Oh Tannenbaum

Veröffentlicht am von Harald Reutershahn

Harald Reutershahn
Harald Reutershahn
Bild: kobinet/hjr

Mehr als 30 Millionen Tannenbäume werden in diesem Jahr nach Schätzung des Hauptverbands der Holzindustrie in Deutschland als Weihnachtsbäume verkauft. Abgeholzt wird dafür eine Fläche von mehr als 400 km². Das entspricht der Ausdehnung von Bremen. Acht bis Zwölf Jahre wächst ein Tannenbaum bei Intensivwirtschaft und Einsatz von Herbiziden, bis er ein Weihnachtsbaum werden kann. Nach den aktuellen Schätzungen werden in diesem Jahr in Deutschland voraussichtlich 650 Millionen Euro für Weihnachtsbäume ausgegeben. Dazu kommen natürlich die Lichterketten und Kerzen, das Lametta, die Strohsterne, die Christbaumkugeln und -spitzen, die Nippesfiguren und das Krippchen, das bei hauswirtschaftlich kluger Planung für den Rest des Winters, bei sorgsamer Einmottung des heiligen Personals nebst Komparsen, als Vogelhäuschen auf dem Balkon oder im Garten dienen kann.

Alle Jahre wieder
kommt das Christuskind
auf die Erde nieder,
wo wir Menschen sind.


Und schon steht sie wieder vor der Tür: die Weihnachtszeit. Fiebrig wie in jedem Jahr schlagen die erregten Herzen der Krämerseelen. Die gerade erschienene Umsatzprognose des Handelsverbands Deutschland (HDE) entzückt, sie verspricht traumhafte Umsatzerwartungen. Es wird im weihnachtstollen Kaufrausch wieder tiefer in die Taschen gegriffen als je zuvor. Durchschnittlich 447 Euro wollen die "Verbraucher", wie man Menschen hierzulande zu titulieren sich nicht entblödet, in Deutschland für Weihnachten ausgeben. Rund 50 Euro pro Nase mehr als im letzten Jahr. Auf der jährlichen HDE-Weihnachtspressekonferenz korrigierten die Experten deshalb ihre Umsatzerwartung für das Weihnachtsgeschäft im Vergleich zum Vorjahr erneut nach oben, auf etwa 85 Milliarden Euro.

Dabei war in diesen Tagen gerade erst zu erfahren, dass die Armut in Deutschland ein neues Rekordhoch von 15,5 Prozent erreicht hat. Die Armut unter Rentnern und Behinderten sei überproportional angestiegen. Angesichts dieser vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten aktuellen Armutsquoten fordert der Paritätische Gesamtverband die Bundesregierung auf, sich endlich dem Problem wachsender Armut in Deutschland zu stellen. Die Scheinheiligkeit eines konsumbesessenen, sich karitativ gebärdenden Kapitalismus wird in den völlig ausufernden Ekstasen der Weihnachtsglückseligkeit als Ausdruck kultureller Verelendung in besonders abstoßender Weise erkennbar.

Hinter der albernen Weihnachtsfassade kitschig aufgesetzter Rührseligkeit verbirgt sich ein abschreckendes Panoptikum aus verlogener Christenfrömmigkeit, die längst zu armseliger Raffgier und Habsucht verkommen ist. Das Christuskind war elend in einem Stall geboren, seine Eltern waren Flüchtlinge, die Rettung suchten vor dem großmächtigen Herodes, der als Statthalter des römischen Reiches die einfachen Menschen unterdrückte. Sie waren mit ihrem Kind auf der Flucht nach Ägypten, auf der Flucht vor Not, Armut, Ausbeutung und vor Krieg. Wie hunderte von Millionen Menschen heute. Flüchtlinge, die keinen Einlass finden in unseren Stall, weil unsere imperialen Rindviecher und Esel nicht teilen wollen, was sie aus aller kolonialisierten Welt zusammengeklaut und geplündert haben.

Oh Tannenbaum, du bist ein abgesägter, entwurzelter, toter Holzschelm. Sonst nichts. Zum Spott deiner schönen Natur haben dich affektierte Narren mit falschem Glitzerzeug verunstaltet, treiben Schabernack mit dir und verhöhnen deinen Leichnam. Mich erbarmt es deiner.

Haut auf eure Pauken, macht hoch die Türen, die Tor macht weit. Und macht durch, bis die Umtauschkassen öffnen. Frohe Feiertage, und das geistlose Glaubensbekenntnis der Spaßgesellschaft nicht vergessen: You gotta fight for your right to party! (Du musst kämpfen für dein Recht zu feiern!)

Weihnachtslied, chemisch gereinigt
von Erich Kästner

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte Euch das Leben.
Das genügt, wenn man’s bedenkt.
Einmal kommt auch eure Zeit.
Morgen ist’s noch nicht soweit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bisschen durch die Straßen!
Dort gibt’s Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen –
Lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt’s an Holz!
Stille Nacht und heil’ge Nacht –
Weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit …
Ach, du liebe Weihnachtszeit!

 

Lesermeinungen zu “Oh Tannenbaum” (1)

Von Beamtenschreck

Zitat:

Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder,
wo wir Menschen sind.

Danke, jetzt habe auch ich begriffen, warum alles immer so gekünstelt geschmückt ist. Das Christuskind soll die Wahrheit nicht erkennen. Es wäre doch schlimm, wenn es der schlag trifft bei aller Ungerechtigkeit auf der Welt und in dieser Gesellschaft.

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