Je suis Downie

Veröffentlicht am von Harald Reutershahn

Harald Reutershahn
Harald Reutershahn
Bild: kobinet/hjr

Am 27. Januar 2015 wurde anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung der Menschen im Konzentrationslager Auschwitz durch die Rote Armee in zahlreichen offiziellen Gedenkveranstaltungen an die vielen Millionen Mordopfer der Nazi-Gewaltherrschaft erinnert. Man gedachte dabei auch der 300.000 behinderten Menschen, die in den grausamen Tötungsanstalten Deutschlands umgebracht wurden.

Es erinnerte sich auch der Landesdirektor des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen (LWV), Uwe Brückmann, an die 15.000 ermordeten behinderten Menschen in der 1940 eingerichteten berüchtigten hessischen Tötungsanstalt Hadamar, und er erklärte, das Andenken an die ermordeten Menschen müsse in Ehren gehalten werden. Der hessische CDU-Politiker bekannte bei diesem Anlass: "Wir als LWV haben mit der Übernahme der ehemaligen Landesheilanstalten ein schweres Erbe angetreten. Dazu bekennen wir uns". Und er verwies auf die Bedeutung der pädagogischen Arbeit. "In die Gedenkstätte des LWV Hessen in Hadamar kommen jedes Jahr mehr als 17.000 Besucherinnen und Besucher, darunter überwiegend junge Menschen. Das macht mich zuversichtlich, dass die Verbrechen des sogenannten Euthanasie-Programms nicht in Vergessenheit geraten werden."

Auch die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Verena Bentele, erinnerte an die Opfer der Euthanasie-Verbrechen. "Jeder einzelne dieser Menschen war einzigartig und besonders. 70 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges ist das Erinnern an sie wichtiger denn je. Nur wenn wir unsere Vergangenheit kennen und verstehen, können wir auch die Verantwortung für unsere Zukunft übernehmen - und eine Zukunft hat unsere Gesellschaft nur durch Vielfalt. Deshalb müssen wir Diskriminierungen jeglicher Art verhindern und die Würde eines jeden Menschen achten", so Verena Bentele. Und für Joachim Busch aus Lübeck, Mitglied im Bundesvorstand der Lebenshilfe, ist es "nur schwer fassbar, dass damals Menschen als 'lebensunwert' aussortiert und einfach so getötet wurden".

Fast zeitgleich, nur fünf Tage zuvor, war in der Zeitung DIE ZEIT ein Artikel erschienen mit der Überschrift "Der Test". Darin berichtete das Blatt über ein neues Verfahren, bei schwangeren Frauen "risikolos" mögliche "Erbschäden" bei den ungeborenen Kindern festzustellen, und es werde derzeit daran gearbeitet, dass die Krankenkassen in Deutschland dafür die Kosten übernehmen sollen. Dies sei ein erster Schritt zu einer Gesellschaft ohne Menschen mit angeborener Behinderung.

Zuerst werden die Downies gejagt – von Menschen ohne Macken. Mittels des inzwischen marktreifen "PraenaTests" der Firma LifeCodexx aus Konstanz sollen bei Schwangeren im Leib der Mütter Kinder mit Down-Syndrom aufgespürt werden, damit sie zielsicher erwischt frühzeitig abgetrieben werden können. Downies sollen durch den vorauseilenden Vollstreckungsakt ihrer Eltern zielsicher, ohne Grab und Begräbnis aus der Welt geschafft werden, bevor sie zur Welt kommen. Rückstandslos ohne Namen und ohne eine Lebensgeschichte.

Neun von zehn dieser entwerteten Kinder sind nach der Kalkulation von Experten dazu verurteilt, nicht geboren zu werden. Sie haben sich nichts zu Schulden kommen lassen, und doch dürfen sie nicht leben. Zum Tode verurteilt, weil sie im Leben diskriminiert würden. Die Nazis bezeichneten das als "Gnadentod" für die "unnützen Fresser" und "Ballastexistenzen", die "Schädlinge am gesunden deutschen Volkskörper", wie man behinderte Menschen nannte.

Heute benutzt man dafür andere Worte. Das Großkapital hat den Faschismus hinter sich bringen müssen, und nun spricht man von Soziallasten, die abgeschmolzen werden müssen, weil man sie der Gesellschaft und der Wirtschaft im internationalen Wettbewerb nicht zumuten könne. Das Kapital hat alle gesellschaftlichen Bereiche ökonomisiert. Alle sogenannten Investitionskosten werden in Kosten-Nutzen-Analysen nach einem Faktor für den sogenannten Benefit bewertet, der mindestens 1.0 betragen muss. Menschen, die von Geburt an behindert sind, erbringen diesen Benefit in der Regel nicht.

Was also ist zu tun? Entsorgen wie die Nazis, das funktioniert nicht mehr. Aktive Sterbehilfe, naja, dagegen wehren sich die meisten Betroffenen und werden von Gutmenschen dazu auch noch ermutigt. Das ist nicht besonders effektiv. Eine Sozialpolitik, die die Eltern behinderter Kinder durch die Heranziehung des Sparbuchs und des Einkommens bei der Inanspruchnahme von Sozialleistungen bestraft, ist dagegen ein wirksames Mittel. Abtreibung für das Familienglück, und niemand macht sich dabei schuldig.

Der Plan ist also, den "PraenaTest" dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen hinzuzufügen und allen Schwangeren zu bezahlen, das ist die kostengünstigste Entsorgung. Kosten: 600 Euro. "Es handelt sich um einen profanen Verwaltungsakt", enthüllte DIE ZEIT. "Die Entscheidung trifft ein eher verschwiegenes Gremium in der Berliner Wegelystraße, das kaum ein Krankenversicherter kennt. Der sogenannte 'Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen' (G-BA) bestimmt darüber, welche medizinischen Leistungen eine gesetzliche Kasse bezahlen muss."

Die G-BA wiegelt ab: Bislang habe man lediglich durch Beschluss festgestellt, dass die Tests ein Potenzial besitzen. Ob auf der Basis dieser Potenzialbewertung eine Erprobungsrichtlinie beschlossen werde, sei noch offen. "Eine Früherkennung des Down-Syndroms als Regelleistung kommt, daran gibt es kaum Zweifel", schreibt jedoch DIE ZEIT. Weltweit habe der "Siegeszug" des "PraenaTests" in verschiedenen kommerziellen Varianten schon begonnen. "Allein für die Vereinigten Staaten attestieren Marktkenner dem Verfahren das Potenzial für ein Milliardengeschäft." Das Potenzial des Verfahrens sei ungeheuer. "Bald wird das Mutterblut nahezu alles über ein werdendes Leben verraten." Der "PraenaTest" soll zukünftig die Entscheidung treffen: Wer soll leben?

Euthanasie durch vorgeburtliche Diagnostik wird perfektioniert und subventioniert. Ein Leserbrief in DIE ZEIT drückt aus, was viele Durchschnittsbürger denken: "Einem Menschen sollte nicht zugemutet werden, behindert geboren zu werden. Er hat oft ein schweres und unglückliches Leben vor sich. Ich bin daher für den Test. Lieber eine 'Auslese' vor der Geburt als eine Auslese danach."

Danke für diesen großzügigen Akt der Barbarei gegenüber Behinderten und den fortgesetzten Bruch mit der Zivilisation. Erst die Downies und dann wir alle werden in der Zukunft, die gerade nochmal beginnt, aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Selektionsmerkmal: Behinderung. Kapitalismus inklusive Inklusion, das ist eine Illusion und wird wohl nicht funktionieren.

Denn: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch! 

Lesermeinungen zu “Je suis Downie” (4)

Von Dagmar B

Als Mutter einer Tochter mit T21 bin ich hier heute bei Kobinet ausdrücklich Charlie.

Je suis Charlie

Für Meinungsfreiheit und gegen Zensur.
Was auch immer der Grund für das Sperren der Beiträge,das sinnentfremdende Kürzen oder gar das löschen ganzer Leserbriefe zur Regelbedarfstufe 3 sein mag.

Sehr geehrter Herr Reutershahn,wir verzichten auf Ihre Solidarität,wenn es hier bei Kobinet nicht mehr möglich ist,diejenigen zu vertreten,die nicht nur vorbeburtlich aussortiert werden,sondern denen auch noch das letzte Hemd weggekürzt wird.
Es ist beschämend,was heute hier vor sich geht.

Meine Tochter ist im übrigen kein Downie(Streichelkasper),ein sachlicher Tonfall ohne diese absurde Verniedlichung wäre daher angemessen.

Von Thomas Künneke

Danke für die Kritik an diesem und zukünftigen "med.Tests", die es ermöglichen den Norm-Bürger herzustellen... Vielleicht sollten die Krankenkassen werdenden Müttern, die sich trotz eines "positiven Ergebnisses", für dieses aussergewöhnliche Kind entscheiden, eine Premie in Aussicht stellen, damit sie umdenken... oder der Sozialhilfeträger im Vorfeld erklären, dass das Wissen um die Erkrankung vor der Geburt Leistungen ausschließt... Ja, es ist in der Tradition der "NS-Euthanasie", gerade Ärzte müssten sich einer solchen Entwicklung entschieden entgegenstellen und damit ihrer Verantwortung aus der Geschichte gerecht werden. Sie haben schon einmal "versagt".
Ich möchte mich aber (Nebenschauplatz dieses Artikels) ein wenig dem positiven Bild der Gedenkstätte Hadamar entgegen stellen. Wir haben als Betroffene allen 6 Tötungseinrichtungen der "Euthanasie" einen Besuch abgestattet. Wir haben uns erlaubt diese Orten auch ein wenig kritisch zu betrachten. Die Gedenkstätte Hadamar hat aber in allen Punkten das Prädikat "wenig empfehlenswert" erhalten und im Umgang mit uns hat diese "Einrichtung" auch an vergangene Zeiten erinnert... hierzu siehe auch https://www.youtube.com/watch?v=2sfm4xYY3mA&list=UUzrX6gleAOfOwoZKvZ38Biw ...
Thomas Künneke, Kellerkinder e.V.

Von Gerti

Könnte nicht jemand sein, der 'Je suis Downie'-Plaketten herstellt und verteilt / verkauft? Könnte sich jede/r eine solche Plakette anstecken.

Von Gerti

Sehr geehrter Herr Reutershahn, Sie schreiben:
"... Erst die Downies und dann wir alle werden in der Zukunft, die gerade nochmal beginnt, aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Selektionsmerkmal: Behinderung. Kapitalismus inklusive Inklusion, das ist eine Illusion und wird wohl nicht funktionieren. ..."
Da fragen Sie doch mal Herrn Miles-Paul, von ihm hört und liest man gar nichts mehr, keinen Aufreger, dass Menschen mit Down Syndrom vor der Geburt der Garaus gemacht wird.
Tja, wofür steht Herr Miles-Paul? Nur für die Behinderten mit *verwehrtbarer* Leistungserbringung am Arbeits*markt*?
Im Grunde genommen hat Herr M.-P. doch sich schon offenbart: kein Leserbrief, kein öffentlicher Aufreger gegen die Mordsfirm Lifecodexx ist von Herrn M.-Pauls veröffentlicht worden. Macht Sie das nicht auch sehr stutzig und nachdenklich? Wen macht das noch stutzig und nachdenklich?

Lesermeinung schreiben?

Beim erstmaligen Schreiben Ihrer Lesermeinung werden Sie zur Registrierung geleitet. Dabei erkennen Sie die Nutzungsbedingungen und die Netiquette an.Sie erhalten eine Bestätigungs-E-Mail. Bitte schauen Sie auch in Ihren Spamordner. Bestätigen Sie den Empfang durch Klicken auf den angezeigten Link. Sie erhalten ein Fenster und ergänzen Ihren Anzeigenamen und Ihren persönlichen Namen zur E-Mailadresse. Die Lesermeinung ist auf 2000 Zeichen begrenzt und Sie können bis 14 Tage nach Veröffentlichung der Nachricht schreiben.