven Gesellschaft geben. Die Bewahrer der alten, überholten exklusiven Gesellschaft wollen jedoch ihre Privilegien behalten. Deshalb versuchen sie alles, um Wasser in den Wein zu gießen. Daraus entsteht der Mythos Inklusion.

Auch ein Begriff wie Freiheit wird im Geiste der Mythenbildung buchstäblich umgemünzt in die Freiheit von Märkten. Dabei geht es aber weder um die Freiheit der Menschen noch um die Freiheit der Märkte. Denn Märkte sind dem Grunde nach nichts anderes als die Summe der Bedürfnisse aller Menschen. Menschen brauchen bezahlbare Wohnungen, ausreichende und gesunde Ernährung, Frieden, Gesundheitsversorgung, soziale Sicherheit, Bildung, nachhaltigen Schutz unserer natürlichen Umwelt und die uneingeschränkte Teilhabe an allem gesellschaftlichen Wohlstand.

In diesem Sinne haben alle Menschen den Anspruch auf eine inklusive Gesellschaft. Die Inklusion ist also nicht nur ein bürgerrechtlicher Anspruch für uns behinderte Menschen, sondern ein Gesellschaftsmodell für alle Menschen. Denn alle Menschen haben Bedürfnisse je nach ihren Besonderheiten.

Der Begriff der Inklusion wird samt dem Inhalt systematisch verwässert und deformiert. Die Exklusion bekommt einfach den Stempel Inklusion verpasst. So einfach geht das. Wie mit dem Klebeetikett "Bio" - oder wo das keiner mehr glauben mag, wird eben "BioBio" auf industriell produzierte Lebensmittel gedruckt, um uns für dumm zu verkaufen.

In Rheinland-Pfalz, so war neulich zu lesen, wird unter dem Etikett Inklusion der Bau von 74 "barrierearmen" Wohnungen als ein Fortschritt gepriesen. Altes trockenes Vollkornbrot sollen wir als Sahnetörtchen schlucken. Was soll das denn sein: "barrierearm"? Wieso bitteschön nicht barrierefrei? Wer braucht Barrieren? Wofür und für wen?

Der Mythos Inklusion setzt tagtäglich neue Mogelpackungen in die Welt. Dieser Tage protestierte sogar der Behindertenbeauftragte des Landes Baden-Württemberg dagegen, dass die Landesregierung in Stuttgart versucht, die inklusiven Schulen zu unterlaufen. Es müssten ja, so haben es sich einige der als knauserig bekannten Schwaben ausgedacht, nicht alle Schulen inklusiv sein. Sogenannte "Stützpunktschulen" müssten doch wohl reichen. Welche Stützpunkte hat man da wohl im Kopf? Wenn es nach den Betonköpfen in der Grün-Sozialdemokratischen Landesregierung geht, dann soll Baden-Württemberg zu einer Trutzburg für das überholte exklusive Bildungssystem werden. Ein Musterländle für eine Welt von vorgestern.

Rückständige öffentliche Verkehrsmittel in Händen rückständiger Politiker werden derart zögerlich und stümperhaft zu einem zeitgemäßen barrierefreien Verkehrssystem entwickelt, dass Schneckentempo im Vergleich dazu als übereilte Hektik bezeichnet werden könnte. Man möchte nicht glauben, wie viele Hinterwäldler es unter politischen Entscheidungsträgern noch immer gibt. Kokainkonsum, verehrte Damen und Herren, verschafft Ihnen nichts weiter als die Illusion von Handlungseifer, sonst nichts.

Aber alles ist ja inklusiv. All-Inclusive sozusagen - man gönnt sich ja sonst nichts. Sogar die hemmungslose Ausbeutung behinderter Menschen in sogenannten Behindertenwerkstätten darf sich als inklusiv bezeichnen. Wie vor einigen Tagen berichtet wurde, sind diese Behindertenwerkstätten sogar ein rentables Geschäft. Bei einer Studie wurde das sogenannte "Social Return of Investment" untersucht mit dem Ergebnis: von 100 investierten Euro kommen 108 Euro zurück. "108 Prozent für die investierten Mittel, das bekommen sie in anderen Branchen nicht zurück", stellte der Sozialökonom Bernd Halfar fest. Obendrein kann die Industrie sparen, wenn sie Aufträge an eine Behindertenwerkstatt vergibt.

Der Mythos bleibt bewahrt. Behinderte Menschen werden mit ihrem Anspruch auf Gleichstellung weiterhin ungehemmt zu Sozialfällen deklariert und an die Kette der Sozialgesetzgebung gefesselt. Eigenes Einkommen und ein Sparbuch? Pustekuchen! Das wird von den Sozialbehörden einkassiert, denn behinderte Menschen haben die Bettlerrolle zu spielen, das war in diesem Theater schon immer so.

Lohndumping in der Pflege und Assistenz, das ist doch normal. Oder? Hunderttausende Pflegekräfte und Persönliche Assistenten arbeiten in Schichten rund um die Uhr bei behinderten Menschen. Teilweise ohne jede Sozialversicherung und fast alle ohne Tariflohn. Wer in diesem Sektor arbeitet, der arbeitet für seine eigene Altersarmut, denn von dem Lohn für diese Arbeit bleiben am Ende eine Grundsicherungsrente und der Gang zum Sozialamt, mehr nicht.

Stattdessen wird im Bundestag und in den Talkshows auf allen Fernsehkanälen eine Euthanasiedebatte entfesselt. Die sogenannte "assistierte Selbsttötung" soll forciert werden. Wenn es schon so beschissen ist, als Behinderter in dieser Gesellschaft zu leben, dann sollen diese armen Leute doch wenigstens anständig aus dem Leben scheiden können. Die Todesengel und die Geschäftemacher mit dem Tod stehen schon öffentlich Schlange, um sich die Lizenzen zum Töten zu erwerben.

Die Kosten-Nutzen-Analyse entscheidet in der kapitalistischen Gesellschaft über Sein oder Nichtsein. FOCUS-Online berichtet jüngst von einer Leserbefragung, in der das Lebensrecht behinderter Kinder zur Disposition gestellt wird. Eltern müssen sich immer häufiger dafür rechtfertigen, wenn sie ihr behindertes Kind nicht abgetrieben haben. Schamloser denn je wird beklagt, dass der Allgemeinheit damit ein Schaden aufgebürdet werde. Daraus folgt schließlich die latente Drohung, die "verantwortungslosen" Eltern sollten für diese Kosten aus eigener Tasche aufkommen. "Social Freezing" mal ganz direkt.

Diese finstere Gesellschaft mit der Selektionsrampe im Kopf ist unzumutbar. Wer die Inklusion zu einem Mythos verfälscht, um das unwürdige Dasein der exklusiven Gesellschaft zu verlängern, der will in Wirklichkeit nichts anderes als eine Scheinklusion. Das ist die Unklusion.

In einer Inklusiven Gesellschaft geht es um ein anderes gesellschaftliches Modell und um soziale Gerechtigkeit. "Wir sind die Protagonisten unserer Geschichte, wir sind der Wechsel, es ist unser Augenblick", rief Iñigo Errejón, der Sprecher der Sozialbewegung in Spanien vor zwei Wochen Tausenden Menschen bei einer Demonstration in Madrid zu.

Die Barrieren in den Betonköpfen sind erkennbar das Resultat strukturell institutioneller, organisierter Exklusion, die implantiert ist in ein System sozialen Unrechts. Wo wir damit begonnen haben, uns gemeinsam die Würde zu nehmen (um sie nie wieder herzugeben), wann immer man sie uns vorenthält, wo wir uns den Respekt holen, den uns die exklusive Gesellschaft verweigert, dort ist die inklusive Gesellschaft erreichbar und nach unseren ersten Schritten nicht mehr ausgeschlossen. In Deutschland leben mehr als 10 Millionen behinderte Menschen. Wir haben 10 Millionen Wählerstimmen in diesem Land. Wenn wir uns das bewusst machen und Schulter an Schulter zusammenstehen mit den Millionen anderer sozial benachteiligter Menschen in dieser exklusiven Gesellschaft, dann haben wir alle Möglichkeiten, der Inklusion in allen Parlamenten ein robustes Mandat zu verschaffen.

Lesermeinungen zu “Mythos Inklusion” (4)

Von papacfish

Lieber Harald, gut beschrieben. Allerdings ist Dein Text leider selbst nicht inklusiv. Das Problem kenn ich von mir. Wie bringt man das Ganze auf leichte Sprache.
Beste Grüße

Von abs ev

Hallo Herr Reutershahn,

eh mich mein Arbeitsalltag wieder total im Griff hat, hier schnell noch einen lieben Gruß.
Ich lese gerne Ihre Kolumnen und bin mit Ihnen gedanklich absolut auf einer Linie - die Kunst, diese Gedanken dann in Worte zu fassen beherrschen Sie allerdings ganz alleine. Dafür ein DICKES KOMPLIMENT

Die Behindertencommunity und "Lohn ge(ver)dumpten" Beteiligten dieses kranken Systems brauchen solch wortgewaltigen Vordenker wie Sie

Von Christa

Ich schließe mich Hartmut vollinhaltlich an.

Dieser Artikel ist ungemein wichtig und richtig. Dem Beispiel der assistierten Selbsttötung (merke: nur ein toter Bürger produziert keine Kosten für Gesundheits- und Sozialsysteme) möchte ich gerne noch das Social freezing hinzufügen, dass von den dot.com-Unternehmen in USA derzeit propagiert wird. Da übernimmt man gerne mal die Kosten für das Einfrieren von Eizellen, damit die Mitarbeiterinnen keine Kinder bekommen. Wenn sie dann aus der gewinnmaximierenden Karrierephase draussen sind, so mit 50 denke ich mir, dann können sie gerne auf die eingefrorenen Eizellen zurückgreifen und Kinder bekommen. Sollten diese dann nicht ganz gesund sein, dann kann man sie ja mithilfe der pränatalen Diagnostik rechtzeitig liqudieren.

Wir befinden uns auf einem sehr abschüssigen Weg! Für diese neue Welt müssen wir entweder sehr tapfer werden oder aber schnellstens reagieren und korrigieren!

Von Hartmut

Eigentlich hatte ich ja damit gerechnet, mich hier in eine lange Reihe von Kommentaren einreihen zu müssen, aber so viel gibt es zu dem Text wohl nicht zu sagen. So will ich es denn wenigstens tun und sagen: Mir spricht dieser Text aus der Seele ! Für wichtig halte ich vor allem die Formulierung "...Inklusion ist also nicht nur ein bürgerrechtlicher Anspruch für uns behinderte Menschen,sondern ein Gesellschaftsmodell für alle Menschen.".

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