Wirr ist das Volk

Veröffentlicht am von Harald Reutershahn

Harald Reutershahn
Harald Reutershahn
Bild: kobinet/hjr

Aufgebrachte Durchschnittswutbürger, Stammtischbrüder, Fußballhooligans, Trunkenbolde und Neonazis ziehen seit Wochen durch deutsche Städte und wollen das sogenannte Abendland retten. Dabei ist ihr Abendland ein großer Sack, in den der Nikolaus samt Knecht Ruprecht hineinpasst, Plato und Paulus, Karl der Große und Luther, die Beatles und Beethoven, Michelangelo und Helene Fischer und noch Schweini, denn der ist Weltmeister. In diesem Sack stecken ihre abendländischen Werte. Sie glauben, ihre krude Phantasie von Zivilisation verteidigen zu müssen gegen fremde Eindringlinge und Andersartige. Ohne Verstand ist an ihnen vorbeigegangen, dass keine Kulturen als die in Europa selbst und insbesondere in Deutschland die Werte der Zivilgesellschaften in der Menschheitsgeschichte weltweit geschunden haben.

Trotzig und unbelehrbar rotten sich die Spießbürger zusammen, geben sich infantile Namen wie "Pegida" (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes), oder "Hogesa" (Hooligans gegen Salafisten), "Legida" in Leipzig, "Kagida" in Kassel, "Bragida" in Braunschweig, "Bagida" in Bayern, "Fragida" in Frankfurt am Main - das könnten auch die Markennamen für Soßenpulver sein. Mit dem Abendland als Kampfbegriff liefern sie ein klares Feindbild und eine einfache Heilslehre. "Abendland hat immer als Ausgrenzungsbegriff gedient", erklärte treffend der Historiker Wolfgang Benz im Deutschlandradio Kultur. "Fragile Mitte - Feindselige Zustände", so stellt eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung fest, sowie "subtile Formen rechtsextremen und menschenfeindlichen Denkens". Stark verbreitet seien vorurteilsgeleitete Auffassungen gegenüber asylsuchenden Menschen und Muslimen.

Durch die Bank beklagen diese Leute eine "Überfremdung" Deutschlands. Biodeutsche also, die unter Kleinbürgern diffuse Ängste vor Fremden schüren und instrumentalisieren. Eine Hochburg dieser biodeutschen Retter des Abendlandes ist derzeit die sächsische Landeshauptstadt Dresden. "Wir sind das Volk" wird dabei unter Anführung von zweifelhaften abendländischen Gestalten während rudelbildenden Montagsdemonstrationen durch Dresden skandiert. Wie der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) aus Dresden berichtet, bekam in der Plattenbau-Siedlung Gorbitz eine Flüchtlingsfamilie aus Syrien kürzlich einen anonymen Brief mit der Drohung: "Siegheil! Wir wollen Euch hier nicht haben. Macht Euch weg, sonst machen wir es!" Ein Sozialarbeiter riet den Kriegsflüchtlingen: "Sie sollten nicht allein auf die Straße gehen."

Erstaunlicherweise leben in Sachsen nur 2,2 Prozent Einwanderer und Flüchtlinge und lediglich 0,1 Prozent Muslime. Welcher neurotische Heimatschutz mag da den Wahn einer Überfremdungsphobie auslösen? Diese Art von Paranoia ist wohl eher einem schweren Realitätsverlust, der an Halluzination grenzt, zuzuschreiben. Angesichts wachsender sozialer Spannungen gebe es einen Trend, bestimmte Personengruppen zu Sündenböcken zu machen, stellte der  Generalsekretär des Europarats, Thorbjörn Jagland besorgt fest. Vor dem Zweiten Weltkrieg seien dies etwa Juden oder Behinderte gewesen. "Ich habe das Gefühl, dass nun wieder ein solcher Prozess stattfindet.“ Nun würden muslimische Flüchtlinge für Probleme wie die Arbeitslosigkeit oder die Finanzkrise verantwortlich gemacht, betonte Jagland.

In den letzten 20 Jahren wurden die Rechte von Frauen, Migranten, Behinderten, Homosexuellen und anderen gesellschaftlich benachteiligten Menschen gestärkt. Selbstbewusste Frauen und dann noch Fremde, Asylanten, Schwarze, Türken, Homosexuelle und Behinderte, und obendrein auch noch alle zusammen in einer inklusiven Gesellschaft, das ist entschieden zuviel für die Weltangst und Verdüsterungspsychosen von Biodeutschen und löst in den teutschen Bratkartoffelhelden die fixe Idee einer Bedrohung aus, die von politischen Brandstiftern in den Zustand eines hysterischen Deliriums gesteigert wird.

Die Kinderarmut und das "Schrumpfen der altdeutschen Gesellschaft" sei die Folge der "Islamisierung" Deutschlands und der zunehmenden Zuwanderung aus dem Ausland, die zu einem "seit längerem zu beobachtenden gesellschaftlichen Zersetzungsprozesses" führen, propagiert  Dr. Thomas Hartung, der ehemals stellvertretender Landeschef der Alternative für Deutschland (AfD) in Sachsen war. Der bekennende Pegida-Anhänger und glühende Agitator für die Rettung des Abendlandes: "Wir haben Angst im Alltag, das fängt in der Schule an, wo deutsche Kinder von Zuwandererkindern als 'Schweinefresser' gehänselt werden, deutsche Mädchen in Diskotheken fast nur von Südländern belästigt werden und Erwachsene aufpassen müssen, niemanden 'respektlos' anzuschauen, um keine körperlichen Übergriffe von 'gekränkten Einwanderern' zu erleiden." Bedrohlich seien die "Wirtschaftsflüchtlinge", die sich "leicht und problemlos einnisten können".

Dieser angstgetriebene Provinz-Politiker der AfD musste im Juni 2014 aus seinen Parteiämtern zurückgezogen werden, weil er mit der Diffamierung von Behinderten seine Partei in öffentliche Bedrängnis brachte. Der sächsische Landtags-Kandidat lästerte über Pablo Pineda, einen 40-jährigen Spanier mit Down-Syndrom, der einen Hochschulabschluss absolvierte, sich als Schauspieler einen Namen machte und seit 2009 Lehrer ist. Hartung als Dozent für Medienproduktion an der TU Dresden: "Was sagt uns das: Sei nur blöd genug, reise in der Welt herum, die Dummen wenden sich schon ganz allein dir zu. Wo soll das hinführen, wenn es als normal gezeigt wird?“ Und der Retter des Abendlandes haut weiter drauf: "Wollt ihr von jemanden 'belehrt' werden, der weniger weiß als ihr? (…) Ich spreche einem Menschen mit Trisomie 21 die Befähigung ab, in Deutschland den Hochschulberuf eines Lehrers zu ergreifen, und gebe kund, dass ich als Nichtbehinderter von einem solchen nicht unterrichtet werden möchte.

Pablo Pineda Ferrer wurde in Málaga mit Down-Syndrom (auch Trisomie 21 genannt) geboren. Nach der Schule studierte er 1995 Lehramt, schloss nach vier Jahren erfolgreich ab. Danach begann er ein Psychologie-Studium. Seit März 2009 unterrichtet er an einer Schule in Córdoba. In dem preisgekrönten Kinofilm "Me too – Wer will schon normal sein?" spielt Pablo Pineda seine Lebensgeschichte im Kampf um Normalität.

"Wir sind das Volk"? - Wer sind die dann anderen? Wessen Welt ist die Welt?

 

Lesermeinungen zu “Wirr ist das Volk” (5)

Von Sven Drebes

Arnd, ich habe von Wohngemeinschaften für behinderte oder psychiatrisierte Menschen gesprochen, nicht von barrierefreien Toiletten. Solche Fälle kennst du sicher auch.

Was die Einbeziehung der "mittelbar Betriffenen" betrifft: Wie sollen wir Leute einbeziehen, die entweder komplett gegen das von der Mehrheit Gewünschte sind oder vom "Alten" profitieren? Oder wie soll man mit dem Phänomen umgehen, dass die meisten Leute dafür sind, dass schwerstbehinderte Menschen oder Flüchtlinge IRGENDWO möglichst normal leben sollen, aber eine Bürgerinitiative gründen, sobald "solche Leute" näher als 1km von ihrem Häuschen untergebracht werden sollen?

Von Arnd Hellinger

Natürlich, Sven, ist es nicht nur "Schuld" der Agenda2010-Umsetzung, dass Menschen Angst vor sozialem Abstieg haben - gleichzeitig besteht Dresden aber auch nicht nur aus der restaurierten Altstadt, der sächsischen Landesregierung sowie dem VW-Zweigwerk und den daraus resultierenden Sozialstrukturen, sondern hat eben auch "ärmere" Stadtteile...

Was ich sagen wollte, war: Es bringt wenig, die "Xgida"-Leute pauschal in eine Ecke zu stellen, ohne zu fragen, warum genau sie wovor "Ängste" haben und wie man diesen ggf. abhelfen könnte.

BTW: Dass irgendwo barrierefreie WCs durch Bürgerproteste verhindert werden, ist mir jetzt ganz neu- Hast Du da ein konkretes Beispiel? Und so, wie manche Bundesländer derzeit schulische Inklusion umsetzen, kann ich sogar nachvollziehen, wenn "Normalo-Eltern" da SO nicht mitspielen wollen...

Man muss einfach die von solchen Entwicklungen auch nur "mittelbar" Betroffenen stärker einbeziehen, dann klappt's auch.

Von Sven Drebes

Hallo Arnd,

ich habe auch ein Problem damit, die Abendland-Retter mit psychiatrischen Diagnosen zu beschreiben. Damit diskriminiert man psychiatrisierte Menschen.

Ich finde es aber auch zu einfach, die Agenda 2010 für Xgida verantwortlich zu machen, Dresden ist ja nicht gerade als Arme-Leute-Stadt bekannt. Vielmehr teile ich die Einschätzung, dass es vor allem die Angst von nichtbehinderten, christlichen oder konfessionslosen .... Männern mit relativ gutem Einkommen ist, ihre Stellung als die Gesellschaft bestimmende "Normalos" zu verlieren. Dazu passt, dass schulische Inklusion vor allem von "Bildungsbürgern" und Behinderten-WGs vor allem in "gut bürgerlichen" Wohngegenden bekämpft werden.

Von Arnd Hellinger

Ist es nicht doch etwas zu einfach gedacht, diese "Xgida"-Anhänger pauschal als "rechtsextrem" oder psychisch krank zu kategorisieren und bestätigen wir dadurch nicht exakt deren Vorwürfe an die "etablierte Politik"? Dass es in diesem Lande soziale Verwerfungen u. a. wegen einer falsch umgesetzten "Agenda 2010" gibt und diese in einigen Stadtbezirken durch Einrichtung von Massenunterkünften (statt einzelner Wohnungen) für Flüchtlinge, die dann auch noch ohne Sprachkurse oder sonstige soziale Betreuung erst einmal den Ausgang ihrer Asylverfahren abwarten müssen, noch verstärkt werden, ist leider auch Teil der Wahrheit... :-(

Dem Problem "Xgida" werden wir meiner Meinung nach nicht durch generelle Stigmatisierung der Demonstrierenden Herr, sondern durch eine geänderte Sozial- und Kommunalpolitik, die auch deren Bedürfnis nach längerfristiger Planbarkeit ihrer Lebensverhältnisse soweit möglich mit einbezieht.

Von Gerti

"... Angesichts wachsender sozialer Spannungen gebe es einen Trend, bestimmte Personengruppen zu Sündenböcken zu machen, stellte der Generalsekretär des Europarats, Thorbjörn Jagland besorgt fest. Vor dem Zweiten Weltkrieg seien dies etwa Juden oder Behinderte gewesen. "Ich habe das Gefühl, dass nun wieder ein solcher Prozess stattfindet.“ Nun würden muslimische Flüchtlinge für Probleme wie die Arbeitslosigkeit oder die Finanzkrise verantwortlich gemacht, betonte Jagland.

In den letzten 20 Jahren wurden die Rechte von Frauen, Migranten, Behinderten, Homosexuellen und anderen gesellschaftlich benachteiligten Menschen gestärkt. ..."
Sehe ich nicht so:
Schwerbehinderten wurden ihre Rechte VOR ihrer Geburt genommen, da sie abgetrieben werden. Wie kann da von mehr und mehr Rechten, die Behinderten zustünden, geschrieben und gesprochen werden?
Der Hass auf Beinderte, der hinter den Kulissen ausgetragen wird, fällt bei Pe**a nicht auf.
Und auch Frau Merkel hat in der Neujahresansprache zwar gesagt, Ausländer/innen seien in Deutschland willkommen, hat jedoch geflissentlich die Benennung des Faktes unterschlagen, dass es dabei um 'gewinnbringende' Ausländer/innen geht. Frau Merkel hat NICHT das täglich an vielen Behinderten vollzogenen Unrecht genannt und damit auch aus dem Fokus der Diskussion in der (deutschen) Gesellschaft herausgehalten. Frau Merkel fremdelt offensichtlich *ein wenig* mit Behinderten.

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