Klassentreffen der Taschenrechner

Veröffentlicht am von Harald Reutershahn

Harald Reutershahn bei der Mahnwache des Griechenland-Solidaritätskomitees Frankfurt vor der Europäischen Zentralbank am 30. Juni 2015
Harald Reutershahn bei der Mahnwache des Griechenland-Solidaritätskomitees Frankfurt vor der Europäischen Zentralbank am 30. Juni 2015
Bild: kobinet/hjr

Feierlich aufgereiht stehen sie da wie Taschenrechner. Nur einer nicht. Der steht nicht aufgereiht. Der sitzt. Im Rollstuhl. Und wie ein Taschenrechner kann er auch nicht. Der ist ein Taschenrechner. Die Wie-Taschenrechner halten ihn jedenfalls für einen Taschenrechner. Er selbst hält sich taschenrechnerisch sogar für wie zwei. Dabei ist er höchstens wie eineinviertel.

Herr Sch, so lautet sein Name, ist über die Grenzen des Landes hinaus auf dem ganzen Kontinent bekannt als Erbsenzähler. Er gilt sogar als ein gnadenlos gründlicher Erbsenzähler. Dafür jedenfalls sorgt die CD-Partei zusammen mit der geschwisterlichen CS-Partei, für die Herr Sch sich verdient gemacht hat. Herr Sch hatte nämlich auf dem Schwarzmarkt mit einem anderen Herrn Sch, der wegen Steuerhinterziehung und illegaler Schieberei von Erbsenpistolen eingesperrt wurde, einhunderttausend Erbsen zugesteckt bekommen für die Schatulle der CD-Partei. Dieses kleine Säckchen Erbsen war jedoch auf wundersame Weise verschwunden und ist bis heute verschwunden geblieben.

Der auf dem ganzen Kontinent bekannte Erbsenzähler Herr Sch ist seither berüchtigt für seine geschäftstüchtigen Fingerfertigkeiten im Umgang mit Erbsen. Nehmen wir einmal an, er hätte drei halbe Nussschalen und eine Erbse auf dem Tisch, die er vor aller Augen unter eine der drei halben Nussschalen legt, dann kann er die Nussschalen so schlau und flink auf dem Tisch herum schieben, dass keiner mehr weiß, unter welcher halben Nussschale die Erbse nun liegt. Und wenn einer von uns glaubt, er könne so schnell gucken, wie Herr Sch die Nussschalen hin und her schiebt, dann wird er sich wundern. Denn Herr Sch kann die Erbse so blitzschnell aus einer halben Nussschale verschwinden lassen und unter einer anderen verstecken, dass es keiner merkt. Ja, der Herr Sch kann perfekt die Erbsen verschieben. So perfekt, dass sie plötzlich ganz woanders sind als man das für möglich halten würde.

Dabei traut sich niemand, dem Herrn Sch etwa nicht zu trauen. Denn Herr Sch war immerhin, bevor er Erbsenschieber und Taschenrechner wurde, Chef der Polizei. Nein, so einer kann kein falscher Fuffziger sein. Der tugendhafte eineinviertel Taschenrechner ist nicht nur geschmeidig im Umgang mit Erbsen, sondern kann auch so hart und unbeweglich sein wie ein Stein, wenn es darum geht, die Erbsen der großen und dicken Erbsensäcke zu vermehren. Fleißig sammelt er die Erbsen von den vielen, vielen kleinen Erbsensammlern ein und steckt sie in die großen und dicken Erbsensäcke.

Mit den kleinen Erbsensammlern ist der Herr Sch sehr streng. Unnachgiebig und energisch wacht er Tag und Nacht darüber, dass die fleißig aufgesammelten Erbsen der vielen, vielen kleinen Erbsensammler in den großen und dicken Erbsensäcken landen. Denn sonst gäbe es eine große Unordnung mit all den fleißig gesammelten Erbsen, wenn die überall kunterbunt einfach durcheinander kullern würden. Deshalb lässt der Herr Sch auch niemals locker. Eine Unordnung mit den Erbsen kann er nicht leiden. Er weiß genau: Wenn die vielen, vielen kleinen Erbsensammler die Erbsen selbst behalten könnten oder die vielen, vielen Erbsen untereinander verteilen würden, dann würden sie miteinander Erbsbrei oder Erbsensuppe kochen und die fröhlich miteinander essen. Die großen und dicken Erbsensäcke würden dann aufhören, größer und dicker zu werden. Damit so etwas niemals passieren kann, ist der Herr Sch sicherheitshalber eineinviertel Taschenrechner.

Weil er ein Erbsenschieber und ein Taschenrechner zugleich ist, deshalb ist der Herr Sch eineinviertel Taschenrechner. Der Unerbittlichkeit und seiner Verdienste für das Wachstum der großen und dicken Erbsensäcke halber hätte es der Herr Sch längst verdient, der Rechenschieber der großen und dicken Erbsensäcke genannt zu werden. Zäh, ehrgeizig und berechnend genug ist er durchaus. Aber Herr Sch ist es zufrieden, unter den feierlich aufgereiht dastehenden Wie-Taschenrechnern zu sitzen.

Die aufgereiht dastehenden Wie-Taschenrechner mögen den Herrn Sch eigentlich nicht sehr gern, weil er dickköpfig ist, bockbeinig und verschlagen. Irgendwie ist es in seiner Nähe immer kalt. Unerbittlich muss er alles um sich herum stets überwachen. Dabei leitet ihn eine strenggläubige Weltanschauung. Die meisten Menschen, so glaubt er, seien ihrer Natur nach arbeitsscheu und nichtsnutzig. Deshalb müsse man sie unerbittlich an die Kandare nehmen, wie man das mit Gäulen macht, damit man sie im Zaum halten und dorthin lenken kann, wohin man sie haben will. Die Kandare des Herrn Sch ist geschickt und stramm geknüpft aus Schuldscheinen, die die Gäule gar nicht gemacht haben, und mit denen ihnen die feierlich aufgereiht da stehenden Wie-Taschenrechner die braven Mäuler knebeln.

Geknebelt und ratlos stehen sie sodann vor dem ausgestreckten Zeigefinger einer Weltanschauung. Das Credo der Weltanschauung des Herrn Sch heißt: immer mehr Leistung für immer weniger Geld. Da ihm dieses Wort nicht rigoros genug ist für seine Fixe Idee, spricht er von Leischtung. Deshalb heißt er auch Herr Sch. Und halsstarrig ist sein mit geradezu religiösem Eifer verfolgtes Bestreben, die vielen, vielen kleinen Erbsensammler in seine unnachgiebige Leischtungsordnung einzuspannen, die sie immer ärmer macht.

Die großen und dicken Erbsensäcke freuen sich darüber, denn so werden sie immer größer und immer dicker, und sie müssen die Erbsen, die sie für ihr Eigentum halten, nicht mit den vielen, vielen kleinen Erbsensammlern teilen.

Jetzt aber geht es drunter und drüber. Der eineinviertel Taschenrechner und Erbsenschieber Herr Sch ist beleidigt. Worüber? Na, wegen diesen Leuten in Griechenland, die keine Krawatte tragen und ihr Hemd nicht in die Hose stecken. Der Wie-Taschenrechner Herr Steini von der S-Partei hat nämlich gesagt, dass diese Leute, die die Schulden anderer Leute nicht mehr bezahlen wollen, nun alle Griechen als Geisel nehmen. Geradezu Unaussprechliches haben die mit ihren Geiseln vor. Unbeaufsichtigt sollen die in einem Referendum jetzt darüber entscheiden dürfen, ob sie sich weiterhin noch für die großen und dicken Erbsensäcke an die Kandare nehmen lassen wollen.

Da wird es wohl noch einige Klassentreffen geben müssen, wo alle feierlich aufgereiht dastehen wie Taschenrechner. Wir werden das weiter beobachten und dabei möglicherweise herausfinden, warum der eineinviertel Taschenrechner und Erbsenschieber Herr Sch und die aufgereiht da stehenden Wie-Taschenrechner ihre Hausaufgaben nicht machen, und auch uns Behinderten kein Bundesteilhabegesetz geben wollen. Vielleicht hat Herr Steini von der S-Partei ja gerade in dem Moment einen Kopfstand gemacht, und das Hemd ist ihm aus seiner Hose gerutscht, als er die Geiselnahme beobachtete.

Όχι
Nein
zum Spardiktat der Troika und ihrer neoliberalen Lobbyisten!

Lesermeinungen zu “Klassentreffen der Taschenrechner” (6)

Von h. drager

Ein opportunes Zusammentreffen: Debatte im Bundestag zu Euthanasie, Variante: “ärztliche Beihilfe zum Selbstmord” und gleichzeitig die Abschaltung des griechischen Volkes von der finanzkapitalistischen Kreditmaschine.

Kommt mir bekannt vor! 1870 verkündete Preußen gegen die aufmüpfigen Bayern, in den Worten des preußischen Gesandten in München, Georg Freiherr von Werthern, die “Euthanasie”, um sie “mit sanfter Hand in den Tod zu führen”. Ganz im Sinne des Virchowschen Diktums – Virchow, einer der Großstandartenführer der deutschen Medizin und Ärzteschaft seit dem 19. Jahrhundert bis heute -, wonach “Politik weiter nichts ist als Medizin im Großen”.

Also jeder Arzt ein Politiker, jeder Politiker ein Arzt. Euthanasie ein ärzte-politisches Mittel der Bestrafung und ein Aktivposten im Sterbehaushalt. Politikverdrossenheit: ein Tarnname für Ärzteverdrossenheit. Und dies in Verhältnissen, die bei weitem zerstörerischer sind als alle Beschädigungen, denen sich Lebendiges je gegenübersah.

Einzig der ärztlich programmierte und ärztlich regierte Kapitalismus hat ein Recht auf Sterbehilfe!

Ich verweise auf den Text: Zahlen und Ueberzaehlige im Internet: http://www.spkpfh.de/Zahlen_und_Ueberzaehlige.htm

Von Arnd Hellinger

@Gerti:

Unklar bleibt der Sinn Ihrer Worte. Wie Ihnen bekannt sein sollte, hat Herr Schäuble seine Behinderung im Rahmen der Ausübung seiner Tätigkeit als Politischer Beamter der Bundesrepublik Deutschland "erworben", die zudem Folge einer Straftat darstellt. Somit gelten hier keine Sonderregeln, sondern die öffentlich nachlesbaren Bestimmungen zur Beamtenversorgung des Bundes sowie ggf. des Opferentschädigungsgesetzes - es hätte JEDE_R in Schäubles Situation ungeachtet seiner politischen Haltung dieselben Ansprüche.

Und über die Angemessenheit jedweder Hilfsmittelversorgung hier öffentlich zu urteilen, steht weder Ihnen noch mir noch anderen Nutzenden dieses Mediums zu.

Von Sven Drebes

@Gerti:
Es ist eine Sache, die Politik und die Ansichten von Herrn Schäuble zu kritisieren. Da gibt es Vieles, was auch ich nicht teile.

Ich finde es aber unerträglich, so auf ihm und seinem Umgang mit seiner Behinderung rumzuhacken, wie Sie es tun. Wenn Sie älter sind als 40, was ich vermute, haben Sie mitbekommen, wie Herr Schäuble zu seiner Querschnittlähmung kam. Da er irgendwie krankenversichert war und ist, hat er natürlich auch Anspruch auf eine Rollstuhlversorgung! Und ob der Rolli nun von Firma A, I, M, O oder irgendeiner anderen stammt, hat Sie und mich nicht zu interessieren.Und fangen Sie jetzt bitte nicht mit der Behauptung an, Ihr Rollstuhl sei so mies, weil er ein Top-Modell fährt.

Das hier Geschriebene gilt im jeweiligen Sinn auch für Ihre Äußerungen zu anderen Politikern, Verbandsvertretern usw. Unter jedem Artikel bittet die Redaktion um Einhaltung der Netiquette. Haben Sie die mal gelesen??

Und noch eine Bitte: Sparen Sie sich die *!

Von Lesebrille

@Gerti: Schleichwerbung auf Kobinet? Und was hat das mit dem Artikel darüber zu tun?

Von Gerti

Ergänzung:
Der Erbsenzähler Schä*ble wurde vom Journalisten der taz auf dem Innenhof des Finanzministeriums abepasst und dort erstaunt gefragt, der Elektrorollstuhl fahre doch so schnell.
Darauf hin sagte der Erbsenzähler, der Elektrorollstuhl werde in Stuttgart produziert.
Der Erbsenzähler fuhr demnach einen Elektrorollstuhl _Adventure_ A10 (Höchstgeschwindigkeit 12 Kilometer in der Stunde).
Ich nehme an, dass der Erbsenzähler Schä*ble den Adventure noch heute fährt, da dieser Rollstuhl (eigentlich) unkapputtbar ist und jeder, der Technikverständnis und geschickte Hände hat, selber am Adventure Kleinreparaturen vornehmen kann.

Von Gerti

Der Erbsenzähler zeigt sich nur in der Öffentlichkeit mit einem handbetriebenen Rollstuhl.
Die taz hatte in den 2000er Jahren Schäuble interviewt, als er noch Finanzminister war.
Der Journalist (der offensichtlich nicht in Kenntnis war, wo in Deutschland Rollstühle hergestellt werden) ließ sich vom Erbsenzähler einreden, der Elektrorollstuhl, den der Erbsenzähler fahre, werde in Stuttgart hergestellt. Der Journalist nahm diese Aussage des Erbsenzählers für bare Münze.
Die Geschichte ist schnell zu Ende erzählt:
In Stuttgart wurden und werden Elektrorollstühle nicht hergestellt. ABER: Porsche ist ein Unternehmen in Stuttgart.
Die bürstenlosen Motoren des Elektrorollstuhles ADVENTURE (die bürstenlosen Motoren sitzen in den zwei Hinterrädern des ADVENTUREs) wurden vom Rollstuhlhersteller _Ulrich Alber GmbH_ in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen _Porsche_ entwickelt.
In dem Zusammenhang ist interessant zu wissen, ob der Erbsenzähler Schäu**e denselben Endpreis des Elektrorollstuhles _Adventure_ an Alber gezahlt hat, wie Alber den an die Endverbraucher_innen verkaufte oder ob dem Erbsenzäher Schäu**e ein Sonder-Sonder-Rabatt eingeräumt wurde.

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