Die bitter-süße Verführung

Veröffentlicht am von Harald Reutershahn

Harald Reutershahn neben dem Zitat von Kästner: Was immer geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.
Harald Reutershahn neben dem Zitat von Kästner: Was immer geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.
Bild: kobinet/hjr

Sie hat einen zauberhaft zarten Schmelz brauner Haut, sie duftet entzückend und hinreißend, sie kann uns verzaubern, die Welt in uns verändern und das Leben heller und freundlicher erscheinen lassen. Sie ist ein Fest für alle Sinnlichkeit, und ihr warmes Dahinschmelzen vermag uns das Leben so raffiniert zu veredeln wie kaum eine andere lustvolle Glückseligkeit. Die Rede ist von einer Tasse heißer Schokolade aus Kakao.

In der Erinnerung an die Kindheit mag ich sie am liebsten in der einfachsten Zubereitungsweise: Eine Tasse Milch in einen Topf gießen, davon drei Esslöffel Milch zurück in die Tasse geben und dazu einen gehäuften Teelöffel Kakaopulver hineinrühren. Die im Topf verbliebene Milch kurz aufkochen, dann ebenfalls in die Tasse gießen, dazu einen Teelöffel Honig einrühren und ein paar Minuten abkühlen lassen, bis sich an der Oberfläche die seidig dünne Haut über der heißen Schokolade gebildet hat. Eine kleine Prise Zimt darüber streuen. Fertig zum genießen.

Theobroma, die "Speise der Götter", hat ihren Ursprung in Amerika, "chocolatl" nannten den Schokoladentrunk bereits die Maya und Azteken, die Ureinwohner Mexikos. Für sie war Kakao ein Geschenk des Himmels. Ihr Gott Montezuma soll täglich mehrere Tassen des Getränks zu sich genommen haben, das bevorzugt mit Chili, Piment und Vanille gewürzt wurde. In spanischen Klosterküchen wurde später durch den Zusatz von Zucker oder Honig aus der bitteren aztekischen "chocolatl" die süße "chocolate".

Kaum ein anderes Lebensmittel ist gesünder als Kakao. Der Magnesiumgehalt in rohem Kakao zählt weltweit zu der höchsten pflanzlichen Magnesiumquelle. Das erhöht die Gehirnleistung, hilft den Stoffwechsel zu regulieren, versorgt die Muskulatur mit notwendiger Energie und ist für den Aufbau starker Knochen essenziell, senkt sowohl die Blutgerinnung als auch den Blutdruck und sorgt gleichzeitig für einen rhythmischen Herzschlag.

Der Kakao ist reich an den lebenswichtigen und gesundheitserhaltenden Antioxidantien. Diese fördern die Funktion des Herz-Kreislaufsystems, erweitern die Blutgefäße, verbessern die Durchblutung, regulieren Herzschlag und Blutdruck. Antioxidantien senken den unerwünschten LDL-Cholesterinspiegel und wirken somit präventiv gegen Arterienverkalkung. Gleichzeitig wird das Risiko eines Schlaganfalls und eines Herzinfarktes reduziert. Außerdem schützen Antioxidantien die Körperzellen vor Schäden und frühzeitiger Alterung, sie bekämpfen schädliche freie Radikale und verhindern die Entstehung bestimmter Krebsarten.

Kakao enthält mehr Kalzium als Kuhmilch, ist die ergiebigste pflanzliche Eisenquelle und reich an  einfachen ungesättigten Fettsäuren, die den guten Cholesterinspiegel erhöhen. Der regelmäßige Verzehr von rohem Kakao fördert die Ausschüttung von Neurotransmittern im Gehirn und steigert das allgemeine Wohlbefinden.

Ein mäßiger Konsum von dunkler Schokolade mit hohem Kakaoanteil beschleunigt den Zuckerstoffwechsel. Dieses ist vor allem für Diabetiker gut, kann aber ebenfalls zur Gewichtsabnahme beitragen. Alle Schokoladenliebhaber wissen, dass der Genuss von dunkler Schokolade den Appetit mindert. Der hohe Chromgehalt der Kakaobohne ist äußerst wirksam gegen hohen Blutdruck und Fettleibigkeit.

Im Durchschnitt werden in Deutschland circa 10,2 kg Schokolade pro Person verzehrt. Das alles habe ich am letzten Sonntag erfahren bei der Kakao-Ausstellung im Frankfurter Palmengarten. Zugleich wurde dabei jedoch auch darauf aufmerksam gemacht, wie hoch der Preis für die Kakaobauern und ihre Kinder in den Herstellerländern durch die kaltblütige Ausbeutung der großen Konzerne in Mitteleuropa und Nordamerika ist.

In mehr als 30 sogenannten Entwicklungsländern wird Kakao angebaut - 14 Millionen Menschen bestreiten ihren Lebensunterhalt mit seiner Produktion. In zahlreichen Ländern Westafrikas und Lateinamerikas ist die Kakao-Produktion Haupteinnahmequelle von vielen Familien. Zum Beispiel an der Elfenbeinküste oder in Ghana, wo 90 Prozent der Bauernfamilien von der Produktion von Kakao abhängig sind. In den weltweit größten Kakaobohnen-Plantagen schuften die Kakaobauernfamilien für rund 0,50 US-Dollar pro Person am Tag.

"Um zumindest die international definierte Armutsgrenze von 2 US-Dollar pro Tag zu erreichen, müsste sich ihr Pro-Kopf-Einkommen also vervierfachen“, erklärt Friedel Hütz-Adams, Ko-Autor des Kakao-Barometers vom Südwind-Institut. Die niedrigen Einkommen führen zu inakzeptablen Arbeitsbedingungen bis hin zu Menschenrechtsverletzungen wie ausbeuterischer Kinderarbeit. Das Kakao-Barometer ist eine alle zwei Jahre erscheinende Sektor-Übersicht über Nachhaltigkeitsinitiativen im Kakaosektor. Es wird von einem europäischen NGO-Gewerkschaften-Konsortium publiziert. Die Situation der Kakaobauern habe sich in den vergangenen Jahren verschlimmert, heißt es dort.

Schuld daran sind die Großkonzerne, die den Markt beherrschen: In den achtziger Jahren erhielten die mehr als fünf Millionen Kakaobauern weltweit noch einen Anteil von rund 16 Prozent vom Endpreis einer Tafel Schokolade, heute sind es nur noch 6 Prozent. Den vier Hauptanbauländern stehen fünf Großkonzerne gegenüber, die den Markt für Verarbeitung und Handel mit Kakao dominieren. Der Nettoumsatz der Branche lag im vergangenen Jahr bei 80 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Das Bruttoinlandsprodukt des Landes Ghana beträgt gerade mal gut 70 Milliarden Dollar.

Der Schokoladenmarkt boomt, die Branche aber hat ein Problem: Der Kakaonachschub stockt, weil den Bauern der Nachwuchs fehlt: "Die jungen Leute verlassen die Dörfer, weil es dort keine Schulen mehr gibt, keine Ärzte, keine Infrastruktur, nichts". Das Durchschnittsalter der Kakaobauern ist auf rund 55 Jahre gestiegen, und das in einem Land, in dem die Lebenserwartung bei 65 Jahren liegt. Jetzt sinken die Ernteerträge und "die Schokoladenindustrie wird langsam nervös", heißt es seitens der entwicklungspolitischen Organisation INKOTA-netzwerk e.V. mit Hauptsitz in Berlin, deren Projektschwerpunkte lokale ländliche Entwicklung, Menschenrechte, Frauenförderung und die Arbeit mit behinderten und traumatisierten Kindern sind.

"Viele Kleinbauern wissen gar nicht, was ihre Produkte wert sind. Zwischenhändler nutzen diesen Zustand aus und bezahlen ihnen deshalb oft viel zu niedrige Preise, die unter dem eigentlichen Marktwert liegen", wird berichtet.

Die schwierige Situation am Kakao-Markt und das sehr geringe Einkommen der Produzenten haben dazu geführt, dass der Anteil an ausbeuterischer Kinderarbeit und Sklavenarbeit in Westafrika gestiegen ist. 2001 berichteten die ILO (Internationale Arbeiter-Organisation) und andere Organisationen von Kinder- und Sklavenarbeit auf vielen Kakaofarmen an der Elfenbeinküste. Von dort stammen 43 Prozent der weltweiten Kakaoproduktion. Laut Unicef mussten 2008 60 Millionen Kinder in afrikanischen Ländern südlich der Sahara arbeiten – häufig in der Landwirtschaft, in Steinbrüchen oder auf Baustellen.

Was wir in Deutschland für die Schokolade bezahlen, das ist kein fairer Preis für die Arbeit der Kakaobauern und ihrer Familien. Wir bezahlen Hungerlöhne für Sklavenarbeit und Kinderarbeit. Gerechte Weltmarktpreise müssten stattdessen dafür sorgen, dass die Menschen in Afrika, Südamerika und Asien die gleichen Lebensverhältnisse hätten wie wir.

"Reicher Mann und armer Mann
Standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.
(Bertolt Brecht, "Alfabet")

Zu unserem sogenannten Wohlstand gehört es, dass wir die zu Hungerlöhnen produzierten Lebensmittel in unsere Supermärkte geliefert bekommen, wie zum Beispiel Fische aus allen Meeren der Welt, alle denkbaren exotischen Früchte und Gewürze, Soja, Reis, frischen Salat und frisches Gemüse das ganze Jahr. Täglich kommen bei uns vollgeladene Supertanker mit Palmöl und Frachtschiffe mit Zucker, Kakao, Kaffee und Tabak an. Ebenso die Baumwolle samt der von Sklavenarbeiterinnen zusammengenähten Kleidung, das Öl für unsere Heizungen und Maschinen, das Benzin für unsere Autos und das Kerosin für unsere Flugreisen. Das Holz für unsere Möbel, die Edelmetalle, die Edelsteine und die seltenen Rohstoffe zur Herstellung unserer Elektro- und Elektronikgeräte. Und unseren Giftmüll und unseren Schrott exportieren wir in alle Regionen der Welt, in denen die bittere Armut herrscht.

Den Politikern in Deutschland, die brandstiftende Reden halten über sogenannte "Armutsflüchtlinge", die unser Land angeblich "überfluten" würden, sollten wir das Handwerk legen. Mitsamt dem dummen, heuchlerischen Geschwätz einer terroristischen Politik, die uns einen "Asylkollaps" fürchten lassen will angesichts der Kriege in der Welt, die unsere Regierungspolitiker mit angestiftet haben und an denen sich die großen deutschen Banken und Rüstungskonzerne dumm und dämlich verdient haben und weiter verdienen. Ebenso dem fremdenfeindlichen Lumpenpack und den Terrorbanden der Neonazis, die hierzulande tagtäglich Flüchtlingsheime überfallen und in Brand stecken. Lasst uns denen entgegenstellen und couragiert eintreten für eine inklusive Gesellschaft, die das exklusive "All you can eat" einer privilegierten Lebensweise eintauscht gegen eine solidarische gerechte Weltordnung.

Ein Willkommen allen Flüchtlingen in unserem Land! Wo die Früchte eurer Arbeit zu Hause sind, da sollt auch ihr zuhause sein können.

Dokus vom Norddeutschen Rundfunk (NDR):

Schmutzige Schokolade - Kindersklaven schuften für unseren Genuss

Schmutzige Schokolade II

 

 

Lesermeinung schreiben?

Beim erstmaligen Schreiben Ihrer Lesermeinung werden Sie zur Registrierung geleitet. Dabei erkennen Sie die Nutzungsbedingungen und die Netiquette an.Sie erhalten eine Bestätigungs-E-Mail. Bitte schauen Sie auch in Ihren Spamordner. Bestätigen Sie den Empfang durch Klicken auf den angezeigten Link. Sie erhalten ein Fenster und ergänzen Ihren Anzeigenamen und Ihren persönlichen Namen zur E-Mailadresse. Die Lesermeinung ist auf 2000 Zeichen begrenzt und Sie können bis 14 Tage nach Veröffentlichung der Nachricht schreiben.