Die Brüchigkeit des Verstands und der Gefühle zum 25. deutschen Einheizjubiläum

Veröffentlicht am von Harald Reutershahn

Harald Reutershahn auf Delegationsbesuch 1979 in der DDR
Harald Reutershahn auf Delegationsbesuch 1979 in der DDR
Bild: kobinet/hjr

Ich war ein westdeutscher Freund der DDR. Schon als 16-Jähriger hörte ich täglich mit meinem kleinen Transistorradio auf Mittelwelle den Sender Stimme der DDR, weil ich dort etwas über die Hintergründe des Vietnamkriegs erfuhr. Das war ganz anders als der Pop-Konsumquatsch, der aus den BRD-Radiosendern tönte. Und lieber als den "Popshop" auf SWF 3 hörte ich die Rockmusik der Puhdys, Karat und die politischen Lieder des Oktoberklub.

Als Jürgen Sparwasser am 22. Juni 1974 im Hamburger Volksparkstadion das Tor zum 1:0-Sieg für die DDR im Vorrundenspiel der Fußballweltmeisterschaft gegen die BRD schoss, war ich im katholischen Josefsheim in Bigge-Olsberg im Sauerland der einzige, der jubelte. Noch heute erinnere ich mich in Zeitlupe an diesen Moment, als die Fußballmannschaft des antifaschistischen Deutschland die Nationalmannschaft des revanchistischen Deutschland besiegte. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl für einen 20-jährigen Rollstuhlfahrer, in dem das Bewusstsein herangereift war, in einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft kein Mensch mit einer verwertbaren Arbeitskraft zu sein. Der Kapitalismus konnte einen wie mich nicht gebrauchen und hatte mir nach dem Schulabschluss verweigert, mir eine Berufsausbildung in einem normalen Ausbildungsbetrieb zu ermöglichen. Für mich als Lehrling war das eine Lehre, die frühzeitig mein politisches Weltbild prägte. Ein solcher Arschtritt bildet und lehrte mich, dass der Wert des Menschen im Kapitalismus nach seiner Verwertbarkeit gemessen wird. Dass 15 Jahre und fünf Monate später der Sozialismus in der DDR zusammenkrachte, änderte an dieser Erkenntnis nichts. Der 1:0-Sieg für die DDR gegen die Beckenbauers, Müllers, Breitners, Overaths und Hoeneßes ist historisch.

Nach meiner Berufsausbildung in der Aussonderungsanstalt war ich arbeitslos. Genau acht Jahre und fünf Tage, ein weiteres Kapitel in der politischen Ausbildung und Lebenserfahrung.

Nach dem Fußballsieg korrespondierte ich mit dem Gesundheitsministerium der DDR, um etwas darüber zu erfahren, wie die Lebensbedingungen, Bildungschancen und Arbeitsrechte für behinderte Menschen im sozialistischen Deutschland waren. Was ich dabei herausfand, das konnte sich sehen lassen, denn in der DDR gab es ein Recht auf Arbeit für alle Menschen, und die Teilhabe an der Arbeitswelt stand im Vordergrund und wurde gefördert. Sehr viele Menschen mit Behinderungen arbeiteten in den staatlichen Betrieben.

Soweit die offizielle Theorie. Mit der Zeit erfuhr ich darüber Genaueres. Im Februar 1979 hatte ich die Gelegenheit, an einer Delegationsreise in die DDR teilzunehmen und begegnete dem Sozialismus konkret in der Glockengießerstadt Apolda. Hier bekam ich einen kleinen Einblick darin, wie die Menschen im damaligen Bezirk Erfurt lebten, in den Schulen lernten, in den Betrieben ausgebildet wurden und arbeiteten. Auch ein Besuch der Gedenkstätte Buchenwald stand auf dem Programm, was mich besonders beeindruckte, weil ich an diesem Ort etwas darüber erfuhr, welche grauenhaften, menschenverachtenden medizinischen Experimente die Nazis mit KZ-Gefangenen für die kapitalistische Ausbeutungsgier der Flickse, Abse und Kruppse machten. Und an den Wänden der Gedenkstätte standen die Namen der Verbrecher, die in der BRD unbehelligt lebten und arbeiteten, ohne dass wegen ihrer Gräueltaten jemals gegen sie ermittelt wurde.

Ich lernte in der DDR viele wundervolle Menschen kennen und das sozialistische Deutschland als einen hoch entwickelten Sozialstaat. Allerdings galt auch: Der Umgang mit Behinderung in der DDR blieb ein weitgehend vom gesellschaftlichen Bewusstsein ausgeblendeter, aus dem öffentlichen Leben verdrängter, jedoch mit einem beachtlichem und vielschichtig umgesetzten Entwicklungspotential ausgestatteter Teil der sozialen Wirklichkeit. Behinderte Kinder in der DDR, die erst auf Sonderschulen lernten, konnten auf Regelschulen wechseln und mit guten schulischen Leistungen auch den Zugang zu Hochschulen erreichen. Viele andere wurden in schlecht ausgestatteten evangelischen Pflegeheimen untergebracht, damit die Eltern arbeiten konnten. Behinderte, die nicht arbeiten konnten, waren auf Pflegeheime angewiesen. Menschen mit Behinderungen und Eltern von Kindern mit Behinderungen hatten wenige Möglichkeiten, auf sich und ihre Situation aufmerksam zu machen. "Sie hatten in der DDR allerdings weit weniger mit finanziellen Sorgen zu kämpfen als in der BRD", heißt es im Online-Handbuch "Inklusion als Menschenrecht" vom Deutschen Institut für Menschenrechte.

"Grenzen überwinden" ist das Motto der Feierlichkeiten zum 25-jährigen Jubiläum der Vereinigung beider deutscher Staaten am 3. Oktober, die in diesem Jahr in Frankfurt am Main stattfinden. Gerade in diesen Tagen erleben und erkennen wir, dass noch viele Grenzen zu überwinden sind. Nicht zuletzt die zwischen Oben und Unten.

Vergessen wir nicht, von welcher Adresse die Teilung Deutschlands Schritt für Schritt betrieben wurde:

  • Einführung der DM (BRD): 21. Juni 1948
  • Einführung der Deutschen Mark (DDR): 24. Juli 1948
  • Gründung der BRD: 23. Mai 1949
  • Gründung der DDR: 7. Oktober 1949
  • Gründung der Bundeswehr (BRD): 12. November 1955
  • Gründung der NVA (DDR): 1. März 1956

Bei all dem Guten, was verloren ging am 3. Oktober 1990, habe ich gute Gründe, froh zu sein über die neue BRD: Ohne meine großartigen Kollegen aus der früheren DDR gäbe es die kobinet-nachrichten nicht. Und ich bin verheiratet mit meiner geliebten Bettina aus Berlin, die in Kladow so weit im Westen von Westberlin aufgewachsen ist, dass es schon fast Osten war.

"Da sind wir aber immer noch,
doch der Staat ist nicht mehr da,
den die Arbeiter erbaut,
das Land, es lebt, es lebt erst dann,
wenn das Volk sich wieder traut."

Text nach einem Lied des Oktoberklub, umgedichtet von der Freien Deutschen Jugend (FDJ), Mitglied im Weltbund der demokratischen Jugend (WBDJ).

Lesenswert: Von der Abhängigkeit in der DDR zum Arbeitgebermodell.

 

Lesermeinungen zu “Die Brüchigkeit des Verstands und der Gefühle zum 25. deutschen Einheizjubiläum” (11)

Von Gisela Maubach

Lieber Herr Vernaldi,

in aller Eile ganz kurze Anmerkungen:

Mir ist die Situation der Menschen in der ehemaligen DDR sehr bekannt, denn ich bin ca. 20 Jahre lang etwa 6 Kilometer von der damaligen Grenze entfernt aufgewachsen und habe die von uns getrennten Verwandten, von denen einem die Flucht gelungen ist, "drüben" des öfteren besucht.

Auch ich würde gern Äpfel mit Äpfeln und Birnen mit Birnen vergleichen - nur werden die heutigen Probleme, mit denen wir Eltern behinderter erwachsener Kinder uns vergleichen könnten, gar nicht erst thematisiert.

Ich stimme Ihrem Leserbrief voll und ganz zu - nur folgendes Zitat möchte ich noch kommentieren:

"Ich möchte, dass die Leute, die die nötigen Hilfen erbringen, dafür bezahlt werden. Sie sollen sich nicht opfern, sondern ihr Leben davon bestreiten."

Ich möchte mich im Alter von 58 Jahren eigentlich gar nicht mehr "opfern" (auch wenn ich dafür bezahlt würde), denn ich bin der Meinung, dass auch ich als nichtbehinderte Mutter einen Anspruch auf Menschenrechte habe, um ein eigenes Leben führen zu dürfen.
Und dafür ist es zwingend notwendig, dass ALLE (!) Menschen mit Behinderungen personenzentrierte Leistungen bekommen können.
Ich hoffe, dass wir darin übereinstimmen, dass es nicht sein darf, dass es innerhalb eines Bundesteilhabegesetzes noch Menschen geben darf, die ausgesondert unter sich bleiben MÜSSEN, weil sie wegen fehlender Leistungsfähigkeit "nicht brauchbar" sind.

Momentan deutet alles darauf hin, dass die Einrichtungszentriertheit für diese Personenkreis beibehalten werden soll, indem das mit hübsch klingenden Formulierungen schöngeredet wird.
Außerdem entsteht der Eindruck, dass diejenigen, die die Einrichtungsgebundenheit von Leistungen für den von mir angesprochenen Personenkreis offensichtlich nicht antasten wollen, genau wissen, dass das mit der UN-Konvention nicht vereinbar ist, aber das scheint man aussitzen zu wollen, indem man uns zumutet, dann den langen Weg durch alle Instanzen zu kämpfen.

Deshalb beende ich meinen Leserbrief jetzt mal mit dem Wortspiel aus der Überschrift dieses Beitrages:

Dem Gesetzgeber muss so "eingeHEIZt" werden, dass die Würde ALLER Menschen unantastbar wird!!!

Von nurhessen

Sehr geehrter Herr Vernaldi,
ein Nachtrag zu Ihrem Beitrag von Samstag, 10. Oktober 2015 17:38:
„Mit den gebrochenen Biografien meinte ich Menschen, die aufgrund von Bagatellen in den Strafvollzug oder die Psychiatrie gerieten und daraus nicht unbeschädigt hervorgingen; deren Familien daran zerbrachen, denen die Kinder über Jahre entzogen wurden usw.“
Auch bei uns entstehen unter anderen Vorzeichen andere, neue und eben spezifisch bundesdeutsche „gebrochene Biografien“. Da ist es wieder: das Fallobst der Äpfel und Birnen! Aber durchaus nicht unbeschädigt. Herzliche Grüße

Von nurhessen

Sehr geehrter Herr Vernaldi, danke für Ihre Antwort. Sie ist nicht „überengagiert“, sondern stimmt so. Wir Eltern und Mütter sind das Ruhekissen der Politiker und der übrigen Mitglieder unserer inklusiven Spaßgesellchaft, auf das sich Verantwortung gut verschieben lässt. Die Verhältnisse der DDR und im Übrigen auch den anderen Staaten des damaligen „Ostblocks“ (sie werden sich in einigen Ländern wohl kaum geändert haben) sind und waren unmenschlich. Sicher geht es uns da besser. Aber irgendwann habe ich gelernt, dass man die Lebensverhältnisse immer nur mit den herrschenden vergleicht, in denen man lebt. Also Armut hier sei nicht mit der Armut in Bangladesh vergleichbar! Ob das so stimmt, kann ich nicht sicher beurteilen. Es sind eben Äpfel und Birnen. Grüße von mir (Mutter von zwei Kindern mit Behinderung und einem Sohn, der durch Suizid starb, die aber auch ihr eigenes Leben leben will).

Von Matthias Vernaldi

@nurhessen @Gisela Maubach

Es ist immer schwierig, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Natürlich: bei beidem handelt es sich um Obst. Trotzdem kommt man in viele Schieflagen, wenn wir das bezüglich der DDR, die es ein Vierteljahrhundert schon nicht mehr gibt, und der Bundesrepublik tun (die gibt es noch, aber irgendwie nun doch mit der DDR).
Offenbar scheint man davon nicht wegzukommen, zu meinen, dass jemand, der die DDR insgesamt sehr kritisch bewertet, die Zustände in der damaligen oder gar heutigen Bundesrepublik deshalb großartig findet.
Ich gehe mit Ihnen recht, wenn Sie sagen, dass der Inklusionsbegriff zu einer großen Lüge verkommt. Ich kann ihm kaum noch etwas Emanzipatorisches, gar etwas Kämpferisches abgewinnen.
Wir müssten die Politiker bei ihren Sonntagsreden auspfeifen. Wir könnten sie einfach stehen lassen, wenn sie Pressefotos mit uns machen wollen. Aber nein: Wir tragen Fackeln durchs Land und singen Schlager, die wir gebärden und malen in dazugehörigen Clips eine bunte heile Welt, in der alle zusammen gehören und glücklich sind. Diese Welt gibt es nicht. Sie gibt es weder für Menschen mit Behinderungen noch für weniger anders begabte Menschen. Sie gibt es einfach nicht.
Ebenso keine Frage: Dieses Aussonderungssystem nach den Maßgaben der Verwertung bricht Biografien, bzw. zeichnet für die, die da am aller wenigsten zu bieten haben, Biografien vor, die keine mehr sind. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Leute, die gezwungen sind, in Wohneinrichtungen zu leben, oft ihrer Biografien verlustig gehen. Ihre Vergangenheit schrumpft zusammen, wenn der Angehörigenkontakt sich mindert. Andere biografische Fixpunkte wie die große Liebe, die große Enttäuschung, Heirat, Kinder, verschiedene Jobs und Ausbildungen, Reisen und natürlich auch Scheitern gibt es überhaupt gar nicht erst.
Und was mit den Eltern (meist sind es ja nur die Mütter) schwerstbehinderter Kinder gemacht wird, ist empörend. Und auch da gibt es dann Politikerworte von aufopferungsvoll und so. Nichts ist entwürdigender für uns Behinderte, als dass ich gerade unsere Angehörigen für uns aufopfern. Aber das ist das Bild der Mutter und der Familie, auf dem sich die Politik weiterhin ausruht. Ich möchte, dass die Leute, die die nötigen Hilfen erbringen, dafür bezahlt werden. Sie sollen sich nicht opfern, sondern ihr Leben davon bestreiten.
Doch damit sind wir weit ab vom Ursprungsthema. Ich habe in der DDR einige Eltern von (meist erwachsenen) schwerst mehrfachbehinderten Kindern gekannt. Sie standen enorm unter Druck. Die Einrichtungen, die es gab, waren oft Orte des Grauens (Anfang der 90er gab es Reportagen aus Ückermüunde in Mecklenburg/Vorpommern oder Bad Blankenburg in Thüringen, die zeigten, die Bewohner in Räumen, die mit Fäkalien verschmiert waren, festgebunden ans Bett oder in Fetzen gekleidet). Eltern also, die dem Bedürfnis folgen wollten, mehr Freiraum und Eigenlenkung in ihr Leben zu bringen und nicht unentwegt für ihr Kind da zu sein, hätten es es oft in völlig unzureichende, ja schädliche Verhältnisse abgeben müssen. Was ich damit sagen will: Auch in der DDR wären Sie, Frau Maubach, nicht minder (wahrscheinlich sogar stärker) diesbezüglich in Not geraten.
Mit den gebrochenen Biografien meinte ich Menschen, die aufgrund von Bagatellen in den Strafvollzug oder die Psychiatrie gerieten und daraus nicht unbeschädigt hervorgingen; deren Familien daran zerbrachen, denen die Kinder über Jahre entzogen wurden usw.
Es ist einfach nicht sinnvoll, das miteinander in Bezug zu setzen.
Ich merke gerade, dass das schon wieder den Umfang eines ganzen Artikels hat. Bin wohl diesbezüglich etwas überengagiert. Deshalb Schluss jetzt.
Herzliche Grüße und gute Wünsche, vor allem an Sie, Frau Maubach.

Von Gisela Maubach

@ nurhessen

Ich kann da nur voll zustimmen, dass das Wort "Inklusion" zunehmend auch für Menschenrechtsverletzungen instrumentalisiert wird, indem "nicht-brauchbare" Menschen mit Behinderung bei allen Inklusions-Themen ausgeschlossen sind.

Und was die gebrochenen Biografien betrifft:

Mein 28-jähriger Sohn ist nunmehr seit mehr als drei Monaten rund um die Uhr zu Hause, weil er aufgrund eines Wasserbettes und anderen Liegeflächen in der Schwerstbehindertengruppe der Werkstatt tagsüber geschlafen hat, was zu Hause nicht nur zu schlaflosen Nächten, sondern auch zu zunehmenden epileptischen Anfällen geführt hatte. Trotz ärztlichen Attestes über die Auswirkungen von Tagesschlaf wird eine Betreuung ohne Tagesschlaf nicht ermöglicht.
Über den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung ist immer noch nicht entschieden (befindet sich vor'm Landessozialgericht).

Zu Hause funktioniert der Tag-/Nacht-Rhythmus seit mehr als drei Monaten wunderbar, und die epileptischen Anfälle sind wieder auf ein Minimum reduziert.

Die gebrochene Biografie ist in diesem Fall nicht die meines Sohnes, sondern die von mir als Mutter.
Meine Kündigung hat mein Arbeitgeber zunächst nicht akzeptiert und hat mir nach Ausschöpfung meines Jahresurlaubs noch einen Monat unbezahlten Urlaub gegeben - habe also für September kein Gehalt mehr bekommen - aber wenn in den kommenden Tagen keine Tagesstruktur ohne Schlaf für meinen Sohn ermöglicht wird, besteht meine gebrochene Biografie darin, dass sich niemand dafür interessiert, dass ich im Alter von 58 Jahren eine von vielen in der Arbeitslosenstatistik sein werde . . .

Von nurhessen

Sehr geehrter Herr Vernaldi, ich beziehe mich auf Ihre Äußerung und Ihr Bekenntnis von Sonntag, 4. Oktober 2015 13:15, in dem ich mit großem Respekt Ihre Schilderung des Zustands der DDR gelesen habe. Die von ihnen geschilderten „gebrochenen Biografien“ kann man ohne Umschweife
unter den Lesermeinungen zu „Innere Einheit vollenden“ bei Wolfgang Ritter
Samstag, 3. Oktober 2015 19:12 nachlesen.
Diese gebrochenen Biografien – entschuldigen Sie den hinkenden Vergleich der jetzigen Verhältnisse in unserem demokratischen Rechtsstaat mit dem totalitären Regime der DDR – werden unter den Augen der Öffentlichkeit nunmehr unter anderen Vorzeichen wiederum neu erzeugt. Gerade in „kobinet“ sind diese Biografien eindrücklich zu lesen. Daher möchte ich Sie bitten, Ihr Wort „… kobinet ist mittlerweile zu wichtig geworden, …“, in allen Gremien der „kobinet“- Redaktion, auf allen Ebenen einzusetzen und einzulösen. Denn so viel scheint mir sicher, das Wort „Inklusion“ droht zum terminus technicus für Menschenrechtsverletzungen der Jetztzeit zu werden, indem es sowohl an dem einen als auch an dem anderen Ende die Kulissen verschiebt. Oder konkret: Menschen, die nicht fähig sind, in diesem Staat nach den Definitionen des Staates „produktiv“ zu arbeiten, werden mit der Leerformel Inklusion in die Pflege gedrängt; Menschen, die gerne arbeiten wollen und auch könnten, werden eben mit dieser Formel davon abgehalten. Ich verweise in diesem letztgenannten Zusammenhang auf eine seit 01.08.2015 gültige neue „inklusive“ Vereinbarung im Rahmenvertrag zwischen der Bundesagentur für Arbeit und der BAG Berufsbildungswerke e.V.
Beste Grüße

Von Matthias Vernaldi

Ich glaube, Frau Hasse, die Sache mit den Beißreflexen sehen Sie etwas zu totalitär. Bei der kritisierten Veröffentlichung geht es nun einmal nicht um eine kritische und differenzierte Sicht auf die DDR. Es ist eine Lobeshymne. Wenn die in der „Jungen Welt“ oder in der „UZ“ erscheint oder irgendeinem PEGIDA-Portal interessiert mich das nicht. Aber kobinet ist mittlerweile zu wichtig geworden, als dass man hier derartige Äußerungen unkommentiert stehen lassen sollte.
Ich weiß sehr wohl wie es in der DDR gewesen ist. Ich habe dort bis zu ihrem Ende gelebt. Viele meiner Freunde und Verwandten waren inhaftiert, hatten Berufsverbot, wurden wegen ihrer Haltung, ihres Glaubens wegen oder einfach nur wegen ihrer Lust auf Leben am beruflichen Fortkommen gehindert und massiv benachteiligt. Viele haben gebrochene Biografien, weil sie sich nicht konform genug verhalten haben. Dieser Tyrannei werde ich nicht eine Handbreit positive Bewertung abgewinnen.

Von Heidi Hasse

Lieber Harald Reutershahn,

ich finde ihren Artikel mutig, er verdient keine Buhrufe. Im Gegenteil. Aber Ihnen war doch sicher klar, dass er sämtliche Beißreflexe derer herausfordert, die sich nicht in der Lage sehen, ein sowohl kritisches aber eben auch differenziertes Bild über die DDR zu akzeptieren, sondern es als Selbstverständlichkeit betrachten, dass nur draufgehauen wird. Zum Beispiel Arnd Hellinger: „Daneben wird hier die DDR in einer Weise glorifiziert, die schon fast nicht mehr erträglich ist“, oder Matthias Vernaldi „Aber jeder Gedanke daran, dass das, was im Ostblock lief, zu einer Alternative beitragen könnte, ist ein Hohn gegenüber den unzähligen Opfern und der Menschlichkeit und Freiheit an sich.“, aber auch Wolfgang Ritter: „die Materie nicht nur nach den Lehren von Marx und Engels betrachten.“ Für mich verraten solche Parolen nicht nur mangelnden Respekt vor vielen ostdeutschen Biografien, sondern auch, dass man gar nicht gewillt ist, genauer hinzugucken und aus Geschichte auch zu lernen. Die veröffentlichte Meinung scheint immer noch der Maßstab aller Dinge zu sein. Die große ostdeutsche Malerin und inzwischen auch Schriftstellerin Heidrun Hegewald schrieb mal: „Ich bin, was mir geschieht.“ Das ist wohl war. Und ich kenne viele Menschen mit Behinderung, die trotz vieler Widrigkeiten in Sachen Barrierefreiheit, Reisefreiheit und Demokratiedefiziten in der DDR ihre normale Arbeit in normalen Betrieben sehr schätzten und sie jetzt vermissen. Man kann das als ostdeutsche Propaganda abqualifizieren, man könnte aber natürlich auch mal darüber nachdenken.

Mit herzlichen Grüßen , Heidi Hasse

Von Arnd Hellinger

Zunächst: Es trifft zwar zu, dass die NVA formal erst nach der Bundeswehr gegründet wurde, allerdings gab es schon seit 1949 Einheiten der "Kasernierten Volkspolizei" sowie paramilitärische Betriebskampfgruppen - und dort "diente" man keineswegs immer freiwillig...

Daneben wird hier die DDR in einer Weise glorifiziert, die schon fast nicht mehr erträglich ist. Wer die diversen Einrichtungen vor 1990 von innen gesehen hat, weiss, wovon ich rede. An auch nur ansatzweise barrierefrei zugängliche Verkehrsmittel, öffentliche Gebäude etc. oder individuell angepasste Rollstühle war ebenfalls nicht zu denken.

Von Matthias Vernaldi

Ach, Harald Reutershahn,

Ihre Auslassungen bei kobinet empfand ich schon immer etwas naiv und unreflektiert. Aber das darf ja Journalismus und ich habe es immer wieder mit Vergnügen gelesen.
Wenn Sie vor 40 Jahren als Jugendlicher Behindi aus der westlichen Provinz heraus von der DDR fasziniert waren, sei Ihnen das verziehen, bzw. gar nicht erst vorgeworfen. Die gesamte westdeutsche Linke schien zu diesen Zeiten ja gegenüber den eklatanten Menschenrechtsverletzungen und Ausbeutungsmechanismen im Ostblock blind zu sein. Aber wenn sie nun 25 Jahre nach dessen Ende diesem autoritären monolithischen System immer noch derartige Elogen singen, disqualifiziert Sie das gründlich.
Der Kapitalismus, bzw. das derzeit herrschende System, hat jede Kritik verdient und das Nachdenken über Alternativen ist nicht nur löblich, sondern unabdingbar. Aber jeder Gedanke daran, dass das, was im Ostblock lief, zu einer Alternative beitragen könnte, ist ein Hohn gegenüber den unzähligen Opfern und der Menschlichkeit und Freiheit an sich.
Ich werde mich sicher nicht in die Lobreden der Einheit einreihen. Lobreden, wie sie von ihnen kommen, sind jedoch laute Buh-Rufe wert.

Schade, Matthias Vernaldi

Von Wolfgang Ritter

Hallo Herr Reutershahn,

urteilen sollte man dann, wenn man auch mitreden kann und die Materie nicht nur nach den Lehren von Marx und Engels betrachtet.

Wolfgang Ritter

Lesermeinung schreiben?

Beim erstmaligen Schreiben Ihrer Lesermeinung werden Sie zur Registrierung geleitet. Dabei erkennen Sie die Nutzungsbedingungen und die Netiquette an.Sie erhalten eine Bestätigungs-E-Mail. Bitte schauen Sie auch in Ihren Spamordner. Bestätigen Sie den Empfang durch Klicken auf den angezeigten Link. Sie erhalten ein Fenster und ergänzen Ihren Anzeigenamen und Ihren persönlichen Namen zur E-Mailadresse. Die Lesermeinung ist auf 2000 Zeichen begrenzt und Sie können bis 14 Tage nach Veröffentlichung der Nachricht schreiben.